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Technik als Brücke zur Selbständigkeit

14. Zürcher Gerontologietag zur „Technik für das Leben im Alter“

Bild: Heidrun Becker, ZHAW Gesundheit, und Robert Riener, ETHZ, Institut für Robotnik und Intelligente Systeme.

Am 14. Gerontologietag haben Fachleute über Impulse, Chancen und Risiken von technischen Hilfsmitteln für Menschen diskutiert. Wie wird die Technik zu einer Brücke zu mehr Eigenständigkeit im Alter? Im zweiten Teil wurde der Vontobel-Preis für Alter(n)sforschung an drei Forschungsteams verliehen, zu aktuellen Themen, die auch den Laien interessieren.

Was einst mit Gehstöcken, Hörrohren und Brillen begann, nennt sich heute Gerontechnologie. Die Technik der Hilfsmittel hat sich über Roboter und Computer rasant entwickelt, in einer Eigendynamik, welche die Bedürfnisse der Menschen übersteigt.

Hans Rudolf Schelling, Geschäftsführer Zentrum für Gerontologie

Welche Hilfen verbessern das Leben eines Menschen, ohne ihn zu entmündigen?, fragt H. R. Schelling, als Moderator zur Eröffnung des Gerontologietages.

Hilfsmittel den Bedürfnissen der älteren Menschen anpassen

Heidrun Karin Becker hat parallel zu den technischen Entwicklungen verschiedene Studien im Bereich Betreuung und Gesundheitsversorgung begleitet und durchgeführt. Ziel der Ergotherapie ist es, die Handlungen im Alltag zu unterstützen. Die Technologie muss der Umwelt und den Bedürfnissen älterer (oder behinderter) Menschen angepasst werden.

Robert Rienert informiert über das Potenzial der Robotniks im Bereich der Neurologie. Die Patientenzahlen steigen, das Personal für Rehabilitation und Pflege wird knapp, mehr Training ist notwendig. Unbestritten sind die Erfolge von Rollstuhl, Walker, Kipptisch, Laufband, Prothese. Kritischer hinterfragt als in Japan werden in Europa Robotniks für Pflege und die künstlichen Haustiere.

Alireza Darvishy, persönlich betroffen durch eine unfallbedingte Sehbehinderung, weiss, wie Selbständigkeit erhalten werden kann durch Hilfestellungen in Wohnung und Umfeld, durch den Zugang zum Internet, auch mit einer alters- oder behindertengerechten Webseitengestaltung. Sein Projekt Einkaufen mit Apps für Planung, Durchführung, Vergleich von Produkten und Einkaufsorten wirkt allerdings kompliziert. Ein Zuhörer vertritt die Meinung eines Anwenders und kontert: „Da hatte meine Mutter mit ihrem Online-Grosseinkauf und der Feinverteilung unter Freundinnen die bessere Idee“.

«Besuche deine Mutter», fordert Thomas Hengartner, Leiter des Institutes für Populäre Kulturen der Universität Zürich (links im Bild, Foto Reinhard Feld).

Technik und Kultur gehören zum festen Bestandteil im Leben eines Menschen. Hengartner sensibilisiert für die unsichtbaren Werte, für den persönlichen Kontakt zwischen Menschen. Handy und Tablett können wertvolle Informationen über und zwischen Menschen vermitteln, nie aber sollen und dürfen sie das sinnliche, gefühlsmässige Erlebnis einer persönlichen Begegnung ersetzen.

Technik für den Erhalt der Lebensqualität

Mike Martin, Gerontopsychologe und Vorsitzender des Zentrums für Gerontologie der Uni Zürich, erinnert daran, dass 87 % der Menschen gesund sind, er plädiert für brauchbare Alltagstheorien, empfiehlt, die Daten, die durch die Technik verfügbar werden, sinnvoll zu nutzen, nicht nur für Behinderte sondern auch für den Erhalt der Lebensqualität des gesunden alten Menschen.

Die Hand als Werkzeug, ein Kulturschatz

Dareile Flitsch, Technikethnologin, Völkerkundemuseum Universität Zürich, und Alireza Darvishy, Institut für angewandte Informationstechnologie (InIT) der ZHAW Winterthur

Mareile Flitsch untersuchte mit Studien in China und in Uganda wie sich Menschen in einem Raum orientieren und ihren Körper als Werkzeug einsetzen. Sie bewundert die alten Chinesen, die morgens um 6 Uhr im öffentlichen Park mit Hüpfen und Balancieren ihre körperliche Fitness trainieren, weil sie im hohen Alter ihren Nachkommen nicht, oder möglichst wenig, zur Last fallen wollen.

Die Überflüssigkeit des Handwerks, der Verzicht auf die Nutzung von Werkzeug und auf den Gebrauch der Hände sei ein grosser Verlust für den Menschen. Das Forschungsfeld „Technik für das Alter“ sei bei weitem nicht erschlossen. Wir unterschätzen alte Leute, wenn wir ihnen technisch helfen wollen: In allen Kulturen setzen Menschen ihren Körper als Werkzeug ein. Behinderte sind „Anderskönner“, wie ein Studienvergleich mit Uganda zeigt. Europäer können lernen von der Lebenstüchtigkeit von Menschen der Dritten Welt, die noch ein Feuer anfachen und weitere Skills beherrschen. Die Reaktion von Körper und Hand muss neu verstanden und geübt werden.

