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Saison Courbet in der Schweiz

Leben und Werk des französischen Malers Gustave Courbet werden in Basel und Genf in grossartigen Ausstellungen gezeigt

Er provoziert, ist selbstbewusst und eigenständig, pflegt ein Leben als Grosskünstler, hat kommerziell Erfolg, engagiert sich für die Pariser Kommune und muss seine letzten Lebensjahre im Exil verbringen. Gustave Courbet (1819 in Ornans bis 1877 in LaTour-de-Peilz) malte sich als Pionier in die Annalen der Kunstgeschichte. In diesem Herbst ist in der Schweiz Saison Courbet: Das Musée Rath in Genf zeigt Courbets Schaffen in den Exiljahren, die Fondation Beyeler weist mit einer umfassenden Schau nach, warum Gustave Courbet den Aufbruch der Malerei in die Moderne geschafft hat, sein Werk und seine Existenz eine neue Epoche anzeigen.

Alle wollen den Ursprung der Welt aus der Nähe studieren

Anziehungspunkt der Ausstellung in Riehen bei Basel ist das wohl skandalträchtigste Gemälde, L’Origine du Monde (1866), wie der weibliche Torso mit offenem Schoss von seinem Schöpfer genannt wurde, ein Tabubruch. Zwar hängt das eher kleinformatige Tableau seit rund zwanzig Jahren im Musée d’Orsay in Paris, aber gereist ist es noch selten. Mona Lisa der Aktmalerei nennt Fondation-Direktor Sam Keller das Bild. Seit es im Auftrag eines ägyptischen Kunstsammlers und Lebemanns entstanden ist, blieb es eine geheimnisumwitterte bekannte Unbekannte: Wenigen war vorbehalten, das Bild zu sehen, viele hörten davon. Nun können sich Ausstellungsbesucher von der Darstellung des weiblichen Geschlechts, die in ihrer Direktheit auch im Zeitalter der leicht zugänglichen Pornografie provoziert, selber ein Bild machen.

Windstoss im Wald von Fontainebleau, 1865. ©The Museum of Fine Arts, Houston. Foto Thomas R. DuBrock 

Es ist freilich nicht allein dieses Bild, welches den Schritt über die Konvention, die Akademie, die Salons hinaus tut und Courbet zum Erfinder einer neuen Malerei des ungeschönten Realismus macht. Es sind viel eher die Juralandschaften mit ihren Felsen, Pflanzen, Grotten und Gewässern, die Seestücke mit stürmischen Wellen und Wolken, die über seine Zeit hinaus weisen. Diese Bilder sind Strukturen, mit Spachtel und Pinsel grob aufgetragen, sie sind reine Malerei, erzählen keine Geschichten. Das irritierte die Zeitgenossen.

Der vor Angst Wahnsinnige (Selbstporträt). 1844/45.© Nasjonalmuseet for kunst. Oslo

Irritierend und aufschlussreich aber auch die zahlreichen Selbstporträts. Courbet sucht sich jeweils eine Rolle, eine Stimmung aus, in der er sich darstellt: Da ist der sehr selbstbewusste bis hochmütige junge Mann mit Hut und Hund, Courbet au chien noir(1842), oder auch l’Homme blessé (1844 oder 45) oder verstörend Le Fou de Peur (1844/45). Und da ist La Rencontre (1854), ein Schlüsselwerk zu Courbets Idee vom Künstler als Individualist, der sich nicht unterwirft: Es zeigt den bärtigen Wanderer mit Malutensilien auf dem Rücken bei der Begegnung mit seinem Sammler und dessen Diener; alle stehen gleichwertig in der Sonne, aber nur der Maler wirft einen Schatten.

Die Begegnung oder: Bonjour Monsieur Courbet, 1854. © Musée Fabre, Montpellier

Gustave Courbets Hang zur Provokation, sein Lebensstil als Individualist, der sich weder dem Staat noch der Kirche untertan fühlte und der sich nicht durch Mäzene oder Galeristen gängeln liess, und seine Maltechnik, die prägend für nachfolgende Generationen war, machte ihn zum Künstlerkünstler. Zeitgenössische Megastars der Malerei wie Gerhard Richter und Jeff Koons, aber auch Peter Doig, dessen Werke die Fondation demnächst zeigt, sind seine heutigen „Schüler“.

