Gesellschaft

Von Bockkäfern und Weltraumschrott

«Ast für Ast wurden die Laubgehölze in der Winterthurer Sulzer-Allee nach dem Laubholz-Bockkäfer aus Asien abgesucht.Sogar Spürhunde kamen zum Einsatz», erklärt Markus Hochstrasser von der Kantonalen Fachstelle für Pflanzenschutz anlässlich einer Veranstaltung der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur (NGW).

 

Ein männlicher Laubholzbockkäfer – elegant, aber sehr schädlich.  Foto: © Beat Forster, WSL
Mit ihren feinen Nasen halfen die Hunde bei der Suche nach dem etwa 20 mm kurzen, blinden Passagier, der aus dem Verpackungsmaterial importierter Randsteine aus China herausgekrochen war. Die Kosten seiner Bekämpfung mit dem vierjährigen Folgemonitoring belaufen sich auf mehrere Millionen Franken.

Jede Art Forschung im Fokus

Das Referat des Pflanzenschützers steht in der Reihe von insgesamt 14 Vorträgen in diesem Winterhalbjahr – von der unkonventionellen Gasförderung über Chinas Weg zur Innovation, über menschliches Gewebe aus dem Labor, über Weltraumschrott bis zur Virtopsie als kriminalistisches Hilfsmittel. Sämtliche Präsentationen sind auf der Homepage der NGW unter dem Stichwort Memory nachzulesen.

 

Markus Hochstrasser referiert vor der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur über den Laubholzbockkäfer. Foto: Christine Kaiser
Das Themenspektrum der Referate ist weit gespannt – entsprechend dem Motto der Veranstalter: «Mit der NGW die Welt besser verstehen. » Am Regiepult sitzt NGW-Präsident Peter Lippuner – ganz ehrenamtlich! Ein Team freiwilliger Mitarbeiter unterstützt ihn bei seiner Arbeit. Ältere Fernsehzuschauer dürften sich an Peter Lippuner als Moderator der Sendung Menschen-Technik-Wissenschaft erinnern. Mittlerweile pensioniert, leitet er seit über sechs Jahren die NGW, deren Mitgliederzahl in dieser Zeitspanne von 277 auf 730 Mitglieder emporgeschnellt ist – ein Resultat der stets aktuellen Thematik, erstklassiger Referenten, eines angenehmen Rahmens, spannender Exkursionen im Sommerhalbjahr und Erfolg der Sonderveranstaltungen, die jeweils die gesamte Bevölkerung ansprechen. So zum Beispiel 2009 anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums der Gesellschaft, als die NGW in der City eine «Zeltstadt des Wissens» errichtete, die vom Publikum fast überrannt wurde und allein für jenes Jahr 144 neue Mitglieder einbrachte.

Wissenschaft bei Kaffee und Gipfeli

Peter Lippuner hat nicht nur das Programm der NGW farbiger gemacht, sondern auch den Rahmen erweitert. Die Vorträge im Winterhalbjahr finden nicht mehr nur im grossen Physikhörsaal der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW statt. Unter dem Titel «Wissenschaft um 11» treffen sich Mitglieder und Gäste an bestimmten Sonntagvormittagen auch in der «Alten Kaserne» bei Kaffee und Gipfeli. Dem eigentlichen Vortrag über ein natur- oder geisteswissenschaftliches Thema geht ein Interview mit den jeweiligen Referenten voraus. Und der Anlass wird von jungen Instrumentalisten des Konservatoriums Winterthur musikalisch umrahmt.

Vorausschauend planen

Die Planung bedingt ein waches Auge auf Forschung, Technik und gesellschaftliche Problemfelder, sowie einen guten Riecher für künftige Aktualitäten. So hat sich Peter Lippuner bereits letztes Jahr eine Zusage der Physikerin Kathrin Altwegg von der Universität Bern für Dezember 2014 gesichert, wenn die inzwischen 800 Millionen Kilometer von der Erde entfernte Raumsonde Rosetta auf dem Kometen Chury gelandet sein soll. An Bord befindet sich ein Messgerät, das vom Forscherteam der Professorin entwickelt wurde.

