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Heimspiel eines Weltkünstlers

Markus Raetz lebt in Bern. Seit Jahrzehnten. Jetzt konnte ihn das Kunstmuseum endlich wieder für ein „Heimspiel“ gewinnen, wie es bei der Vernissage hiess.

 

Einen Wahrnehmungsforscher nennt Ausstellungskuratorin Claudine Metzger den Zeichner, Kupferstecher, Radierer und Skulpteur, dessen Druckgrafik ergänzt mit Skulpturen nun im Berner Kunstmuseum ausgestellt ist. Seinen Zeichnungen hat sich das Basler Kupferstichkabinett vor gut einem Jahr gewidmet. Raetz gehört zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern der Schweiz, seine Beschäftigung mit der Wahrnehmung, dem Schauen und den daraus folgenden Prozessen ist meisterhaft. Jedesmal neu staunen wir über die Kippfiguren, die Raetz sich ausgedacht und minutiös errechnet hat, ergeben wir uns der magischen Wirkung seiner Werke.

Flusslandschaft III, 1992. Aquatinta in Farbe (Direktätzung mit dem Pinsel). © 2014, ProLitteris, Zürich 

Raetz› allererstes Werk war ein Gummistempel. Den stellte der Bub aus dem Bremsklotz eines Fahrrads her, darauf seine Initialen. Heute markiert das Monogramm vergrössert den Eingang in die Ausstellungsräume.
Jeder Druck ein Unikat

Bei einem Studienaufenthalt in Amsterdam lernt der bereits mehrfach ausgezeichnete Künstler um 1970 die verschiedenen Techniken der Radierung, des Kupferstichs, der Kaltnadel kennen. Höchst fasziniert ist er von der Möglichkeit, die Druckplatte mit dem Pinsel zu ätzen, Statt mit Wasserfarbe  malt er seine imaginierten Landschaften mit Salpetersäure direkt auf Kupferplatten. Immer wieder experimentiert er mit lichtempfindlichen Materialien, stellt so genannte Heliogravüren her. Und vollendet sind die Kupferstiche, gleichsam eine Reverenz an die alten Meister. Für Kenner der Materie (und des technisch heiklen Produktionsprozesses) sind die vier verschiedenen Zustände des Kupferstichs Zwei Pole von 1994 und 1995 kaum zu überbieten, Laien bleibt das Staunen.

 

Ausblick, Foto: Eva Caflisch
Raetz Arbeit überzeugt nicht zuletzt, weil er exakt und zugleich verspielt arbeitet. Die Natur, allerlei Materialien und technische Möglichkeiten sind ihm Inspirationsquellen. Das Zusammenspiel von technischer Meisterschaft des Könners und dem Erfindergeist eines Forschers auf Seh-Fahrt, welche am Ende nachvollziehbar ist, macht das Besondere seiner Kreativität aus. Text, das heisst, Wörter spielen eine wesentliche Rolle, die Titel der Blätter und Figuren sind nicht zufällig gewählt, sondern ebenso stringent wie das Grafische. Was jedoch keineswegs bedeutet, dass es um Eindeutigkeit gehe. Doppelsinn, ironische Distanz, Hintergedanke, witzige Assoziation oder ein Spiel mit Paradoxen zeugen von unbeschwerter Leichtigkeit, verbunden mit scharf beobachtender Intelligenz.
Wahrnehmung erforschen

Markus Raetz ist ein herausragender Künstler und zugleich eingebunden in seine Zeit: Fluxus, Minimalismus, Popkultur, Literatur sind ihm Quellen der Inspiration. Beispielsweise der zweifarbige Schnurdruck Marilyn von 1976, oder die Flourish-Grafik mit dem rätselhaften Spiralzeichen aus dem Tristram Shandy.

 

Marilyn, 1976, Schnurdruck in zwei Farben. © 2014, ProLitteris, Zürich 
„Durch die Art und Weise, wie Markus Raetz die druckgrafischen Techniken verwendet, erweitert er deren Möglichkeiten und verleiht ihnen eine Position zwischen den Medien,“ schreibt Claudine Metzger: „Im Produktionsprozess kommen sowohl Verfahren der Zeichnung als auch der skulpturalen Materialbearbeitung zum Einsatz: die gedruckten Werke können aussehen wie eine Zeichnung, wie ein Aquarell oder wie eine Fotografie, sind manchmal Unikat, manchmal Edition – dieses und jenes eben“. Sie spielt auf die Blätter Dieses&Jenes in Frottagetechnik von 1970 an; gleicher Holzstock, aber 150mal ein anderes Ergebnis.
350 Blätter zum Betrachten

Das Vielfache, hergestellt aus dem Einen bleibt bis heute Raetzens Faszinosum, zumal es nicht um die banale Kopie geht, sondern um ein immer Neues. Beobachten und Nachdenken als wechselseitiger Prozess, auch als ein Spiel, in dem Zufall und Überlegung sich beinflussen. Beliebig jedoch oder gar spekulativ ist da gar nichts. Im Gegenteil. Raetz› Werk ist eines der seltenen Beispiele, welche nachweisen, dass existentielle Aussagen in Malerei und Grafik auch im Zeitalter der Beliebigkeit möglich sind. Und das erst noch mit reduzierten Mitteln und Humor.

 

Flourish, 2001, Heliogravüre. © 2014, ProLitteris, Zürich 

Das Kunstmuseum Bern besitzt das gesamte druckgrafische Werk sowie mehrere Skulpturen. Die Ausstellung bietet einen Überblick über das Schaffen im druckgrafischen Bereich und schliesst an jene von 1991 an, als das Frühwerk von 1958 bis 1991 gezeigt worden war. Mit dem Einbezug der Skulpturen wird deutlich, wie eng die Papierarbeiten mit den dreidimensionalen verbunden sind, wie sehr sie sich beeinflussen. Nicht chronologisch, aber thematisch hat Kuratorin Metzger die Werke geordnet. Damit entsteht ein ausserordentlich informativer und spannender Überblick, der durch den lange vergriffenen und nun ergänzten und überarbeiteten 0euvre-Katalog der Druckgrafik unterstützt wird. Sehr hilfreich sind auch die Saaltexte, welche zur Verfügung stehen.

Binocular View, 2001. Heliogravüre. © 2014, ProLitteris, Zürich

Titelbild: Auge, 1995. Kupferstich. © 2014, ProLitteris, Zürich 

Die Ausstellung dauert bis zum 18. Mai 2014. Danach zeigen sie das  Musée Jenisch, vom 26.6.-4.10.2014 und LAC Museo d’arte Lugano  vom 13.02.- 17.04.2016.
Sehenswert der im Kunsthaus gezeigte Film «Markus Raetz» von Iwan Schumacher aus dem Jahr 2007,  

Markus Raetz. Die Druckgraphik. Les estampes. The Prints.Katalog, deutsch, französisch, englisch. 2 Bände, gebunden in Schuber. Band I: Catalogue raisonné 1951 – 2013. Band II: Texte, lectures, essays. Hrsg. von Rainer Michael Mason in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bern. Mit Beiträgen von Juliane Cosandier, Julie Enckell Julliard, Josef Helfenstein, Lauren Laz, Rainer Michael Mason, Claudine Metzger, Marie-Cécile Miessner, Didier Semin. Total ca. 840 Seiten, 500 farbige Abbildungen, 24 x 31 cm. ISBN 978-3-85881-410-4, 120 Franken.

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