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Facetten der Kreativität

Neues entsteht durch spielerisches Kombinieren – so könnte die Essenz der Tagung der TERTIANUM-Stiftung zum Thema Kreativität lauten. Die unterschiedlichsten Wege führen dahin.
Kreativität zielt auf die Erschaffung von Neuem, hatte der Tagungsleiter Helmut Bachmaier in seinem Einführungsreferat dargelegt. Um ein solches Ziel zu erreichen, lassen sich verschiedene Methoden kombinieren; Phantasie und Flexibilität sind ebenso gefordert wie spielerisches Ausprobieren.

Kreativität in der Geistesgeschichte

Kreativität – als künstlerische Schöpferkraft begriffen – wurde ursprünglich als Nachahmung der Schöpferkraft Gottes verstanden, erklärte Helmut Bachmaier. Bei Homer sind es die Musen, die den Künstler inspirieren («Nenne mir, Muse, die Taten . . . «, Anfangsvers der Odyssee). Der Künstler ist hier das Medium der schöpferischen Eingebung.

Im Laufe der Kulturgeschichte entwickelt sich der Mensch zum autonomen Subjekt, das aus sich selbst heraus kreativ wird. Der Künstler wird seit dem 18. Jahrhunderts als Genie wahrgenommen, woraus sich der Geniekult entwickelte – wie banal ist doch heute der Ausdruck «genial»! Später, im 19. Jahrhundert, werden die Wiedererschaffung und damit der Virtuose, der reproduzierende Künstler, bewundert. Heutzutage verkörpert u.a. der Clown die Kreativität. Die kritische Ästhetik sieht in der Kunst der Postmoderne nur noch Reprisen.

Prof. Dr. H. BachmaierProf. Dr. Helmut Bachmaier, Uni Konstanz,
geschäftsführender Stiftungsrat der TERTIANUM-Stiftung

Im Gegensatz zu Kreativität steht das orthodoxe Denken, das Bewahren von Bestehendem und der Erinnerung daran. In diesem Spannungsfeld steht nicht nur der Künstler, sondern jeder, der sich auf Pionierpfade begibt, etwas Unerprobtes wagt und seiner Neugier folgt. Schon der Renaissance-Gelehrte Francis Bacon hatte darüber nachgedacht, dass der Mensch als endliches, sterbliches Wesen mit unendlicher Neugier ausgestattet ist – eigentlich ein Paradoxon. Bacon schloss daraus, dass ein Konzept, eine Methode entwickelt werden muss, diese unendliche Neugier zu befriedigen.

Kombinatorik nennt man diese Methode, aus Verschiedenem kreativ etwas Neues zu schaffen. Darin hat auch die Erinnerung ihren Platz, denn Früheres kann aufgegriffen, bearbeitet, verwandelt werden. Unsere heutige digitale Welt wäre ohne kombinatorische Methoden nicht entstanden. – Das lineare Denken hingegen bestimmt andere Lebensbereiche.

Kreativität finden wir auch im Spiel. Spielerisches Denken und Handeln setzt Gefühle und Ideen frei, die uns im Leben weiterbringen. Kreativität ist nämlich nicht nur zur Schaffung «ewiger» Kunstwerke vonnöten, sondern auch um schwierige Lebenssituationen zu bewältigen oder unerwarteten Ereignissen zu begegnen. Nicht zu vergessen sind die Freuden und Befriedigungen des Alltags wie Gartenpflege, Musizieren oder der regelmässige Tagebucheintrag.

Mit Blick auf die Umschichtung der Gesellschaft durch die wachsende Zahl alter Menschen ist vorauszusehen, dass die Gesellschaft auf die Kreativität der Alten immer stärker angewiesen sein wird.