Gefahr droht von Menschen und ihren kommerziellen Interessen

Im Podiumsgespräch unter Leitung von Friederike Geray wird klar festgestellt, dass weder die Ethnologen noch die Psychologen die Technik ablehnen. Gefahr drohe von den Menschen und ihren kommerziellen Interessen, welche in die Nutzung der Technik eingebaut werden und die wir nicht kontrollieren können, erklärt Heidrun Becker. Wir müssen die Möglichkeit haben, zu entscheiden, was wir nutzen wollen. Wir dürfen nicht dazu gezwungen werden. Wir müssen wissen und mitentscheiden, was mit unseren Daten passiert.

Mitreden, statt zu schlucken, was uns die Technik liefert

Die Techniker sollen Menschen als Anwender an den Entwicklungsprozessen der Geräte beteiligen lassen. Wenn Hilfsmittel nach Beratung und Kardierung individuell hergestellt werden, wird auch deren Akzeptanz gefördert. Einfach schlucken, was uns die Technik gibt? Einen unreflektierten Ansatz gibt es sowohl im Gesundheitswesen wie im Bereich der AAL-Projekte: Teure Geräte werden entwickelt und gekauft, aber nicht genutzt, und keiner überlegt sich, wer Anschaffung und Unterhalt finanzieren soll. Ähnliche Risiken finden sich bei den Medikamenten, wie Versuche mit Placebo zeigen.

Andreas Fischer, Rektor der Universität Zürich, mit Mike Martin, Professor für Gerontopsychologie und Vorsitzender der Zentrums für Gerontologie an der Universität Zürich und Robert Riener vom Institut für Robotnik  und Intelligente System an der ETHZ (von rechts)

Was tun, um gesund alt zu werden?

Die Frage lohnt sich. 87 % der Menschen werden nie ernsthaft krank. Alte Menschen sollen sich nicht zu schnell entlasten, sondern immer wieder neue Herausforderungen annehmen. Es sei ein Wertewandel im Gange, erklärt Hengartner. Bewusst und zufrieden alt werde, heisse auch, sich mit Krankheit arrangieren können, mit Training die körperlichen Fähigkeiten erhalten, aber auch zu akzeptieren, dass junge Menschen mit Technik gewandter umgehen. Die Beziehungen innerhalb der Generationen gewinnen an Wert. Enkel sind geduldige Lehrmeister für ihre Grosseltern im Gebrauch eines Computers. Eine Zuhörerin verweist auf niederschwellige Angebote für Senioren im Generationenprojekt CompiSternli und in den Lerncentren von www.seniorweb.ch.

Verleihung des Vontobel-Preises für Alter(n)sforschung 2013

Prof. Dr. Mike Martin würdigt die jährliche Verleihung des Vontobel-Preises. Insgesamt 400‘000 Franken habe die Familien-Vontobel-Stiftung in den letzten 15 Jahren für 30 Preise für Alter(n)sforschung ausgegeben. Die Preise beflügeln erwiesermassen die Karrieren der Wissenschafter. Dieses Jahr wurden 17 Arbeiten eingereicht, alle von sehr hoher wissenschaftlicher Qualität und internationalem Rang. Die Bewertung sei der Jury nicht leicht gefallen, bestätigt PD Dr. Albert Wettstein als deren Präsident, der auch die Laudatio übernahm. Die Preise von je 10‘000 wurden verliehen an:

Mathias Allemand und Marianne Steiner
beide Dr. phil. der Universität Zürich, Psychologisches Institut, für
Effects of a forgiveness intervention for older adults

Livia Pfeifer, lic. phil., Assistentin an der Universität Zürich, Psychologisches Institut, für
Caregiver rating bias in mild cognitive impairment and mild Alzheimer’s Disease: Impact of caregiver burden and depression on dyadic rating discrepancy across domains

Andreas W. Schoenenberger, PD Dr. med., Forschungsleiter und Leitender Arzt Universitätsspital Bern, für Predictors of functional decline in elderly patients undergoing transcatheter aortic valve impantation (TAVI)

Bild (von links) Livia Pfeier, Andreas W. Schönenberger, Marianne Steiner und Mathias Allemand. Die Preise überreicht Frau Regula Brunner-Vontobel.

Mehr über die Preisträger

Zürcher Gerontologietag 2013 – Programm und Dokumentation

Alter(n) ohne Grenzen?
Öffentliche Veranstaltungsreihe des Zentrums für Gerontologie
im Herbstsemester 2013, Beginn 18. September 2013 mit
„Back to the Roots: Schweizer Senioren kehren zurück in ihre Heimat“
Dr. Josef Michel, Entwicklungspsychologe/Gerontologe, Zürich

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