FrontKolumnenRussisch-schweizerische Freundschaft

Russisch-schweizerische Freundschaft

Vor 200 Jahren: Der Zar, der die schweizerische Unabhängigkeit garantierte.

1814 ging das französische Kaiserreich Napoleons I. mit dem Einzug der Alliierten in Paris zu Ende. Zwar erhob sich der nach Elba verbannte Korse Bonaparte noch ein letztes Mal und führte während 100 Tagen  einen Verteidigungskrieg um Frankreich, den er 1815 in Waterloo endgültig verlor. 1814/15 tagte in der österreichischen Metropole der Wiener Kongress, der angeblich mehr tanzte als politische Lösungen zu suchen. Immerhin hat Zar Alexander I., beraten von seinem früheren Lehrer Frédéric César de la Harpe, auf dem Wiener Kongress gegen den Willen Metternichs die Neutralität und  Eigenstaatlichkeit der viersprachigen Schweiz durchgesetzt. Seit 200 Jahren existiert deshalb ein russisch-schweizerischer Freundschaftsvertrag. Schon 1817 hatte die Schweiz in St. Petersburg eine diplomatische Vertretung. 1922, nach der Sowjetisierung Russlands und mehrerer Untertanenländer (darunter auch Weissrussland und Ukraine) wurden die diplomatischen Beziehungen bis nach Ende des Zeiten Weltkriegs abgebrochen.

Der Beitrag de la Harpes

Frédéric César de la Harpe, ein Waadtländer Adliger, der während der alten Eidgenossenschaft unter der Unterdrückung seiner Heimat durch die Patrizierstadt Bern litt, war neben dem Basler Peter Ochs der wichtigste Schweizer Politiker während der dreijährigen Helvetischen Republik nach Napoleons Diktat (1799 bis 1803). Zuvor stand er in Diensten der russischen Zarin, deren zwei Kinder er als Französischlehrer, später als Privatlehrer erzog. Sein Rüstzeug hatte er sich im ersten liberalen Knabeninternat in Haldenstein bei Chur von Schulgründr Martin von Planta erworben Der junge spätere Zar Alexander I. freundete sich mit la Harpe an. Obwohl die Schweiz am Wiener Kongress offiziell nicht vertreten war, holte sich der Zar la Harpe als Berater. Die Schweiz verdankt Zar Alexander die Aufhebung der Untertanengebiete und deren Eingliederung als vollwertige Stände in der Eidgenossenschaft innerhalb der von Napoleon gezogenen Grenzen sowie eine Bestätigung der bereits vom Basler Bürgermeister Wettstein im westfälischen Frieden von 1648 ausgehandelten „ewigen Neutralität der Schweiz“.

Anständige Behandlung russischer Soldaten

Ein wesentlicher Grund für die freundschaftlichen Beziehungen Russlands zur Schweiz war die humanitäre Behandlung russischer Soldaten, nachdem die Schweiz ohne genügende eigene Armee zum Schlachtfeld der Kriegsführenden in den napoleonischen Kriegen (Koalitionskrieg) geworden war. General Suworow und seine verwegene Flucht einer 21 000 Mann starken Armee vor den Franzosen aus dem Muottatal über Pragels- und  Panixerpass von Glarus in die Surselva und schliesslich über die Luzistig nach Österreich blieb in der russischen Geschichte genau so ein Thema wie die Traversierung der Alpen durch die Elefanten Hannibals. General Suworow übrigens hat zuvor für Zar Paul I. die Ukraine erobert und dem russischen Reich angegliedert.

Weitere Altlast der Geschichte

Heute erleben wir in der Krim, der Ost-Ukraine und wohl auch anderen Staaten am Schwarzen Meer nach den Kriegen in Ex-Jugoslawien die Eruption einer anderen Altlast der europäischen Geschichte, die ohne die religiösen Hintergründe (Orthodoxe, Katholiken, Türken, Krim-Tataren) nicht so blutig und unerbittlich verlaufen wäre. Stalin hat aus strategischen Gründen die Ukraine dazu ausersehen, zusammen mit Sowjetrussland Gründungsmitglied der Vereinten Nationen zu werden. Chruschtschow schenkte dem Vasallenstaat, seiner eigenen Heimat, die Krim. Beim Zusammenbruch der UdSSR wurde die Ukraine ein selbständiger Staat. Für Putin, den ehemaligen Geheimdienstmann der Sowjetunion, ist es notwendig, die unabhängigen GUS-Länder sowie Weissrussland, Moldawien und die Ukraine als «zugewandte Orte“ als Schutz vor der gefährlich nah gerückten Nato fest in die russische Strategie einzugliedern.

Die Schweiz im Dilemma

Einerseits sind wir in Freundschaft Russland verbunden. Dieses Jahr war sogar eine freundschaftliche Begegnung und 200-Jahrhfeier geplant. Andererseits können wir die neue Machtpolitik Putins nicht gut heissen. Unser Bundespräsident und Aussenminister Didier Burkhalter ist zudem Vorsitzender der OSZE und als solcher prädestiniert zur Vermittlung zwischen  Kiew und Moskau. Ein erster Erfolg Burkhaters ist die Entsendung einer OSZE-Beobachtergruppe, welche in der Ukraine (nicht auf der Krm) allfällige Konfliktherde entdecken und nach Möglichkeit beseitigen soll. So lange Didier Burkhalter dieses Schlichtungsamt innehat, sollte die Schweiz im Krim-Konflikt  neutral bleiben.  (Wobei Neutralität nicht ausschliesst, dass man die Taten oder Untaten der einen oder andern Partei scharf kritisiert.) Damit Burkhalters Mission ein Erfolg wird, muss der Gesamt-Bundesrat hinter ihm stehen. Gleichgültig, ob der Bundesrat diese Woche ebenfalls Massnahmen gegen Putin und seine Getreuen erwägt oder sogar beschliesst, ist die Vermittlungsmission Burkhalters im Moment die einzige Chance auf einen Fortschritt und eine immer noch mögliche Deeskalation am Schwarzen Meer. Nicht ganz verständlich sind deshalb einige – bereits wieder zurückgenommene – Aussagen unseres Militärministers, welche Burkhalters Haltung und Mission in ein falsches Licht rücken.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel