FrontKulturTheaterspektakel am Zürichsee

Theaterspektakel am Zürichsee

Bis 31. August zeigt das Zürcher Theater Spektakel auf der Zürcher Landiwiese auf mehreren Bühnen junges, urbanes Theater- und Tanzschaffen. Und  der beliebte Gastrobetrieb bietet willkommene kulinarische Leckerbissen.

Auch  das diesjährige Programm des Zürcher Theater Spektakel ermöglicht zahlreiche Entdeckungstrips für junge und alte Theater- und Tanzinteressierte. Geboten werden über 30 aktuelle Produktionen aus allen Kontinenten, in denen sich unterschiedliche Kulturen, Traditionen und Wertesysteme künstlerisch begegnen. Einen speziellen Schwerpunkt bildet das Theater aus dem Nahen Osten, vorab aus Teheran, das eine grosse Theatertradition kennt.

Grandioses Tanzwerk

Olivier Dubois: komponiertes Durcheinander zu Trommelschlägen. (Bild: Olivier Dubois)

Bereits zum Auftakt wurden starke Akzente gesetzt. Erwähnung verdient einmal das Tanzspektakel „Tragédie“ von Olivier Dubois und dem Ballet du Nord. Zu brutal getakteten Trommelschlägen schreiten einzelne Tänzerinnen und Tänzer wie Models mehrmals im permanenten Gleichschritt auf und ab. Das dauert eine Weile, dann stellen sich einzelne Figuren quer, verlassen die vorgegebene Spur. Später finden sich alle zu klar strukturierten Gruppenbildern, verknäulen sich ineinander, steigern sich zu orgiastischer Trance, begleitet von ohrenbetäubend pulsierendem Sound. Alle Tanzfiguren (9 Männer und 9 Frauen) sind nackt, demonstrieren Körperlichkeit pur. Geboten wird ein streng komponiertes Durcheinander, das hervorragend choreografiert ist. Der Wucht dieses grandiosen Tanzwerks kann man sich nur schwerlich entziehen.

Wechselspiel Realität und Fiktion

Cineastas: Spiel um Realität und Fiktion auf zwei Bühnen.

Um Realität und Fiktion geht es im Theaterstück „Cineastas“ des argentinischen Theater- und Filmregisseurs Mariano Pensotti. Erzählt wird auf zwei übereinanderliegenden Bühnenebenen die Geschichte von vier Filmemacher und Filmemacherinnen und deren Werke, die sie gerade am Drehen sind. Sichtbar werden die künstlerischen Absichten, die mehr und mehr vom Lebensalltag mitgeprägt werden. So etwa der erfolgreiche Filmemacher Gabriel, der, von einer tödlichen Krankheit gezeichnet, statt einer platten Liebeskomödie ein tragisches Selbstporträt gestaltet. Faszinierend an diesem Stück ist der schnelle Wechsel der Rollen, alle vier Cineasten spielen gleichzeitig auch die in den Filmen gezeigten Figuren, wechseln also ständig von der Realität in die Fiktion und umgekehrt. Das kurzweilige Hin und Her ist höchst amüsant und meisterlich inszeniert.

Atemberaubende Akrobatik

Race Horse Compagny: Gewagte Sprünge auf dem Trampolin.

Auch in ihrem neusten Stück „Super Synday“ bietet die finnische Race Horse Compagny waghalsige Akrobatik. Dabei fängt alles so harmlos an: In Papppferden sitzend kriechen die sechs Akrobaten über die Bühne, setzen ein nostalgisches Karussell in Fahrt, zeigen erste akrobatische Kunststücke.  Dann geht’s zur Sache: Auf dem Schleuderbrett  katapultieren sie sich gegenseitig in die Luft, auf dem Hau den Lukas schleudern sie einen Artisten in Bärmontur in die Höhe, auf dem Trampolin zeigen sie grandiose Sprünge und Pirouetten und schliesslich auf dem riesigen Todesrad atemberaubende Akrobatik. Die einzelnen Darbietungen überbrücken sie mit viel Klamauk und Slapstick, rempeln sich gegenseitig an, lassen auf dem Trampolin farbige Plastikkugeln tanzen. Keine Frage, die sechs Akrobaten bieten ein begeisterndes Zirkusspektakel.

Magisches Bewegungsspiel

Eindrücklich ist die Tanzperformance „Eloge du puissant royaume“ der Compagny Heddy Maalem auf der Seebühne. In den Neunzigerjahren in den Gettos von Los Angeles entstanden, bietet die schwarze Ballettgruppe um Heddy Maalem ein intensives und inniges Bewegungsspiel, das mit unterschiedlicher Musik (Rock, Pop, Klassik, Elektronik, Kirchengesang) unterlegt ist. Die einzelnen Bewegungsabläufe sind mal langsam, behutsam, dann wieder schnell und aggressiv. Geboten wird ein eigenwilliges, kraftvoll choreografiertes Universum. Vieles wirkt ritualisiert, magisch. Innenwelten werden tänzerisch erfahrbar gemacht, die fremd und doch so vertraut sind. Eine virtuose Performance, die haften bleibt.

Compagny Heddy Maalem: Tanzperformance von beeindruckender Intensität. (Bilder: Christian Altorfer)

Weitere Highlights

Das Zürcher Theater Spektakel bietet bis 31. August  noch weitere Highlights, die einen Besuch rechtfertigen. So die Iranerin Amir Reza Koohestand mit „Iwanow“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Anton Tschechov (23. – 25. August), Alessandro Sciarroni mit „UNITITLED_I will be there when you die“, eine virtuose Bewegungsstudie mit vier professionellen Jongleuren (22. bis 25. August), die indische Perfomerin MD Pallavi mit „Shilpa – The Indian Singer App“ über die schizophrene Rolle der Frau in der indischen Unterhaltungsindustrie (22. bis 24. August), das Back to Back Theatre, ein Ensemble von Profischauspielern mit einer geistigen Behinderung, mit „Ganesh Versus the Third Reich“, ein Stück über Machtmissbrauch und Ausgrenzung (27. bis 31. August), und Milo Rau mit „The Civil Wars“ zur aktuellen Frage, warum junge Europäer nach Syrien in den Krieg ziehen (27. bis 31. August).

Neben den grossen Theaterwürfen in der Werft und den grossen Tanzproduktionen auf der Seebühne bietet das Zürcher Theater Spektakel eine Reihe von Kleinformaten und Miniaturen, die hier nicht namentlich aufgeführt werden, aber durchaus sehenswert sind. Bereits ist ein guter Teil der über 100 Vorstellungen im Vorverkauf zwar ausverkauft, doch für alle Vorstellungen gibt es an der Abendkasse noch ein Kontingent von Karten (die Abendkasse öffnet jeweils um 17 Uhr).

Ein Besuch des Zürcher Theater Spektakel lohnt sich auch ohne Tickets für einzelne Vorführungen. Denn die vielen Gastrobetriebe auf der Landiwiese bieten ein reichhaltiges kulinarisches Angebot an. Und Strassenkünstler aus der ganzen Welt zeigen auf verschiedenen Plätzen ihr mehr oder minder künstlerisches Können. Wieder dabei ist die Open-air-Bühne Zentral in der Platzmitte, auf der täglich wechselnde Gastgruppen mit durchwegs spannenden Programmen auftreten. Die Besucher zahlen so viel, wie ihnen das Gebotene wert ist.

Interessiert?  Mehr unter www.theaterspektakel.ch.

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