Gesundheit

Ein General der Soldaten

Vor 75 Jahren wählte die Bundesversammlung Henri Guisan zum General der Armee.

Am 30. August 1939, vor 75 Jahren, wählte die Bundesversammlung in Bern den 65 jährigen Romand Henri Guisan (1874-1960) zum General der Schweizer Armee. Ein Oberbefehlshaber wird in der Schweiz nur in Notzeiten erkoren. Vor Guisan war Ulrich Wille General im Ersten Weltkrieg, sein Generalstabchef war der Bündner Theophil von Sprecher aus Maienfeld. Generalstabchef Guisans wurde der Freiämter Jakob Huber (1883-1953). Beinahe symptomatisch ist, dass alle vier wichtigen Schweizer Militärs mindestens im Nebenberuf Landwirte waren, die nach Ablauf ihrer Militärkarrieren wieder als Bauern ihre Äcker bestellten. War das nicht auch das Ideal der römischen Republik, bis zwielichtigere Gestalten das Militärhandwerk als Mittel zum Zweck, der Erringung der Alleinmacht, betrachteten?

Meine erste bewusste Erinnerung

Am 30. August 1939 weilte meine Familie bei meiner Grossmama in ihrer Villa in Massagno ob Lugano. Ich weiss noch genau, wie verloren ich mir vorkam, als niemand mit mir spielen wollte. Keiner kam in mein Kinderzimmer; als ich die Treppe hinauf ins „Salotteli“ (kleines Arbeitszimmer) kam, sassen alle um ein Radioempfangsgerät. Und meine Mama sagte: „Still, Berni, der General redt.“ Das tat er, natürlich weiss ich nichts mehr von seiner Rede, aber „der General“ hatte mir Eindruck gemacht.

Am Tag darauf reiste Papa ab, um in Basel seine Militärsachen zu holen und rechtzeitig zur Generalmobilmachung zum Sammelplatz zu eilen. Es waren die letzten Ferien meines Vaters bis 1945, denn statt Ferien absolvierte er immer wieder Aktivdienst, es werden rund 900 Diensttage zusammen gekommen sein!

Ich wuchs, zeitweilig vaterlos, heran und wurde im letzten Kriegsjahr eingeschult. Das Militär prägte mich, für Mama durfte ich an einigen Tagen in der Militärküche im Restaurant „Exil“ Suppe mit „Spatz“ holen. Gegen Ende des Krieges wirbelten Silberpapierfolien vom Himmel, welche den Radar der Schweizer Flab stören sollten. Mama verbot mir, diese Silberstreifen zu sammeln, weil niemand wusste, wie gefährlich sie waren.

Als Primarschüler war ich Einzelgänger, niemand von den Buben mit den mehrmals geflickten Pullovern wollte mit mir spielen, der ich mit Kittel und Baskenmütze zur Schule ging, was den Hohn meines Lehrers und der ganzen Klasse hervorrief.

Am Dorenbach spielte ich dann mit mir selber „General“. Ich hatte keine Truppen zu befehligen, nur solche in meiner Fantasie, und die führten, ohne zu murren, jeden meiner Befehle aus. (Später, im Realgymnasium, verblasste die Erinnerung an den General und ich wurde Winnetou, der willig Old Chatterhand folgte, weil es bei ihm immer ein Stückchen Dauerwurst oder Brotschinken aus dem Geschäft seiner Mama zu futtern gab).

