Hoch oben in den majestätischen Anden wächst Clara in einer indigenen Gemeinschaft auf und begleitet ihre Ziehmutter zu Hausgeburten. Mit ihrer schönen Stimme und rituellen Gesängen hilft sie, neues Leben auf die Welt zu bringen. Während sie tief in den Ritualen verwurzelt ist, spürt sie zugleich die Sehnsucht nach einem Leben in der Stadt. Als Ärzt:innen das alte Wissen zunehmend infrage stellen und für Geburten in Kliniken werben, gerät Clara in einen Zwiespalt. Mit überwältigenden Tableaus erzählt der Bolivianer Olmos Torrico in «La Hija Cóndor», seinem zweiten Spielfilm, von Tradition, Identität und Mut, der eigenen Stimme zu folgen.
Clara ist eine junge Quechua, die im Cochabambatal umgeben von Bergen lebt. Als Tochter und Nachfolgerin von Ana, der letzten Hebamme in der Region, wartet in ihrer Gemeinschaft eine wichtige Aufgabe auf sie. Es sind heilig anmutende Momente, wenn Ana eine Hochschwangere sanft im Andentuch wiegt und Claras Gesänge einsetzen, um das Baby auf seinem Weg ins Leben zu begleiten. In der lokalen Kultur geniesst die Geburtshelferin hohes Ansehen. Gemeinsam ziehen die beiden Frauen zu Fuss von Weiler zu Weiler, während über ihnen der Kondor seine Kreise zieht. In der andinen Kosmovision gilt er als Vermittler zwischen der irdischen Welt und den Göttern. Doch so hingebungsvoll Clara diese Übergänge begleitet, wächst in ihr zugleich die Sehnsucht nach einem Leben jenseits dieser Gemeinschaft. Die Sitten im Dorf sind streng, und auch Ana zeigt wenig Verständnis für Claras Lebenshunger – nicht zuletzt, weil es ihre eigene Existenz bedroht. Ärzt:innen aus der Stadt warnen vor den Risiken der Hausgeburten, Kliniken sollen künftig eine «würdige» medizinische Versorgung gewährleisten.
Über das Radio dringen neue Klänge zu Clara, verlockende Gedanken an eine Karriere als Sängerin in der Stadt. Im Einklang mit der Erhabenheit der Anden entfaltet Olmos Torrico eindrucksvolle Bilder der weiten Landschaft und kontrastiert sie mit Innenaufnahmen, die wie aus einer vergangenen Zeit wirken. Dabei verfällt er nicht in Nostalgie, sondern zeigt eine Welt im Umbruch – und stellt die Frage, wie sich Tradition und Moderne miteinander verbinden lassen.
Von Geburt zu Geburt
Director`s Statement
Während einer Reise durch die Landschaften im Herzen der bolivianischen Anden begegnete ich einer Quechua-Hebamme. Man erzählte mir, sie sei die Letzte ihrer Art in der Region – was mich berührte und mein Interesse weckte. Über längere Zeit besuchte ich sie regelmässig und lernte, mich mit ihr zu verständigen. Kurz darauf verstarb sie, und mir wurde bewusst, welche zentrale Rolle traditionelle Hebammen in den Geburtszyklen ländlicher Gemeinschaften spielen. Ihre Präsenz ist wesentlich für die Weitergabe indigener Traditionen und kultureller Werte – selbst jener, die uns heute widersprüchlich oder überholt erscheinen mögen.
«La Hija Cóndor» (Die Kondor-Tochter) wurde in derselben Gemeinde gedreht, in der diese Hebamme lebte – inmitten derselben Berge und auf denselben Pfaden, die sie früher beschritt. Das Schreiben dieses Films war eine intensive Reise voller Recherchen und eine Wiederannäherung an eine Landschaft – eine Geschichte über Zeit, Blicke, Klang und Stille, Land und Stadt, Leben und Tod.
Die Zusammenarbeit mit dem Kameramann Nicolás Wong Díaz war etwas ganz Besonderes. Ich habe das Gefühl, dass er die Essenz dessen, was ich ausdrücken wollte, getreu eingefangen hat – jenes feine Chiaroscuro, das durch das Licht entsteht, wenn es durch Fenster fällt und in nächtlichen Szenen oder bei Geburtssequenzen die Texturen und die Haut der Figuren hervorhebt. Ich möchte das Engagement der nicht-professionellen Schauspieler:innen würdigen, die an diesem Film mitgewirkt haben, insbesondere das der beiden Protagonistinnen, die zuvor noch nie geschauspielert hatten und während emotional fordernder und komplexer Szenen über den gesamten Dreh hinweg grossen Mut bewiesen haben: María Magdalenea Sanizo als Ana und Marisol Vallejo Montaño als Clara.
