Gesellschaft

Literaturmuseum Strauhof: das Finale

Fernes Donnergrollen – Deutschschweizer Literatur und Erster Weltkrieg heisst die letzte Literaturausstellung der Stadt Zürich

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts galt die Schweizer Literatur in einer Stimmung des Fortschritts und der Entdeckungen und Erfindungen in Technik, Kunst und Gesellschaft als eher langweilig und bieder. Während der Kriegsjahre schimpfte man die neutrale Schweiz einen Rosinen-Picker, der sich aus der Katastrophe heraushielt. Der Mythos von der Schweiz als Insel inmitten des Sturms, bewacht von 200’000 Soldaten an den Grenzen vermag nicht zu verhindern, dass die Jahre auch für die Schweiz ein grosses Unglück waren: Auf den Feldern verdarb die Frucht, weil die Männer an der Grenze ausharrten, in den Betrieben fehlten die Arbeiter, in den Familien deren Lohn, während sich Wenige bereicherten. Das führte zu einer existentiellen Zerreissprobe, politisch, gesellschaftlich, sozial: die Deutschschweizer neigten sich Deutschland zu, die Romands unterstützten die Entente. Der Graben zwischen reich und arm, Besitzenden und Arbeiterschaft kulminierte im Generalstreik 1918.

Generalstreik 1918 auf dem Paradeplatz. © Baugeschichtlichs Archiv der Stadt Zürich

Mit der Deutschweizer Literatur zum ersten Weltkrieg läuft im Strauhof die allerletzte Ausstellung, welche die Stadt produziert und finanziert. Zwar hat die Stadtbehörde nach heftigen Protesten ein wenig eingelenkt, aber Literaturausstellungen sollen privatisiert und subventioniert werden, sofern Interessierte die nötigen Mittel aufbringen. Damit steht noch in den Sternen, wann und ob es im Strauhof mit Literaturpräsentationen je weitergeht.

Roman Hess, Literaturressort-Leiter im Präsidialamt der Stadt Zürich und demnächst pensionierter Strauhof-Chef, setzte sich in seiner Begrüssungsansprache mit den Tücken und den Glücksmomenten auseinander, die beim Versuch, Literatur auszustellen, aufkommen. Er, sein Vorgänger Nicolas Baerlocher und die Kuratoren haben in den vergangenen Jahren immer wieder neu Ideen generiert, wie Literaturwissenschaft, literarische Texte und Ausstellungspraxis zusammenfinden. Auch die letzten Ausstellung überrascht mit besonderen Räumen, passenden Bildern und attraktiven Gerätschaften für die Visualisierung von Texten. Oder liegt es gar an dem verwinkelten Gebäude mit dem James Joyce-Archiv im Dachgeschoss, eben dem Strauhof, dass sich Ausstellungen über Dichter oder literarische Zeitströmungen so gut bauen lassen?

X. Wehrli: Die Friedensinsel Schweiz und ihre Liebestätigkeit. © Schweizerisches Nationalmuseum

So begegnet man auf Schritt und Tritt in den Kabinen mit Tondokumenten oder vor Bildern und Büchern von damals Besucherinnen und Besuchern, die sich ärgern, dass die Stadtpräsidentin und ihr Kulturchef ausgerechnet auf dieses international renommierte Museum lieber heute als morgen verzichten wollen. Vielleicht hätte sich der eher geringe Budgetposten auch anderswo einsparen lassen. Vielleicht hätte man jährlich eine Ausstellung weniger produzieren können. Sei’s drum.

Als „Schicksalsjahr“ für die Schweizer Literatur bezeichnet Roman Hess das Kriegsjahr 1914: Heimatromane von J.C. Heer, Ernst Zahn oder Heinrich Federer waren und blieben sehr erfolgreich, hatten auch in Deutschland hohe Auflagen, Bauerndichter Alfred Huggenberger wurde gern gelesen. Aber die jüngeren Stimmen, die sich mit ihrer Zeit kritisch auseinandersetzten, beachtete man kaum, ihre Bücher blieben im Buchhandel liegen, die Wissenschaft ignorierte sie weitgehend. Robert Walser beispielsweise hatte zwar in Berlin Erfolge gefeiert, aber nach seiner Rückkehr in Biel galt er nicht mehr viel, zum Kultautor für Künstler und Literaten wurde er Jahrzehnte später.

Fernes Donnergrollen – Deutschschweizer Literatur und ersteWeltkrieg ergänzt in manchen Hinsicht die vielen anderen Themen- und Kunstausstellungen, welche in diesem Sommer des hundertjährigen Gedenkens gezeigt wurden. Neben betont schweizerischer Literatur gab es – verlegt vom Rascher-Verlag Zürich – Bücher von Pazifisten aus den Kriegsländern zu kaufen, unter anderen Henri Barbusse oder Andreas Latzko. Der Dadaismus mit seiner extremen Ausreizung bis zur Zertrümmerung von Sprache und Lauten gibt eine damals freilich nur von wenigen wahrgenommene Antwort auf die Sinnlosigkeit der Soldatenschlächtereien.

Soldatengruss – eine offizielle Militärpostkarte. © Generalsekretariat VBS

Bei einigen Schweizer Autoren der Zeit Jakob Bosshart, Robert Faesi, Paul Ilg oder Jakob Bührer wird die gesellschaftliche Spannung als Aufbruch zu neuen Ufern, zu einem idealen Menschenbild und zum sozialen Frieden verarbeitet. Der massgebende Roman zum ersten Weltkrieg, Meinrad Inglins Schweizerspiegel ist freilich erst 1938 erschienen. Im Sogar-Theater ist er diesen Herbst zu hören: Klaus Henner Russius liest den Text an fünf Abenden. Ebenfalls im Sogar-Theater gibt es die Produktion Das ewige Militärlen – Szenen von der Grenze 14/18. Es sind die Amateur-Postkarten aus der Sammlung der Fotostiftung Winterthur, welche auf Grossleinwand projiziert von Oscar Sales Bingisser (Stimme) und von Hans Hassler (Akkordeon) hinterhältig, aberwitzig aber auch besinnlich vertont werden. Bei der Vernissage zum Fernen Donnergrollen gab es eine Kostprobe.

Bis 30. November 2014