Courbet sonnte sich in seinem Ruhm, malte revolutionär, skandalisierte den Salon mit seinem direkten Farbauftrag, hatte aber auch ein offenes Auge für die sozialen Zustände seiner Zeit. Sein Engagement für die Kunst stand im Zentrum, doch er war auch politisch aktiv, wurde von der Commune de Paris gleich zum Präsidenten der Kunstkommission und zum Stadtrat gewählt. Nach der Niederschlagung des Aufstands wurde er verhaftet und musste sich zunächst in seinen Geburtsort Ornans im französischen Jura zurückziehen, später ins Exil flüchten. Er wählte die Schweiz, liess sich in La Tour-de-Peilz nahe Vevey nieder, wo er Natur mit Fels, Gewässern und einem Meer fand. Zwischen seiner Einkerkerung am 14. August 1871, seiner Flucht 1873 und seinem Tod am 31. Dezember 1877 blieb ihm nur wenig Zeit. Diesen kurzen Jahren ist die Genfer Ausstellung der Saison Courbet gewidmet.

Forelle an der Angel – gemalt in Ornans kurz vor der Flucht ins Exil. creative commons.

Paris vergass ihn sehr schnell und in der Folge mehr oder weniger auch die Kunstgeschichte, welche die letzten Bilder aus dem Exil meist als wenig wichtig taxierte. Emile Zola, ebenfalls ein kritischer Beobachter der sozialen Zustände verurteilte Courbet, weil er die unverzeihliche Dummheit beging, sich in einer Revolte zu kompromittieren, in die sich einzumischen er keinen Grund hatte, und meinte ein Jahr später, der Verstossene gehöre zu den Toten.

bSonnenuntergang bei Vevey 1874 (Cincinnati Art Museum © Rob Deslongchamps) und Welle 1869 (Brooklyn Museum) – der Genfersee eignet sich als Küste

Ein harter Bruch für den erfolgsverwöhnten Maler: Weil er als angeblicher Rädelsführer bei der Zerstörung der Vendôme-Säule zu horrenden Wiederaufbaukosten verurteilt wurde und seine Gemälde beschlagnahmt worden waren, musste er fliehen. Immerhin konnte er etliche Werke retten, die er in Genf verkaufen wollte und die er, angereichert mit Kopien alter Meister, in seiner Galerie in La Tour-de-Peilz ausstellte. Einen Eindruck der Galerie gibt es nun im Musée Rath. Courbet war zwar herzkrank, sehr korpulent und Alkoholiker, aber seine Schaffenskraft hatte er sich bewahrt, seinen Frieden zurückgewonnen. Er reist, geniesst gutes Essen, besucht Ausstellungen, trifft alte Freunde, badet nackt im See (davon gibt es einen Polizeirapport), dennoch: Die Krankheiten und der Pariser Prozess beschleunigen sein Ende.

Das grosse Alpenpanoramamit den Dents du Midi 1877. ©The Cleveland Museum of Art

Drei der Angstbilder mit toten Forellen am Angelhaken, die er kurz vor der Flucht in Ornans gemalt hatte, werden in Genf mit Stilleben (Memento Mori) aus derselben Zeit sowie einem Selbstporträt in der Gefangenschaft (mit rotem Halstuch) gezeigt. In seinem Haus Bon-Port malte er wieder wie ein Besessener, denn er wollte die Unsumme aufbringen, zu der Frankreich ihn verurteilt hatte. Unter anderem stellte er zwanzig Ansichten vom Schloss Chillon her, eine Attraktion seit Lord Byrons Gedicht. Der kommerzielle Zweck dieser Serie ist unverkennbar. Grossartig dagegen die späten Bilder vom Genfersee, die im Musée Rath einigen Seestücken aus der Normandie gegenübergestellt werden.

Jetzt in der Genfer Sammlung: Alpenpanorama. MAH, Foto © Bettina Jacot-Descombes

Am Ende der Ausstellung steht Courbets Auseinandersetzung mit der Alpenmalerei und damit seiner Wahlheimat. Er plante, bei der Weltausstellung 1878 ein grosses Alpenpanorama (Grand Panorama des Alpes, les Dents du Midi von 1877) zu zeigen. Kraftvoll gestaltet er die Felswände und Eiskaskaden, die Eingriffe der Zivilisation weglassend und im Vordergrund eine zurückhaltend dunkle Hirtenszenerie andeutend. Das Bild, heute in Cleveland, wurde damals abgelehnt. Ein kleineres Panorama des Alpes (um 1876) ohne Vordergrund, dafür noch eindrucksvoller, gehört seit kurzem der Sammlung des Musée d’art et d’histoire von Genf. Es wurde noch nie öffentlich gezeigt.

Titelbild: Selbstbildnis mit schwarzem Hund, 1842. Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris © bpk/RMN

Fondation Beyeler: bis 18. Januar 2015

Musée Rath: bis 4. Januar 2015

Zu beiden Ausstellungen ist je ein Katalog erschienen:
Gustave Courbet. Hg. von der Fondation Beyeler. 62.50 Franken
Gustave Courbet. Les années suisses. Hg. vom Musée d’art et d’histoire und ArtLys. 
65 Franken

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