FrontGesellschaftEin anderer Blick auf den Iran

Ein anderer Blick auf den Iran

Wer in den Iran reist, entdeckt nicht nur weite, atemberaubende Landschaften und uralte Kulturdenkmäler, sondern trifft auch Menschen von berührender Herzlichkeit.

Foto oben: Kuppel von Zendan-e Iskandar in Yazd
rechts: Rosenzweige schmücken eine Moschee in Shiraz

«Das ist aber mutig! So eine gefährliche Reise, hoffentlich kommst du gut wieder heim!» Auf diese Reaktionen musste ich gefasst sein, wenn ich erzählte, dass ich in den Iran reisen wollte. Inzwischen kann ich aus Erfahrung sagen: Um den Iran zu bereisen, braucht man nicht mehr Wagemut oder Abenteuerlust als für jede andere grössere Reise. Einschränkungen für uns Westler liegen in Schrift und Sprache: Das Persische (Farsi), eine indoeuropäische Sprache, wird mit arabischen Schriftzeichen geschrieben, so dass wir auf englische Übersetzungen bzw. Umschrift angewiesen sind. Zur Zeit ist zudem der Geldwechsel problematisch, da aufgrund der Sanktionen von EU und USA die iranische Währung rapid an Wert verliert und, wenn überhaupt, nur Bargeld (Dollar und Euro) gewechselt werden. Geldbezug oder Zahlungen per Kreditkarte sind meistens nicht möglich.

Touristen – willkommene Besucher

«Welcome in Iran» – das ist der Standardempfang, den wir hörten, wenn wir die Frage nach unserer Herkunft beantwortet hatten. Wir fühlten uns überall freundlich, sehr oft herzlich empfangen. Die Menschen freuten sich, Touristen aus Westeuropa zu sehen, und wir hatten den Eindruck, die Iranerinnen und Iraner würden sich gern mit uns unterhalten, gerade an Orten, die ihnen selbst wichtig sind, wie in Shiraz die beiden Mausoleen der herausragenden persischen Dichter und Gelehrten: Hafez und Sa’adi.

unten: Park um das Mausoleum von Sa’adi in Shiraz

Dorthin pilgern vor allem diejenigen, die sich nicht mehr voll mit dem Islam identifizieren können und stattdessen bewusst die Werte der persischen Tradition pflegen. Die besondere Pflege der Vergangenheit zeigt sich ebenfalls an den vielen Restaurationsarbeiten, die im Gange sind, und in den Museen, wo die Schätze der Geschichte ausgestellt und oft von ganzen Schulklassen angeschaut werden.

Iraner verstehen sich als Indoeuropäer. Gebildete Iraner weisen mit Stolz auf ihre jahrtausendealte Geschichte hin und betonen gern den kulturellen und sprachlichen Zusammenhang mit der europäischen Geschichte. – «Die Mullahs», sagte ein junger Iraner, «die gehören eigentlich nicht zu uns.» Eine derart deutliche Aussage über das gegenwärtige Regime der Geistlichen hatte ich nicht erwartet.

Junge Frauen wirken fröhlich und aktiv, sie sind in der Öffentlichkeit sehr präsent und kommunikativ. Sie erproben mit Freude ihre Englisch- und Französischkenntnisse und sprechen ohne Scheu mit uns Touristen. Mit den Kleidervorschriften gehen sie äusserst kreativ um. An den Universitäten bilden Frauen die Mehrheit, nach dem Abschluss drängen sie in zahlreiche Berufe. Erst wenn sie Kinder haben – viele Iranerinnen heiraten relativ spät -, müssen sie zu Hause bleiben. Wer aber die selbstbewussten jungen Frauen heute sieht, gelangt zu der Überzeugung, dass auch im Iran bald Lösungen gesucht werden müssen, um Mutterschaft und Kindererziehung zu vereinbaren.

rechts: Kunststudentinnen in Hamedan studieren die kunstvolle, in Stein gemeisselte Schrift eines seldschukischen Mausoleums.

Leben im Iran

Die iranische Bevölkerung, nicht die Regierenden, leiden unter den Sanktionen, die wohl in nächster Zukunft den allgemeinen Wohlstand schmerzhaft einschränken werden. Die feindliche Haltung gegenüber der US-Regierung seit mehr als 30 Jahren wird, wie mir scheint, gelassener hingenommen als die Konfrontation mit der Europäischen Union aufgrund des problematischen Atomprogramms.
Trotz allem hat der Iran einen beachtlichen Lebensstandard: Es gibt einen breiten, gut ausgebildeten Mittelstand, daneben sehr reiche Familien. Bettler sieht man, aber selten. Auf den Strassen der grossen Städte ist man täglich einem Verkehrschaos ausgesetzt. Moderne Elektronik wird vielerorts angeboten. Mobiltelefone sind weit verbreitet. Neben den Verkehrsproblemen muss der Iran in den kommenden Jahren auch die Umweltverschmutzung stärker angehen. Während ich in den Städten viele saubere Strassen sah, liegt z.B. neben den Landstrassen viel Plastikabfall. – Auch die Luftverschmutzung ist ein Problem.

