FrontKolumnenSie waren füreinander geschaffen

Sie waren füreinander geschaffen

„wie der erste Mann und die erste Frau“, der charismatische Professor für Theologie und Philosophie und seine junge, attraktive Studentin. Es ist was es ist: Liebe.

Er kam um das Jahr 1079 in einem kleinen französischen Dorf bei Nantes zur Welt. Er war zu seiner Zeit der akademische Superstar: ein berühmter Philosoph, ein begnadeter, freilich auch umstrittener Theologe. Ein Troubadour und Lehrer: Petrus Abaelard.

Sie ist um das Jahr 1100 in Paris geboren und wuchs bei ihrem Onkel Fulbert auf, einem Domherrn. Der ist zunächst begeistert, als ihn ausgerechnet der gerühmte Abaelard danach fragte, ob er bei ihm zu Miete wohnen könne. Der Onkel willigte sofort ein, zumal Abaelard ihm zusagte, als Hauslehrer für seine Nichte Héloise kostenlos tätig zu sein.

Jahre später erklärt Abaelard in einem Brief an einen Freund, wieso es zu dieser Liaison mit der blutjungen Héloise gekommen ist. Nicht nur sehr hübsch ist sie, charmant und intelligent, kein Wunder also, dass wir „…unter dem Deckmantel der Wissenschaft uns ganz der Liebe hingaben. Mehr Küsse gab es als weise Sprüche. Nur allzu oft verirrte sich die Hand von den Büchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir eins in des anderen Augen.“

Die beiden lieben sich heiss und innig und so kommt es, wie es kommen musste. Héloise wird schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Onkel Fulbert tobt. Abaelard versucht, sich zu entschuldigen und willigt ein, Héloise zu heiraten. Aber heimlich.

Doch ist aus der Affäre schon längst ein Skandal geworden, also beschliesst man: Es muss ein Ende nehmen mit dem Sündigen. Abaelard legt man nahe, sich in ein Kloster zurückzuziehen, und Héloise wird auf Weisung ihres Onkels Nonne. Natürlich in einem anderen Kloster.

Es war eine „amour fou“. Eine französische Bezeichnung für eine leidenschaftliche, intensive, alle Grenzen übersteigende Liebe. Eine solche Liebe ist die reine Anarchie. Unvernünftig und unbeherrschbar, aussichtslos und unheilbar, weil solche Liebesbeziehungen im allgemeinen Bewusstsein (wie so oft) an den Gegensätzlichkeiten scheitern werden.

Die Bibel: „Die Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft so unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine göttliche Flamme, so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so könnte das alles nicht genügen“.

Sie hatten sich geliebt, „reichlich und begabt”, notiert W. Fred, der Herausgeber von «Die Briefe von Abaelard und Héloise». „Ihre Beziehung war nüanciert und sie freuten sich an ihr, heute naiv und morgen das Abenteuer als Abenteuer geniessend … Dann war’s vorbei. Abaelard wird überfallen und kastriert. Onkel Fulbert hat das beste Mittel gewählt, damit die Sache, die ihm nicht passt, ein Ende hat“.

Zwölf Jahre vergehen, so lange dauerte es, bis sich die Wege der beiden wieder kreuzen. Abaelard verfasst eine Autobiographie, der er den Titel gibt «De calamitate», und irgendwie erfährt Héloise davon. Sie schreibt ihm. „Über das Begangene sollte ich weinen, aber ich seufze nach dem Verlorenen… Denn mein Herz ist nicht bei mir, sondern bei dir, und wenn es nicht bei dir ist, ist es nirgendwo“. An anderer Stelle: „Als ich in fleischlicher Lust Dein genoss, galt es den meisten für ungewiss, ob ich es aus Liebe oder aus Sinnlichkeit tat. Jetzt aber bezeugt das Ende, aus welcher Quelle der Anfang kam.“

In einem anderen Brief erzählt Héloise, wie sehr sie „die Nähe des Geliebten“ vermisst, die „geschlechtliche Befriedigung“, seine Gefühle, seine Lüste, seine Zärtlichkeiten.“ Kurz: Héloise schreibt dem enthaltsam gewordenen Mann einen heissen Liebesbrief.

Und Abaelard? Er schickt sie beten. Er macht ihr klar, dass es um Gottes Willen kein Zurück mehr geben kann und darf.

Héloise aber will wenigstens seine Briefe nicht missen. So kommen und gehen Briefe hin und her, bis der sehr fromm gewordene Abaelard stirbt. Jemand bringt bei Nacht und Nebel den Leichnam zu Héloise. Sie bestattet ihn im Garten ihres Klosters „Paraklet“, wo sie selbst 22 Jahre später ihre Ruhestätte findet.

Während der Französischen Revolution wurde das gemeinsame und mittlerweile legendär gewordene Grab verwüstet. Heute ruhen beide auf der Pariser Friedhof Pere Lachaise. Noch immer wird das Grab von Liebespaaren aus allen Ländern der Welt aufgesucht.

Das Epitaph des Grabsteines von Héloise und Abaelard [Paris 1865] lautet: „Ames sensibles, honorez de vos larmes la mémoire d’Héloise et d’Abélard; la beauté, l’esprit et l’amour auraient dû rendre ce couple heureux toute sa vie, il ne le fut qu’un moment.“

„Einfühlsame Seelen, ehrt mit euren Tränen das Andenken an Héloise und Abaelard; die Schönheit, der Geist und die Liebe hätten dieses Paar das ganze Leben glücklich machen sollen, doch es war glücklich nur einen Augenblick.“

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