FrontGesellschaftWegwerfen? - Nein, reparieren!

Wegwerfen? – Nein, reparieren!

Wenn ein Gerät nicht mehr funktioniert, sollten wir nicht so schnell aufgeben. Es lassen sich mehr Dinge reparieren, als wir denken, und Anleitungen dazu gibt es auch.

Kennen Sie diese Situation? Die Fernbedienung der Stereoanlage versagt endgültig ihren Dienst. Ins Fachgeschäft getragen, lautet die Auskunft des freundlichen jungen Verkäufers: «Ersatz gibt es nicht, kaufen Sie sich doch eine neue Anlage. Ich kann Ihnen sehr preiswerte Modelle anbieten mit viel mehr Funktionen als Ihre 14 Jahre alte.»

Das gab mir den Kick. Zu Hause schraubte ich das Gehäuse auf und entfernte mit einem sauberen Baumwolltuch sorgfältig allen Staub, der sich sichtlich auf der Leiterplatte abgelagert hatte, und die Fernbedienung funktionierte wieder zu aller Zufriedenheit.

An dem jungen Verkäufer war die neue Bewegung vorbeigegangen, wieder zu reparieren, was möglich ist. In der Schweiz gibt es schon in einigen Städten Repair-Cafés (genaue Angaben am Schluss des Artikels) und ähnliche Gruppen, die Hilfe zur Selbsthilfe im wahrsten Sinne des Wortes anbieten. Dort finden nicht nur Senioren zusammen, die zeit ihres Lebens getüftelt und gebastelt haben, sondern auch junge Leute, die sich der Wegwerfmentalität entgegenstellen.

Was Senioren aus ihrer Kindheit noch in Erinnerung haben, kommt heute wieder auf – vielleicht in etwas veränderter Form. Während die Hersteller vor 40 Jahren noch selbstverständlich darüber informierten, wo ihre Geräte repariert werden konnten oder wo man Ersatzteile bekam, setzte die Industrie in den letzten Jahrzehnten nur noch auf Gewinn durch Massenproduktion. Ein Lager mit Ersatzteilen zu unterhalten, gilt heutzutage in vielen Zweigen der Konsumindustrie als zu aufwendig.

Gegen diese Mentalität hat sich seit einigen Jahren Widerstand formiert. Zuerst propagierte eine holländische Bloggerin die Idee, dass sich Menschen zusammentun sollten; solche, die sich etwas technisches Flair zutrauten, und solche, die etwas zu reparieren hatten. Damit war die neue Kultur der Reparatur geboren und verbreitete sich schnell auch in Deutschland und in der Schweiz.

Nachhaltigkeit im allgemeinen, Umstellung der Lebensgewohnheiten nach ökologischen Grundsätzen, sparsamere Nutzung der seltenen, kostbaren Rohstoffe, weniger Müll – das sind nur einige der Beweggründe derer, die sich dem Konzept «Reparieren statt Wegwerfen» verschrieben haben.

Reparieren macht Spass! Es ist ein gutes Gefühl, ein Gerät durch eigenes Tun wieder zum Laufen zu bringen. Die Repair-Cafés verstehen sich als Zentren des Austauschs und der gegenseitigen Hilfe, sind also echte Generationenprojekte. Herauszufinden, wo’s klemmt, aktiviert übrigens Hirnzentren, die vielleicht eine Weile brach gelegen sind. Wenn sich in der Nähe kein Repair-Café befindet, kann man es mit YouTube versuchen. Dort sind inzwischen erstaunlich viele nützliche praktische Hilfen hochgeladen.

Wer sich zunächst einmal gemächlich dem Thema annähern möchte, dem sei folgendes Buch empfohlen:

Wolfgang M. Heckl: Die Kultur der Reparatur
Hanser Fachbuch; 2013; 208 Seiten.
ISBN: 978-3-446-43678-7

Der Direktor des Deutschen Museums in München schreibt ebenso fesselnd wie amüsant und umfassend über alles, was zum Thema Reparieren statt Wegwerfen wissens- und bedenkenswert ist. Selbstverständlich schreibt der Chef des grössten Technikmuseums der Welt – so die Selbstbeschreibung des Museums – über naturwissenschaftliche Fakten und Zusammenhänge. Aber er will seine Leserinnen und Leser vor allem dazu motivieren, sich ans Reparieren zu wagen. Das gelingt ihm vorzüglich mit vielen kurzweiligen Anekdoten aus seiner eigenen Erfahrung. Deshalb ist das Buch auch für alle diejenigen lesenswert, die gerade nichts zu flicken haben. Schliesslich ist zu erwähnen, dass Heckl sich explizit auch an Leserinnen wendet, denen er ebenso viel zutraut wie den männlichen Lesern.

Repair-Cafés in der Schweiz:
In Basel gibt es seit kurzem die ReparierBar.
In Bern ist der Konsumentenschutz aktiv. Er bietet am 30. August und am 25. Okt. weitere Reparaturtage an.
In Zürich kann man im FabLab selbst reparieren.
In Zürich gibt es auch noch «Ron’s Lieblingsprojekt».
Der Reparaturführer versteht sich als Liste zahlreicher, auch kommerzieller Anbieter.

Eine Webseite für alle Fragen zu Umweltschutz und «Grünem Denken».

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