Christian Schaub ist «Weit- oder Fernwanderer». Jemand, der nicht wie viele andere nach Santiago de Compostela pilgert, sondern in Etappen zu einem selbst geplanten fernen Ziel wandert. Zweimal jährlich packt er seinen Rucksack und zieht los. Seniorweb hat ihn im aargauischen Windisch besucht.
Christian Schaub holt mich an der Bushaltestelle ab und führt mich durch das alte Industriegebiet der ehemaligen Spinnerei Kunz aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Das «Kunz Areal» ist heute eine Wohn- und Gewerbezone, ein «Quartier für Individualisten, Familien, Start-ups und Gewerbe», so die Webseite. Hier im alten Dorfteil Unterwindisch in einem Metron-Reihenhaus ist Christian zu Hause. Ich kenne ihn als Sängerkollege vom WeltCHOR Baden. Zudem schenkte er mir das Buch seiner «Fussreisen», das mir eine neue Welt eröffnete. Ich wollte mehr von ihm wissen.
![]()
Das Kunz-Areal in Windisch ist heute eine Wohn- und Gewerbesiedlung an der Reuss. (rv)
Zu Hause am Küchentisch erklärt mir der 74-jährige Christian Schaub, dass seine Eltern ihn gerne im Lehrerseminar gesehen hätten. Doch er hatte sich für das benachbarte Elektrogeschäft begeistert und absolvierte dort eine Lehre als Elektriker. Die Arbeit mit Kollegen auf der rauen Baustelle passte ihm. Danach zog es ihn weiter, und er machte den einjährigen Vorbereitungskurs der Schule für Sozialarbeit in Luzern. Aber «lieber wollte ich ein sozialdenkender Technokrat sein», erklärt er, «als ein technokratischer Sozialarbeiter».
Er heuerte bei Swisscom in Brugg an, der einstigen Telefonzentrale der PTT, was ihm zugleich eine neue Berufsausbildung brachte. Nach einem Telefonat mit einem Arbeitskollegen in Irland zog es ihn 1980 nach Dublin, wo er zwei Jahren tätig war. Noch heute ist Irland seine Sehnsuchtsdestination.
Der eigene Schatten als treuer Begleiter
Zurück in der Schweiz heiratete er und konnte dank seiner Englischkenntnisse bei Swisscom in der Internationalen Telefonzentrale einsteigen. Berufsbegleitend machte er dort die Ingenieurausbildung und wechselte zu der Generaldirektion der Swisscom in Zürich. Die Expansion der Swisscom brachte ihn nach Wien, wo die Familie mit den zwei Kindern «eine tolle Zeit verbrachte».
Nach Ablauf des Auslandsengagements der Swisscom war er als Spezialist bei Sunrise und Cablecom, die von UPC aufgekauft wurde, tätig. Danach begleitete er als sogenannter Softwarearchitekt von der Schweiz aus in distant working Projekte für eine Softwarefirma in Bath (GB) und Frankfurt am Main. Als aus Spargründen immer weniger Reisen zu Kunden und dem Firmensitz möglich waren, bekam er ein Burnout und wurde für vier Monate krankgeschrieben.
Sich verirren und neue Wege suchen, gehört zu den Fussreisen.
Nun konnte er machen, was er sich wünschte: «Zur Türe hinausgehen und einfach geradeaus gehen, immer weiter und weiter.» Er hatte das Weitwandern zum Entschleunigen entdeckt, «meine beste Erfindung», meint er. Sein erstes Ziel war Wien. Dafür war er in zwei Etappen während jeweils zwei Wochen zu Fuss unterwegs. Zwischendurch kehrte er mit dem Zug nach Hause zurück.
In seinem Buch Fussreisen schreibt Christian Schaub: «Reisen mit den Füssen bedeutet, neugierig zu sein auf neue Landschaften, Dörfer und Städte, aber eben zu Fuss. Fortbewegen in einem Tempo, bei dem die Sinnesorgane alles aufnehmen können.» Das können alle, lautet seine Message. Von sich selbst sagt er: «Ich bin unsportlich, bequem, ängstlich, ich will bummeln, unterwegs etwas sehen. Wenn ich eine Mühle sehe, will ich sie anschauen, um sie herumgehen. Mich interessieren Alltagsdinge, weniger die Sehenswürdigkeiten.»
Seine Fussreisen für Frühling und Herbst plant Christian jeweils im Winter, «dafür muss man minimal Karten lesen können». Da er gerne bequem schläft, reserviert er im Voraus der Wanderroute entlang Zimmer in Landgasthöfen. Wenn Übernachtungsmöglichkeiten fehlen, wie etwa in ländlichen Gebieten, oder bei wirklich schlechtem Wetter, nimmt er auch den Bus oder Zug zum nächsten Ort. «Ich habe kein Gelübde abgelegt, dass ich immer nur zu Fuss unterwegs sein muss.»
Skurrile Inschriften sammeln.
«Ich wandere pro Tag rund vier Stunden. Nach dem Frühstück starte ich gegen halb neun. Für unterwegs habe ich Proviant dabei. In der Regel komme ich gegen 15 Uhr beim Gasthof an, was dort manchmal zu früh ist. Nach dem Bezug des Zimmers und einer Dusche schaue ich mir den Ort an, besuche den Friedhof, um herauszufinden, wie die Leute hier heissen. Dann ist es auch Zeit für die Käsespätzle im Gasthof.»
«Ich bin genügsam und habe Proviant dabei.»
«Ich bin stundenlang allein unterwegs, selten kommt mir jemand entgegen. Ich fühle mich nie einsam. Ich singe alte Wanderlieder aus der Kindheit. Die ersten zwei bis drei Tage habe ich noch das innere Gewitter im Kopf, aber danach ist es ein wunderbares Floaten, ein grosses Glücksgefühl. Ich beobachte die Natur mit grosser Offenheit. Meine Frau Myrtha ist auch schon mitgekommen. Das ist sehr schön, aber eben anders, dann reden wir zusammen. Nach meiner Rückkehr gibt es jeweils viel zu erzählen; und wieder zusammenzukommen ist dann besonders schön.
Christian Schaub ist allein unterwegs. Ausgiebige Gespräche gibt es zum Ausgleich mit den Verkäuferinnen in den Bäckereien, wo er Proviant einkauft.
Bei der Planung vermeidet er, zweimal dieselbe Strecke zu gehen. Das Erlebnis muss immer neu sein. Zum Ausgangspunkt der Wanderung reist er mit dem Zug. So begann er seine Fusswanderung von Passau aus über Bayreuth, Chemnitz, Dresden nach Berlin. Für Triest startete er in Wien und wanderte durchs Burgenland. Doch da es in Slowenien keine vernünftigen Wanderwege gibt, fuhr er nach Augsburg und wanderte von dort aus an die Ostsee.
Der Sprache wegen ist Christian gerne in Deutschland oder Österreich unterwegs. Bislang ging immer alles gut, ausser einem kleineren Unfall in der Umgebung von Paderborn auf dem Weg zum Desenberg. Beim Überklettern eines hohen Zauns fiel er herunter und verletzte die Hand derart, dass er den Notfallarzt rufen musste. Fünf Jahre später versuchte er es nochmal, doch der Nebel war so dicht, dass er nichts sehen konnte. Letztlich musste er erkennen, dass ihn dieser Vulkanberg nicht wollte
Unterwegs durch Wiesen und Felder
Im Oktober 2026 wanderte Christian von Chur aus über Bonaduz, Andeer, Mathon nach Wergenstein. Gestartet war er in Tagesetappen von zuhause aus. In Mathon war er jeweils als Kind in den Ferien gewesen. Seine Cousine, die Künstlerin Christine Knuchel, hat dort noch ein Malatelier. Doch realisiert er, dass er weniger Energie hat und vielleicht kürzere Touren machen sollte; obwohl er bereits von einer Tour durch England oder Mecklenburg-Vorpommern träumt. Fussreisen in der Schweiz locken ihn nicht besonders, «hier haben meine Augen schon so vieles gesehen. Ich suche Neues. Zudem muss man beim Gehen so auf die unebenen Wege achten, dass ich die Umgebung nicht so frei betrachten kann».
Beim Interview am Küchentisch. (rv)
Das Fotografieren unterwegs dient Christian Schaub als Tagebuch. Sein Buch Fussreisen hat er mit Fotos, Kartenausschnitten und kurzen Texten zu einem poetischen Werk gestaltet und im Eigenverlag herausgegeben. Seine eigene Lesefreude dokumentiert er im Anhang mit seinen Lieblingsbüchern: «Eine Wanderung durchs Büchergestell».
Bilder: © Christian Schaub, Windisch
