FrontKolumnen„Unser Bedürfnis nach Trost ist unersättlich“

„Unser Bedürfnis nach Trost ist unersättlich“

das sagte Stig Dagerman, von Beruf Journalist und Schriftsteller. Aus Überzeugung: Atheist, Existenzialist und Anarchist.

„Davon bin ich fest überzeugt, denn ich selbst jage nach Trost wie ein Jäger nach dem Wild.“

Der Schwede Stig Dagerman hat das Urbedürfnis nach Trost anthropologisch begründet, im Anschluss an den Philosophen Georg Simmel und etwa zeitgleich an den Philosophen Hans Blumenberg.

Simmel schreibt:

„Der Mensch ist auf Grund seiner Veranlagung ein trostsuchendes Wesen“. Der Trost lasse zwar das Leiden bestehen, hebe aber „gewissermassen das Leiden am Leiden“ auf.

„Er betrifft nicht das Übel selbst, sondern dessen Reflex in der tiefsten Instanz der Seele“:

Das heisst, da „dem Menschen im Grossen und Ganzen nicht zu helfen ist, hat er sich die wunderbare Kategorie des Trostes ausgebildet.“

Blumenberg meint:

Einzig der Mensch ist dazu fähig, „sich nach existenziell bedrohlichen Ereignissen die Frage nach dem Warum und nach dem Sinn zu stellen, da er das Erleiden in den meisten Fällen als unbegründet erfährt und sich auch nicht erklären kann“.

So ist der Mensch ein „trostbedürftiges Wesen, weil das Leiden, das damit verbunden ist, immer auch an Fragen gebunden sind, die dieses Leiden begründen und einordnen wollen, letzten Endes aber nicht zu beantworten sind“.

Es bleibt die Frage,

wie Trost etwas schaffen kann, was neben dem Leiden Bestand hat. Mit welchen Mitteln Menschen getröstet werden können.

Jemanden trösten stellt die Handlung dar, die zum Ziel „Trost“ führt und zeigt an, dass das aktive Trösten Ermutigung beinhaltet und Aufrichtung, Beruhigung und Linderung, Balsam, Erleichterung und Veränderung.

Der Begriff „Trost“ hat eine lange Geschichte.

Schon in der Bibel wird das Trösten als ein Akt der Teilhabe an der leidenden Existenz angesehen. Eines der ältesten Trostbücher ist die Erzählung von Hiob, dessen Geschichte etwa im 4. Jh. v. Chr. aufgeschrieben wurde.

Sie beginnt so: „Es war ein Mann im Land Uz, der hiess Hiob. Der war rechtschaffen, fromm, gottesfürchtig und mied das Böse.“

Dieser Hiob verliert eines Tages – Schlag auf Schlag – alles: Seinen gesamten Besitz, seine Kinder, Haus und Hof, schliesslich seine Gesundheit.

Seine Freunde kommen, um ihn zu trösten. Sieben Tage und Nächte bleiben sie bei ihm und „da sie sahen, dass sein Schmerz sehr gross war, redeten sie nichts mit ihm.“

Erst danach fangen sie zu reden an,

unterstellen ihrem Freund, er habe bestimmt irgendwann einmal irgendeine Sünde begangen, wofür er von Gott mit diesem Unglück bestraft werde.

Mit ihren Erklärungsversuchen versuchen sie, Hiobs Leiden zu begründen und sich mit dieser Erklärung selbst zu trösten.

Hiob weist ihre Deutungen entschieden zurück und besteht darauf, keine so immense Sünde je begangen zu haben, die ein so gewaltiges, unerhörtes Unglück rechtfertige.

Er fügt sich nicht in sein Schicksal, fordert stattdessen seine Freunde dazu auf, sie sollten ihm und seiner Klage zuhören, ihn damit trösten. Ihn nicht wegtrösten wollen, auch wenn er Gott herausfordert, ihn mit aller nur denkbaren Härte und Schärfe anklagt.

 „Leidige Tröster seid ihr alle“ (Hiob)

Da das Hiobbuch in der hebräischen Bibel die grösste Angriffsfläche auf Gott zulässt, hatte die frühe christliche Gemeinde kein besonders grosses Interesse daran, es gleich zu stellen mit den eigenen Evangelien und den Episteln.

„Trost gibt der Himmel. Von dem Menschen erwartet man Beistand“ (L. Börne).

Selbst bei den verehrten Kirchenlehrern wie z.B. Augustin spielt das Thema „Trost“ keine Rolle, darum blieb es hauptsächlich der Philosophie vorbehalten.

Augustins Lehre wurde von Generation zu Generation weiter gegeben. Trost ist, „dass der glaubende Mensch erkennt: der himmlische Vater ordnet alles mit seiner Weisheit, so dass nichts vorfällt ohne seine Bestimmung.“

Das änderte sich mit Boethius (*),

einem Gelehrten, Politiker, Philosophen und Theologen. Er kam ums Jahr 480 in Rom zur Welt, studierte in Athen, ging nach Ravenna zurück und übersetzte sämtliche Werke Platons, des Aristoteles, dazu die biblischen Bücher aus dem Griechischen ins Lateinische.

Weil der Mensch, sagte er sich, immer wieder von Elend, Leid, Kummer, Trauer, Schuld, Verlust und Tod konfrontiert ist; weil er beim Profeten Jesaja lesen kann „siehe, um Trost war mir sehr bange“; weil die Kirche keine Antwort gibt auf die Fragen „Was ist Trost? Und wie geschieht Trost?“; weil Boethius als Berater des Königs Theoderich in Ungnade fiel und ohne Schuldspruch in den Kerker kam, suchte und fand er Trost in der Philosophie.

Dort schrieb er „De consolatio philosophiae“ („Vom Trost der Philosophie“).

„Verbinde, so viel du vermagst, den Glauben mit der Vernunft“ (Boethius)

Für den Philosophen und Theologen Boethius ist Trost nicht vorweg zu konzipieren. Es liegt im Denken die heilende Kraft. In der Macht der Gedanken sich aufzurichten zum höchsten Gipfel, bis zu der sodann gewonnenen avantgardistischen Einsicht. In der Fähigkeit, durch kreative, geistige Kräfte sich etwas zu erschaffen, was neben dem Leiden Stärke, Stand und Bestand hat.

„Belehrung findet man öfter in der Welt als Trost“. (G. Ch. Lichtenberg)

Trost, Trösten waren so lange Begriffe der Seelsorge, bis die Verbindung von Seelsorge und Psychotherapie das Ansehen von Trost entwertete, Hoffnungen auf eine effektive Bearbeitung von Leid durch Therapie heraufbeschwor.

*

An einem Morgen, an der Eingangstür zum Supermarkt:

Eine Mutter kniet neben ihrem weinenden Kind, nimmt es in die Arme, streichelt ihm über den Kopf. Sie lässt es ausweinen, wischt die Tränen weg und spricht dazu kaum mehr als drei, vielleicht auch fünf Worte.

(*) Boethius, „De consolatio philosophiae“ ist in der althochdeutschen Übersetzung des Mönchs Notker (gest. 1022) in der Fassung aus der 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts archiviert in der Stadtbibliothek in St. Gallen zu besichtigen.

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