«Wir leben in einem epochalen Umbruch. Demokratien kriseln. Und wie kommen wir da raus?» Das sagte und fragte Julian Nida-Rümelin, der ehemalige (Kultur-)Staatsminister der ersten rot-grünen deutschen Bundesregierung 1998-2002 am 7. Juli 2026 im Burghof in Lörrach. Er hielt da einen inspirierenden Vortrag. Und wir sprachen nachher zusammen bei einem Podium darüber.
Der Professor für Philosophie, seit 2022 Gründungs-Rektor der Humanistischen Hochschule Berlin, eröffnete am Festival STIMMEN ohne Grenzen ein neues Format. Das Programm integriert nun auch gesellschaftliche und politische Dialoge. Mit STIMMEN sind bei dem Festival ursprünglich musikalische Klänge gemeint. Sie verlangen gut zuzuhören. Und das gilt jetzt ebenfalls für Debatten und die Demokratie.
Nida-Rümelin rekurrierte zunächst auf seine Bücher: Was Demokratie ausmacht (München 2025) und Der Epochenbruch (Berlin 2026). Demokratie lebt, so der Autor, wenn sich Bürgerinnen und Bürger «wechselseitig als frei, gleich und vernunftbegabt anerkennen» und bemühen, «ihr Zusammenleben human zu gestalten». Das ist allerdings kein Selbstlauf, aber bitter nötig. Gerade im Kontext neo-autoritärer Strömungen.
In den 1970er- und 80er-Jahren verbreiteten sich hoffnungsvolle Debatten über Abrüstung und Frieden. Nida-Rümelin beteiligte sich eifrig daran. Und mit dem Fall der Berliner Mauer (1989) beziehungsweise dem «Untergang der Sowjetunion» schien der Kalte Krieg beendet zu sein. Zivil couragierte Menschen trugen viel dazu bei. In West und Ost.
Angelsächsische Neoliberale wähnten sich indes als Sieger. Sie überhöhten sich und wollten ihre Profite weiter steigern. Der Wandel durch Handel und Finanzgeschäfte sollte ebenfalls Demokratien befördern. Einseitig zu eigenen Gunsten betrieben, stärkte diese Strategie jedoch eher Aristokratien, die ihre Pfründe autoritär verteidigen. Was nun wiederum dazu verleitet, selbst aufzurüsten und Konflikte auch mit militärischen Mitteln anzugehen, die sie mit verursachen.
«Die Wahrheit ist allerdings komplexer», so Realist Nida-Rümelin. Gedankliche Klarheit helfe, sich ihr anzunähern; fundiert und differenziert. So plädiert er dafür, aktuelle Kriege, über situative Gewalt hinaus, historisch umfassender zu kontextualisieren, um sie besser zu verstehen. Strukturell hängt für ihn der Weltfrieden von einer föderalen multipolaren Ordnung ab, die mono- sowie bipolare Konzepte ebenso überwindet wie «westlichen Triumphalismus».
«Kollektive Sicherheit strebt Freiheit für alle an», fügt der Philosoph an. Sie achte universelle Menschenrechte, ohne diese «bellizistisch» zu instrumentalisieren. Kooperation setze auf berechenbare Entspannung sowie gleichrangige Augenhöhe. Und wenn militärische Potenziale an Relevanz verlören, könnten wir uns alle mehr auf akute Herausforderungen konzentrieren. So etwa auf die Welt-Ernährung, das Welt-Klima und darauf, unser Zusammenleben zu humanisieren.
Und wie lassen sich eine demokratische Kultur und ein Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung stärken? Darauf insistierten dann Burghof-Intendant Timo Sadovnik und der Lörracher Kulturbeauftrage Lars Frick. Sie moderierten das Gespräch und luden dazu ein, beim Reden die eigenen Ohren zu spitzen. Das gehöre zu einem angstfreien öffentlichen Diskurs, befanden alle. Ebenso die Meinungsfreiheit und das Bemühen, Ambivalenzen klar anzusprechen, um Polarisierung zu vermeiden. Im Sinne einer «Soft Power», die sehr wirkungsvoll sein kann. Vor allem dann, wenn sie sich an einer Gerechtigkeit orientiert, die den sozialen Ausgleich klar protegiert.
«Wichtig ist dabei», so Nida-Rümelin, «sich in die Interessenlage aller Beteiligten zu versetzen.» Zudem enthalte Demokratie auch kooperative Pflichten. Auf freiwillige Möglichkeiten, demokratische Teilhabe auf weitere Lebensbereiche auszuweiten, wies dann vom Publikum aus die Südbadener Krimi-Autorin Karin Mörgelin hin. Über ihre basisnahe Vision einer Bürgerdemokratie (2025) diskutieren wir am Mittwoch, 25. November 2026 im Hotel Schützen in Rheinfelden weiter. Auch dann geht es um den epochalen Umbruch und die leise Hoffnung, die Nida-Rümelin am Schluss weckte: «Manchmal läuft es anders als man denkt.»
Titelbild: @ Christian Jaeggi
Buchhinweis:
Julian Nida-Rümelin: Was Demokratie ausmacht und wie sie aus der Krise kommt. Piper, München 2026, ISBN 978-3-492-07376-9.
Julian Nida-Rümelin: Der Epochenbruch. Matthes & Seitz, Berlin 2026, ISBN 978-3-7518-3052-2.


«Wichtig ist dabei», so Nida-Rümelin, «sich in die Interessenlage aller Beteiligten zu versetzen.»
Das sollte sich eigentlich von selbst verstehen, insbesondere in einem Land wie der Schweiz.
Leider stellen wir allenthalben das Gegenteil fest.
Es ist nicht damit getan, dass Parlamentarier jeglicher couleur zusammen Fussball spielen oder ein Bier trinken und sich eigentlich noch ganz nett finden……solange sie nicht über Politik sprechen.
Was Not täte, wäre das Auflösen von Blasen, wo Irrlehren abgeschirmt von jeglicher Realität, so lange gepredigt werden können, bis sie jedes «Sektenmitglied» glaubt, so fest glaubt, es sei allen Gegnern moralisch haushoch überlegen, dass es für Gegenargumente immun wird.
Früher begannen die meisten Falschaussagen mit «es ist doch erwiesen, dass». Heute heisst es, «es gibt Studien, die beweisen, dass»…..