Ohne Aufhebens in Pension gegangen

Unterdessen war 1945, das Deutsche Reich kapitulierte. General Henri Guisan ging in den Ruhestand. Er übergab dem Bundesrat einen 270-seitigen Bericht über die Aktivdienstzeit. Auf das Memoirenschreiben, Hobby fast aller Militärgrössen des Zweiten Weltkrieges, verzichtete er. Obwohl sein Renommee riesig war – sein Konterfei prangte in jeder Wirtsstube und in vielen Bauernhäusern – spielte sich Guisan nicht auf. Schliesslich war er ja auch schon 71 Jahre alt, als er das Kommando abgab. Er blieb aber in den Herzen einer ganzen Generation als „der General“ gegenwärtig. Die Soldaten sahen zu ihm auf. Er war ein strenger, gerechter und freundlicher Befehlshaber gewesen. Natürlich hatte er in Politik und Armee Feinde, souverän war er mit sich widersetzenden Offizieren wie Hauptmann Max Waibel umgegangen, hatte sie für einige Tage in „scharfen Arrest“ gesteckt und sie dann weiter dort beschäftigt, wo sie am nützlichsten waren. Denn ihr Anliegen war ja auch das seine: Die Neutralität mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Auf die Gefahr hin, dass grosse Teile des Mittellandes durch fremde Armeen besetzt würden, konzentrierte er die Armee, die gegen die Kriegsmaschinerie von Achsenmächten und Allliierten ohnehin nichts hätte ausrichten können, in den Bergen, im Reduit, von  wo aus sie notfalls hätten Guerilla-Anschläge gegen den Feind auslösen können.

Man hat in den 70er Jahren dem General vorgeworfen, zu wenig für die Flüchtlinge, insbesondere die Juden, getan zu haben. Das Flüchtlingswesen aber unterstand der Polizei der Kantone und den Weisungen des Bundesrates. Henri Guisan hat vor dem Krieg mit dem französischen Staat Absprachen über eine Zusammenarbeit der beiden Armeen geleistet, falls die Deutschen die Maginot-Linie durch die Schweiz umgehen wollten. (Eine Handlungsweise, die 25 Jahre zuvor Generalstabchef von Sprecher ohne Wissen von General Wille schon gepflogen hatte.) Beim  Blitzkrieg in Frankreich fielen der deutschen Wehrmacht entsprechende Pläne in die Hände, was Henri Guisan eine scharfe Rüge der politischen Behörden einbrachte. Guisan liebäugelte aus Angst vor einem Linksumschwung in der Schweiz mit einem Ständestaat nach dem Vorbild Italiens. –  Für die allzu lange dauernde wirtschaftliche Zusammenarbeit der Schweiz mit Nazideutschland war Guisan nicht zuständig.

Wir Schweizerinnen und Schweizer haben im Zweiten Weltkrieg einen über jeden Zweifel erhabenen Oberbefehlshaber gehabt, ganz im Unterschied zu General Ulrich Wille im Ersten Weltkrig, der allein schon aus familiären Gründen (seine Frau war eine Gräfin von Bismarck) ein „Preusse“ war, welcher viele Romands vertäubte. Ganz zum Schluss des Zweiten Weltkrieges traf sich Major Max Waibel als Vertreter Guisans mit SS-General Wolf, um den Rückzug der deutschen Wehrmacht aus Italien zu gewährleisten und die Partisanen daran zu hindern, diesen empfindlich zu stören. Dabei ist sogar eine Schweizer Kompanie nach Oberitalien eingedrungen, um einen Partisanenverband zu binden. Allen Dulles, US-Botschafter in Bern, vertrat die Ansicht, dass wegen dieser Aktion der Krieg in Europa sechs Wochen früher zu Ende gegangen sei. Henri Guisan hat diese Aktivitäten wohl nicht selber angeregt, aber sie geduldet.  – Hätte der Bundesrat von dieser Eigeninitiative Waibels gewusst, er wäre wohl sofort verhaftet worden.

Der richtige Mann am richtigen Ort

Guisan war zur richtigen Zeit der richtige Mann am richtigen Ort. Er war keine „Kriegsgurgel“ wie viele seiner leider viel weniger souveränen und arroganten Untergebenen. Mir ist nicht bekannt, dass Guisan Inspektionen bei Regenwetter im Feld veranstaltete, wo er pingelig Nähnadeln aus dem Mannsputzzeug gezählt hätte. Er war eine Art Waadtländer Aristokrat ohne Hang zu Luxus und Prahlerei. Ob er massgeblich daran beteiligt war, die deutsche Wehrmacht abzuschrecken, wird nie voll zu ergründen sein. Aber wir sind dankbar, dass Guisan und seine Armee nie einen wirklichen Kriegseinsatz leisten mussten!