Foto mp Brigitte Boothe und Hannes StaehelinProf. Dr. Brigitte Boothe, Uni Zürich, im Gespräch mit dem Präsident der TERTIANUM-Stiftung Prof. Dr. Hannes Staehelin

Psychoanalyse und die Chance, im Alter kreativ zu sein

In einem anregenden Gespräch mit den Teilnehmenden führte die Psychoanalytikerin Brigitte Boothe durch ihren Workshop. Dabei wurden viele Fragen aufgeworfen, die dazu einladen, sich im Nachhinein noch damit auseinanderzusetzen. Einige Aspekte seien hier erwähnt, z.B. Kreativität als Gegensatz zu Routine. Nur wer bereit ist, gewohnte Gedankengänge loszulassen, kann kreativ werden. Neues macht das Leben spannend. Aber Neues kann auch Angst machen und zieht die Frage nach sich, ob wir immer Neues brauchen. Aus psychoanalytischer Sicht weiss Brigitte Boothe, dass der Rückblick auf frühere Lebensjahre aus neuer Perspektive äusserst hilfreich und befreiend wirken kann. «Biographiearbeit macht Lust auf das eigene Leben», sagt sie. Ein inspirierender Ort fördert die Entstehung von Kreativität.

Braucht es eigentlich noch im Alter Kreativität? Ja, gerade jetzt! Befreit von den Verpflichtungen des Berufslebens kann der ältere Mensch sich gemäss seinem Verständnis kreative Räume schaffen. Träume – nächtliche und Tagträume – können kreative Anstösse geben, die sich im realen Leben umsetzen lassen. Das Risiko von gelegentlichem Scheitern sollte man dabei getrost eingehen, aber sich bewusst bleiben, dass die Überforderung ein Feind der Kreativität ist. Im Alter ist Kreativität übrigens ein wertvolles Instrument, um mit dem Alleinsein umgehen zu können.

Kreativität fängt mit Staunen an

Clown DaniniDer Zauberkünstler DANINI – im Alltagsleben ist Daniel Meier (Foto rechts) Leiter einer Schweizer Regionalbank – bezauberte sein Publikum im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Minimum an Hilfsmitteln, ein paar Spielkarten, ein Geldschein und einige leere, sorgfältig versiegelte Couverts genügten ihm, um mit ebenso wenigen, scheinbar beiläufigen Handgriffen spektakuläre Ergebnisse zu erzielen. – Die Verblüffung und Begeisterung aller Zuschauenden war ihm sicher! In kleinen Experimenten wurden die Teilnehmenden eingeladen, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen und die Barrieren der Vernunft mit Witz und «unmöglichen» Einfällen zu überspringen.

Daniel Meier gab einige Denkanstösse aus seiner Sicht. Er nannte Freude an der Arbeit, am Tun generell als Grundlage der Kreativität, die sich durchaus nicht immer leicht und spielerisch manifestiert. «Es braucht ein hohes Mass an Leidenschaft und die Fähigkeit, Spannungen, Verzweiflung, Zerrissenheit auszuhalten, um Neues entstehen zu lassen», sagte er als Künstler.

Gerade ein Zauberkünstler wie er muss sich des Augenblicks bewusst sein, das ist sein Element. Er baut darauf auf, dass unser Bewusstsein nur einen kleinen Teil der Welt aufnehmen kann. Aber was im Unbewusstsein schlummert, kann unsere Kreativität nähren. Offen zu bleiben für das Unerwartete, unvoreingenommen die Möglichkeit von Wundern zuzulassen, darin liegt der Schlüssel zur Nutzung unserer Kreativität.

Die gut besuchte Tagung der TERTIANUM-Stiftung war so angelegt, dass nach dem Einführungsreferat je zwei Workshops nebeneinander geführt wurden. So kommt es, dass hier über die spannenden Workshops mit der Neurowissenschaftlerin Prof. Dr. Brigitte Stemmer «Das kreative Gehirn» und dem Soziologen Prof. Dr. François Höpflinger «Kreativer Umgang mit schwierigen Lebenssituationen» nichts Konkretes berichtet werden kann. Eine ausführliche Gesamtdarstellung aller vier Workshops nebst Dokumentationen finden Sie auf SenLine, der Online-Zeitung der TERTIANUM-Stiftung.

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