unten: Dowlatabad-Palastgarten in Yazd

Grösser als bei uns sind nach meiner Beobachtung die Unterschiede zwischen Stadt und Land, auch scheint die Technisierung der Landwirtschaft weniger fortgeschritten zu sein, was allerdings im Herbst, wenn viele Felder schon abgeerntet sind, nicht eindeutig beurteilt werden kann.

Der Zustand der Gebäude ist erwartungsgemäss sehr unterschiedlich. Während auf dem Land viele Wohnhäuser bescheiden wirken, findet man in den Städten sowohl schäbige als auch äusserst gepflegte Wohnviertel. Überall wird viel Wert auf Grün gelegt. Öffentliche Anlagen werden bewässert, auch die verstopftesten Strassen sind überall von Bäumen gesäumt.
Iran ist besonders im Herbst ein trockenes Land. Aber in den Gebirgen entspringen mehrere grosse Flüsse mit reichlich Wasser, das seit Jahrtausenden dahin geleitet wird, wo die Menschen es brauchen. Diese unterirdischen Wasserleitungen («Qanate«), die seit dem 2. Jahrtausend vor Chr. angelegt wurden, gehören heute noch zu den sehenswerten Kulturgütern.

unten: Zelte der Nomaden

In dem riesigen Land – Iran bedeckt eine Fläche, die ca. 4½ Mal so gross ist wie Deutschland, – leben noch einige Nomadenvölker, z.B. die Bakhtiari und die Qashqai, die beide mehr als Halbnomaden zu bezeichnen sind, sie wechseln nämlich mit ihren Schafherden von den Sommer- zu den Winterweiden und leben vorwiegend in Zelten, besitzen jedoch zum Teil auch Häuser in ihren Dörfern. Durch ihre riesigen Herden gehören sie zu den Reichen im Iran, wie mir ein (städtischer) Iraner versicherte. Die Nomadenfrauen erkennt man an ihren farbenfrohen weitschwingenden Röcken.

Schwierige Nachbarn

Nicht nur mit den Staaten des Westens steht der Iran im potentiellen Konflikt, auch das Verhältnis zu den arabischen Staaten ist aus verschiedenen Gründen nicht unproblematisch. Da ist der längst noch nicht vergessene Krieg mit dem Irak zwischen 1980 und 1989. Der Irak hatte sich die ertragreichen Ölfelder im Iran aneignen wollen in einer Phase, als im Iran die politische Macht der islamischen Geistlichen nicht gefestigt war. Dieser zermürbende Krieg kostete auf beiden Seiten erschreckend viele Menschenleben und ist den Iranern auch heute noch sehr präsent. In fast allen Städten, vor allem in den kleineren, sahen wir Fotos der gefallenen Soldaten in den Strassen hängen, und bei vielen Moscheen gibt es Soldatenfriedhöfe. Jede Stadt hat ihren eigenen Stil, dieses Memento Mori zu gestalten. Im Gespräch merkt man, dass dieser Krieg immer noch schmerzt. Mir wurde erklärt, dass der Krieg durch die Vermittlung der UNO zwar beendet wurde und der Irak zu Reparationszahlungen verurteilt wurde, die er jedoch bis heute nicht bezahlt hat.
Dazu kommen uralte Spannungen zwischen den beiden islamischen Hauptrichtungen der Sunniten und Schiiten, die im Irak immer wieder zu Bombenattentaten führen und wohl u.a. auch im syrischen Bürgerkrieg eine Rolle spielen. Der iranische «Gottesstaat» ist der einzige schiitische Staat im Nahen Osten. Einige wichtige Pilgerorte der Schiiten (z.B. Kerbala) liegen im Irak und sind nur unter Gefahren zu erreichen. Politische Machtansprüche und ökonomische Einflussnahmen lassen sich dabei nur schwer von ideologisch-religiösen Positionen trennen.

Als Touristin konnte ich nur punktuelle Einblicke in dieses vielschichtige Land erhalten, mehr Informationen findet man hier:
Ulrich Tilgner, Die Logik der Waffen. Westliche Politik im Orient. Orell Füssli Verlag 2012
Werner van Gent / Antonia Bertschinger, Iran ist anders. Hinter den Kulissen des Gottesstaat. Rotpunktverlag 2010

Hinweis: Alle Bilder lassen sich durch Draufklicken vergrössern.
Weitere Reiseeindrücke: Iran – uraltes Kulturland

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