StartseiteMagazinKolumnenXhakas Penalty und der kollektive Fussballwahn

Xhakas Penalty und der kollektive Fussballwahn

Der Autor, also ich, hat Bammel. Nämlich, dass man ihm erst die gelbe und dann die rote Karte zeigen wird. Der Autor, also ich, wagt es, am Lack der Schweizer Fussballwelt zu kratzen, genauer die Motive der fussballbegeisterten Frauen und Männer anzuzweifeln. Er glaubt, dass bei den Arme-Hoch-Reisserinnen und Hopp-Schwiiz-Rufern das Gemeinschaftsgefühl stärker ist als die Liebe zum Fussball. Oder, böser: Wir erliegen einem kollektiven Wahn.

Doch lesen und urteilen Sie.

Vor zweieinhalb Wochen ging die Fussball WM zu Ende. Es gab viel zu sehen. Ausser beim Final Argentinien gegen Spanien. Der war so was von langweilig. Bei diesem Match lohnte sich nur der Nach- und Nahkampf, ausgelöst durch den Argentinier Leandro Paredes.-

Ausser Tschutten bleibt mir in Erinnerung, was die Spiele überdies bewirkt haben. Nämlich pardon, äxgüsi, einen Kollektivwahn. Ist ja schön, dass die Leute jubeln und Fähnchen schwenken. Aber wieso haben sie sich denn tatsächlich so begeistert ereifert? War es wirklich Messis Treffer gegen Österreich, Embolos Rausschmiss oder Granit Xhakas Penalty gegen Bosnien Herzegowina?

Ist die Frau in der dritten Reihe rechts wirklich fussballbegeistert? Oder macht sie mit, weil alle anderen auch mitmachen?

Hm, ich vermute diese Höhepunkte waren nur zum Teil verantwortlich für die Euphorie. Sondern zu allererst die Stimmung. Wenn alle im Stadion tätlich begeistert sind, müssen wir doch dabei sein. Dann, etwas spezieller: der Freund, die Nachbarin, die Chefin, der Gruppen-Alpha. Wenn der/die im Stadion hinter mir die Arme hochreisst, muss es das Hochreissen wert sein. Wenn der Boss neben mir «Uaa» brüllt, mache ich nicht den Miesepeter, sondern brülle auch. Wenn der Platzhirsch den Gegner zur Hölle wünscht, muss der ja einen Grund haben. Aus Tschuttkollegen werden Kampfgefährten.

Sportbegeisterung ist gut & schön; Massenpsychose ist schlecht & böse. Ich fürchte, dass der Gemeinschaftswahn mehr auslöst, als die Freude am erfolgreichen Penalty.

Schreit der Iraner links mit Bart, weil er die Mullahs dermassen liebt? Oder will er bloss dazugehören?

Wenn ich über die Stadion-Grenzen hinausschaue, sehe ich iranische Demo-Teilnehmer. Sie strecken Waffen in die Höhe und zeigen Bilder von Ayatollah Khomeini. CH-Fähnchen und Iran-Führerbilder erfüllen offenbar den gleichen Zweck, sie stiften Identität. Aber: Sind da wirklich alles glühend gläubige Muslime abgebildet, bereit als Märtyrer ihr Leben zu opfern? Oder lassen Sie sich, siehe oben, vom Testosteron-Flash, von der aufgeheizten Stimmung, von Freunden/Nachbarn/Chefs anstecken?

Ich sehe den Sturm aufs Capitol 2021 in Washington. Wiederum Fahnen. Ich ahne Gebrüll, Schreie, Verwünschungen. Sind das jetzt alles glühend gläubige Trumpanhänger? Oder haben sie sich von der heissen Hysterie, von Freunden/Nachbarn/Chefs anstecken lassen?

Glaubt der Mann mit dem Cowboy-Hut, dass Trump Amerika rettet? Oder schwenkt er die Fahne weil die anderen auch schwenken?

Ich schwinge jetzt nicht die Nazikeule, ich tippe sie nur an. «Wollt ihr den totalen Krieg» hat Goebbels 1943 in den Saal gebrüllt. Die 15′000 Zuhörenden im Berliner Sportpalast haben begeistert zurückgebrüllt. Waren die wirklich von der Wehrmacht-Katastrophe 1942 in Stalingrad begeistert? Nahm die Zuhörerschaft wirklich in Kauf, dass die Alliierten Berlin, Dresden, Hamburg totbombardierten? Waren das alles stocksteif versteinerte Nationalsozialisten? Oder haben sie sich von den Uniformem, den Stiefeln, der grossdeutschen Überlegenheit oder eben von Freunden/Nachbarn/Chefs anstecken lassen?

Zuhörer von Goebbels Rede 1943.

Nun sind wir vom wendigen Johan Manzambi, vom schnellen Ruben Vargas und vom engagierten Breel Embolo bei Trump und Goebbels angelangt. Nein, eine direkte Linie besteht wahrlich nicht. Aber irgendwo gibts einen stockdunklen Tunnel mit einer Verbindung zwischen Tschütteler-Begeisterung und Massenwahn.

Oder was meinen Sie?

Bilder: Schweizerischer Fussballverband. Wiki Commons.

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1 Kommentar

  1. Ob zum Thema Fussball, Politik, Religion oder für was auch immer sich Menschen ereifern, mir sind Massenansammlungen suspekt und zuwider, führen sie doch nicht selten zu Gewaltausbrüchen und ungesundem Massenwahn. Leider haben wir diese negativen Entwicklungen nicht unter Kontrolle, da sich die Leute in den sozialen Medien zusammenrotten und motivieren lassen.
    Gefühle der Zusammengehörigkeit zu demonstrieren ist nichts schlechtes, doch sollten sich Veranstalter und Teilnehmer von Grossveranstaltungen bewusst sein, dass im Zusammenleben Regeln gelten und Zwiderhandlungen, auch gegen Menschenrechte, bestraft werden müssen.

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