Auf der Grossbaustelle Bahnhof Löwenstrasse in Zürich. Foto: © NGW

Auch die Kinderuniversität in Winterthur geht auf die Initiative von Peter Lippuner zurück und ist zurzeit in ihrem dritten Jahr. 360 Anmeldungen gingen in diesem Wintersemester ein; 60 Kinder im Alter zwischen 10 und 12 Jahren mussten vertröstet werden, denn der Saal fasst nur 300. «Es sind erstaunlich viele Kinder von Migrantenfamilien dabei», freut sich Peter Lippuner. Themenbeispiele in diesem Semester: «Wie gross ist das Universum?», «Wie entsteht das Wetter?», «Quadrokopter – werden sie die Welt verändern?» Da auch die Kinderuniversität in Freiwilligenarbeit organisiert wird, kommen die sechs Veranstaltungen im Semester auf nicht mehr als 10’000 Franken zu stehen. Sämtliche Referenten – auch im Erwachsenenprogramm – verzichten auf üppige Honorare und sind mit einer Unkostenentschädigung zufrieden.

Waldzeit im Mai

Für kommenden Mai sind wieder Sonderaktivitäten in Vorbereitung. Peter Lippuner ist zurzeit sechs Tage in der Woche im Einsatz, um die Planung aufzugleisen. Winterthur feiert 750 Jahre Stadtrecht. Zugleich wird die NGW 130 Jahre alt. Anlässlich dieser Jubiläen tritt die Gesellschaft gleich mit mehreren Projekten an die Öffentlichkeit.

Forstumgang 2012 für Behörden und Beamte Winterthurs: So wirkt sich Politik im Wald aus. Foto: © Michael Wiesner, waldzeit.ch

Winterthur ist die waldreichste Stadt der Schweiz, der Wald besitzt in den Augen der Bevölkerung einen hohen Stellenwert. So liegt es nahe, auf dem Neumarkt eine dreitägige Ausstellung unter dem Titel «Waldzeit» zu organisieren. Vom 23. bis 25. Mai 2014 werden verschiedene Experten der Bevölkerung den Wald unter den Aspekten Naherholungsgebiet, Nutzung, Klimabewahrer oder Wasserreservoir noch näher bringen.

Birken-Föhren-Wald – das ist aktuell. Foto: © Michael Wiesner, waldzeit.ch

Dazu erscheint das Buch «Waldzeit – Wälder für Winterthur» aus der Feder des Naturwissenschafters Michael Wiesner. Überdies beteiligt sich die NGW an dem von der Stadt geplanten Stadtrundgangweg mit elf Etappen und sorgt auf dem Teilabschnitt Sennhof-Kempthal für natur- und forstwissenschaftliche Hotspots und Tafeln. Last, but not least entsteht – mit Unterstützung der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT), des Schweizerischen Nationalfonds und der Fachhochschule Zollikofen – ein Computergame, mit dem vor allem Jugendliche für eine nachhaltige Nutzung des Waldes sensibilisiert werden sollen. Sponsoren haben mit 300 000 Franken zu diesen Extraprojekten beigetragen.

Exkursion mit der NGW an den Grimsel-Stausee. Foto:© NGW

Auch die traditionellen Exkursionen im Sommerhalbjahr sind diesmal vorwiegend auf Winterthur ausgerichtet. Das Naturmuseum lässt hinter seine Kulissen blicken (Wie entsteht eine Ausstellung?); das Hightech-Unternehmen Burckhardt-Compression demonstriert die Herstellung von speziellen Kompressoren; in den Stadtteilen Töss und Wülflingen geht es um Archäologie; der Walcheweiher im Lindbergwald demonstriert, dass er mehr ist als nur ein Ausflugsziel. Überdies führt eine Exkursion ins Elsass, wo eine erfolgreiche Geothermieanlage besichtigt wird.

Der Präsident der NGW, Peter Lippuner, stellt den Referenten vor. Foto: Christine Kaiser

Peter Lippuner freut sich über den Erfolg der NGW. «Ich möchte Brücken schlagen zwischen der Wissenschaft und der Bevölkerung», sagt er. «Unsere Referate sollen interessant, klar, einfach und aktuell sein.» Dass er damit erfolgreich ist, zeigt die Abstimmung der Teilnehmer mit den Füssen: Es kommen immer mehr.