Ana und Clara (v. l.)
Ana ist eine alte, erfahrene Hebamme. Zu den Geburten nimmt sie Clara mit, ein Mädchen im Teenageralter, die das Handwerk so von ihrer Tante lernt, die gleichzeitig ihre Mutter ist, offenbar nicht die leibliche. In dieser Gemeinschaft sind viele Frauen Tanten und Mütter gleichzeitig, alle irgendwie miteinander verwandt. Ana arbeitet mit ihren Händen, Clara mit ihrer feinen, fast zerbrechlichen Stimme. Für einen guten Start ins Leben braucht es beide: ein eingespieltes Paar, Alt und Jung im Einklang mit ihrer Tradition.
Die Kinder, die Ana und Clara liebevoll empfangen, werden für unsereins in eine Welt aus einer anderen Zeit geboren. Eine, in der nicht einmal unsere Uhrzeit existiert, es keinen Strom und auch keine von unseren sogenannten Errungenschaften und Annehmlichkeiten gibt. Die Väter bezahlen die Geburtshelferin nach ihrer Arbeit mit dem, was sie gerade zum Geben haben: Saatgut, vielleicht einmal ein Lamm oder, wie am Anfang des Films, für Clara ein altes Transistorradio ohne Batterien.
Ein Radio. Ana schielt schon argwöhnisch, sagt, ihr Vater habe auch einmal eines gehabt und sie habe als Kind beim Einschlafen oft Radio gehört, die Musik von damals. Heute bevorzuge sie die Stille. Doch Clara treibt Batterien auf, sie will wissen, wie die Musik von heute klingt. Allein auf einem Feld sitzend, über ihr der grosse Himmel, dreht sie am Senderknopf und hört verzückt die animierte Stimme des Moderators im Partysound aus der Stadt. Eine andere, unbekannte Welt kommt ihr zu Ohren. Und da ist auch noch ihre Freundin Flora, die es nicht mehr aushält, «hier mitten im Nirgendwo zu leben». Flora erzählt von einem Fest, einem Jungen aus der Stadt und dass man dort Geld verdienen könne. Vorerst will Clara nichts davon wissen.
Flora und Clara auf dem Weg nach Cochabamba
Doch früher oder später ist der existenzielle Konflikt unvermeidlich: Wie überall in Lateinamerika, ob in Chiapas oder bei den Huicholes in Mexiko, den Guaraníes in Paraguay, den Yanomamis im Amazonas. Die andere Welt dringt überall durch. Auch in die abgelegensten Gebiete im Hochland der Anden, zu den Quechuas, in die Dorfgemeinschaft von Ana und Clara.
Das Andere, dieser ungebetene Gast, ist oft gar nicht feindselig, sondern freundlich und wohlwollend, doch fast immer besserwisserisch, bevormundend. Das moderne Leben, die Träume, der sogenannte Fortschritt. Mal kommen sie als beschwingte Tanzmusik im Radio oder auf dem Dorfplatz daher, mal humanitär im weissen Jeep des Roten Kreuzes, aus dem Ärzte in ihren ebenfalls weissen Kitteln steigen und Clara deutlich durchgeben, dass es so einfach wie bis anhin, nur mit Händen und Singsang, nicht weitergehen kann.
Die alte Ana will nichts davon wissen. Die junge Clara sieht und hört dies alles und schweigt. Doch man sieht während der Geburt am Schluss des Films die tausend Fragen und Gedanken in ihren Augen, die erahnen lassen, wie das Leben weitergeht im ewigen «Panta rhei» des Heraklit von Ephesos.
Titelbild: Eine Geburt, unterstützt von Ana und Clara
Regie: Álvaro Olmos Torrico, Produktion: 2025, Länge: 103 min, Verleih: trigon-film


Wunderschön diese Momentaufnahme einer authentischen Geburtsszene, wie ein Ölgemälde in den Farben der Alten Meister. Erstaunlich, dass sich ein Mann dieses urweiblichen Themas Geburt und Tradition für eine Verfilmung angenommen hat und die singende, junge Begleiterin an der Seite der alten Hebamme, mit ihrem eigenen Blick auf die Verführungen des modernen Lebens bildlich darzustellen versucht.
Vielen Dank für diesen Beitrag.