Der uralten Faszination des Orakels auf die Menschen widmet das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen eine kleine, aber feine Ausstellung: «Orakel. Kaleidoskop der Zukunft». Wir erfahren viel über alte Wege zur Befragung der Zukunft bis hin zu Künstlicher Intelligenz.
Ein Orakel weckt gemischte Gefühle. In unserer vernunftgelenkten Epoche verlässt sich kein Entscheidungsträger ernsthaft auf den Spruch eines Orakels, dennoch fühlen sich viele Menschen von solchen Vorhersagen angezogen. Ob sie nun daran glauben wollen oder nicht, ist gar nicht das Wichtigste, aber der Kitzel zu wissen, was wir vielleicht gar nicht wissen können, verlockt viele.
Mehr als 26’000 Objekte besitzt das Museum zu Allerheiligen, eine Institution, die sich allen Sparten widmet. Es sind bemerkenswert viele Bilder und Objekte aus der Region. Die Kuratorin Victoria Humphrey durchforstete die Depots nach Bildern und Gegenständen, die entsprechend der Epoche ganz unterschiedlich auf eine «ewige» Menschheitsfrage antworten: «Was kommt auf mich zu, wie sieht meine Zukunft aus?»
Verborgene Schätze in den Museumsdepots
Die vielfältigen Gegenstände, die zum Thema der Zukunftsschau etwas beitragen, wurden in fünf Themen zusammengestellt, was ungefähr einem zeitlichen Ablauf entspricht.
«Natur» – die Umgebung der Menschen seit Anbeginn; «Götter» – wir können davon ausgehen, dass die Menschen ihr Geschick und ihre Zukunft seit frühesten Zeiten mit göttlichen Wesen in Verbindung brachten.
«Mensch» – der Mensch, oft eine Frau, wurde zur Weissagerin, zum Medium des Götterspruchs; «Kultur, Vergangenheit» – Objekte, die als Mittel zu Zukunftsprognosen dienten, wurden Modeobjekte, Tarot-Karten etwa oder Orakelspiele, die nicht nur von geschulten oder eingeweihten Personen eingesetzt wurden, sondern jedem und jeder– mehr oder weniger ernsthaft – als Spiel dienten.
Postkarte zum Schmunzeln: Rheinfall mit Zukunftshafen, verlegt von W. Brunner, Neuhausen a.Rh., Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Foto: Ivan Ivic
Wem das zu altbacken erscheint, kann unter dem Thema «Zukunft» auf zwei Stationen selbst die Zukunft erforschen: mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz. Die eine Station hilft der Person, sich über eine Frage klar zu werden, die sie einem Orakel stellen würde. So kann, wer sich darauf einlässt, zuerst einmal ins eigene Innere schauen und erkennen, was ihr oder ihm für die Zukunft am wichtigsten ist.
Die Zukunft hat schon begonnen
Die zweite Station antwortet auf die gestellte Frage, und zwar in einem sorgfältig formulierten Satz, in ausgewählten, eventuell etwas altmodischen Worten und vielleicht sogar in Reimen. – Die Kuratorin erklärt, dass sie dem KI-Programmierteam ihren Auftrag in dieser Art definiert hat. Auch in unserer digitalen Zeit sollte eine Aussage über die persönliche Zukunft einen gewissen Charakter haben. – Versuchen Sie es selbst! Ein Handy genügt.
Ausstellungsansicht (Foto mp)
Im Ausstellungssaal wird unser Blick vom Himmelsglobus (1750) angezogen, geschaffen von Thomas Spleiss (1705-1755). Dieser schön gestaltete Globus verbindet Naturkunde mit Astrologie, der Sternenkunde, die auf uralte Forschungen im babylonischen Raum zurückgeht. Die Darstellungen des Tierkreises, wie bekanntlich der astrologische Jahreszyklus genannt wird, sind besonders schön gestaltet und basieren auf den Forschungen des Astronomen Johannes Hevelius (1611-1687). Anders als bei einem Globus, der unsere Erde darstellt, müssen wir uns bei diesem Globus gedanklich ins Innere der Himmelskugel denken.
Dicke Bücher in der Vitrine zeugen davon, dass Gelehrte sich seit Jahrhunderten mit Weisheitslehren beschäftigten, um zu erkennen, wie unsere Welt beschaffen ist und wohin ihr Weg geht.
Corvus corax (Linnaeus, 1758), Kolkrabe, Präparator: Marcel Nyffenegger, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Foto: Ivan Ivic
Es sind nicht nur Gelehrte, die sich um Voraussagen bemühen, sondern auch Bauern, die ihre Sprüche – Bauernregeln – als Gedächtnisstützen nutzten. Eine Lerche zeigt dem Bauern an, ob der Frühling naht – aber manchmal zwitschert sie zu früh, und der Bauer sollte mit der Aussaat noch warten. Der Laubfrosch musste noch in meiner Kindheit in einem Glas hocken. Wenn er seine Leiter bis zur letzten Sprosse hochkletterte, war mit «trockenem und hellem Wetter» zu rechnen.
Vorzeichen und Anzeichen kommender Ereignisse
Dem Raben wird Weisheit zugesprochen. Oft sitzt er auf der Schulter eines Gelehrten. In jenen Zeiten wurde gelehrtes Wissen und Wissen um die Zukunft den gleichen Personen zugesprochen. Im Römischen Reich wurde der Vogelzug stets genau beobachtet, um daraus Entscheidungen für damals gerade anstehende Fragen herauszulesen.
Wir alle haben von der Priesterin Pythia im Apollo-Tempel in Delphi gehört. Sie sitzt auf einem dreibeinigen Hocker über einer Erdspalte, aus der Dämpfe aufsteigen. So wird die Pythia zumeist dargestellt. Ihr Ruf als Wahrsagerin war in der Antike überall verbreitet, aber ihre Orakelsprüche nicht immer leicht verständlich.
Gottfried Locher (1735 –1795), Die Guggisberger Wahrsagerin, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Sammlung Bernhard Neher / Schenkung Stiftung Oscar Neher, Foto: Ivan Ivic
Wahrsagerinnen – meistens Frauen – gab es überall. Im Museum ist eine kleine farbige Radierung zu sehen, auf der eine Wahrsagerin in Guggisberger Tracht einer gut gekleideten Frau aus der Hand liest. – Was war da die Frage, was wusste die Wahrsagerin zu erzählen?
Spätestens seit Mademoiselle Lenormand wurde die Wahrsagerei, das spielerische Erkennen der Zukunft zu einer populären Beschäftigung. Nicht nur Frauen, die sich berufen fühlten, sondern alle, die in die Zukunft schauen wollten, benutzten Tarotkarten oder andere Spiele, etwa Würfel. Diese hatten schon die alten Römer benutzt, sie nannten sie Astrogali; sogar in der Nähe von Schaffhausen fanden Archäologen solche Würfel aus Tierknochen.
Grand Jeu de Mlle Lenormand, gedruckt von B. P. Grimaud, Paris, vermutlich Ende 19. Jh., Karton, Papier bedruckt, 52 + 2 Karten, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Depositum der Sturzenegger-Stiftung, Foto mp
Zu den anspruchsvollsten dieser «Spiele» gehört das I Ging, in China seit Tausenden von Jahren hoch geschätzt, mit Münzen, einigen Kugeln oder Stäbchen zu spielen. Das geht weit über Alltagsfragen hinaus; eher hilft dieses Spiel, an der eigenen Selbsterkenntnis zu arbeiten, – und ist das Leben nicht zuweilen ein Spiel? Victoria Humphrey bezieht sich wohl darauf, wenn sie uns auffordert, darüber nachzudenken: Vertrauen wir uns selbst? Wem vertrauen wir eigentlich?
Die Kuratorin hat die Ausstellung klug und sehr sorgfältig gestaltet, auch dem Licht hat sie eine besondere Bedeutung gegeben: Alle paar Minuten verändert sich die Lichtstärke im Raum entsprechend den aufeinander folgenden Tageszeiten ganz sanft, so dass wir im Laufe unseres Besuches alle Stufen der Helligkeit erleben.
Orakel. Kaleidoskop der Zukunft. Museum zu Allerheiligen Schaffhausen. Sonderausstellung bis 10. Januar 2027
Titelbild: Ausstellungsansicht (Foto mp)

