Kultur

Neu verzaubert

Ungewohnt, mitreissend und einmalig: „Die Zauberflöte“ im Stadttheater Bern

Nicht alle Neudeutungen von bekannten Bühnenwerken überzeugen, nicht alle sind lediglich ‚L’art pour l’art’. So könnte man diese erfrischende Gestaltung der wohl geheimnisvollsten und symbolreichsten Oper Mozarts fürs erste spontan einer Kategorie zuordnen. Mit der Zeit jedoch erkennt man lauschend, schauend und mitdenkend, dass diese Premiere keine Neudeutung sein kann. Die mit traditionellen Symbolen behafteten Requisiten und szenischen Elemente sind lediglich aufgefrischt, von der Patina der Zeit und der Rezeptionsgeschichte entstaubt.

Zauberflöte im Warenhaus – Kopfschütteln vorprogrammiert!

Die traditionell fantasievoll mit den verschiedensten Requisiten und andern Zutaten dekorierte, erhaben Feierliches und ‚papagenisch’ Biederes umrahmende, konventionell theatergemässe Bühne wird in zeitgemäss wirklichkeitsnahe Spielräume umgesetzt. So entführen die Inszenierung, die Spielraumgestaltung und die Kostüme, die Nigel Lowery alle selber verantwortet, von der profanen Diesseitigkeit eines Warenhauses Szene um Szene, Akt um Akt in ein neuartiges Zaubergebilde, in Symbolräume, welche von realen Gestalten des Hier und Jetzt bevölkert werden und doch eine Art Welt wachen Träumens entführen. Die Kostüme, historisierend ins 19. Jahrhundert versetzt, verhindern schon vom ersten Bild an eine Identifikation mit der Gegenwart. Die grossflächig in skizzenhaften Linien angedeuteten Räume, die aus einem sich vom Keller bis zum Dachstock, von der Finsternis des Reichs der Königin der Nacht bis zum strahlenden Licht der siegreichen Erkenntnis auf und ab bewegenden Lifts von den Handlungsträgern betreten werden, schaffen eine zunehmende Abstraktion, die dem wahren Wesen des geistigen Hintergrunds der Handlung Schikaneders und der Musik Mozarts voll entspricht. Der Weg der Zuschauer und Hörer ist derselbe wie in konventionellen Inszenierungen. Man mag Papagenos Glockenspiel und Taminos Flöte, ersetzt durch sozusagen gestaltneutrale Zauberkästchen, vermissen. Aber sie klingen dennoch!

Pamina, Monostratos, Papageno

Das erwartete Kopfschütteln bleibt aus, auch wenn man nicht unbedingt jedes szenische Detail billigen mag. Man freut sich an den drei Damen (Evgenia Grekova, Sophie Rennert, Claude Eichenberger), die vom Parfümeriestand des Warenhauses bis in die finstere Intrige am Schluss sich selber treu bleiben – auch wenn man vergisst, dass sie ursprünglich „Parfümtussies“ waren. Und Paminens Bildnis ist nicht nur bezaubernd schön, sondern auch so intelligent wie verschmitzt in die Handlung eingebaut. Nicht nur diese Beispiele, sondern alles ist an Details so reich, ist mit witzigen, augenzwinkernd satirischen Momenten so lebendig garniert, auch mit profanen Bezügen zu Gegenwart und Wirklichkeit, dass man sich mitten im Leben fühlt, vom Geheimnis, vom unbewussten Geschehen begleitet und umspielt. Es ist, als träumte man einen Traum von wachem Sinn und tiefer Bedeutung.

Und Mozarts Musik?

Dem britischen Regisseur und Ausstatter Nigel Lowery steht der musikalische Leiter, der Brite Thomas Blunt, ebenbürtig zur Seite. Sein Auftreten vor dem Orchester ist präzis, sachlich, mit klaren gestischen Interventionen. Er gestaltet beseelt von musikalischem Klangsinn und mit ausserordentlichem formalen Gespür für die Feinheiten der Partitur. Das Berner Symphonieorchester musiziert denn auch mit blühendem Klang und intensivem Ausdruck. Die Verbindung zu Solisten und Chor auf der Bühne stimmt – eine aussergewöhnliche musikalische Gesamtleistung.

Die handelnden Solisten werden ihrer szenischen wie gesanglichen Aufgabe auf begeisternde Weise gerecht. Eine besondere Anerkennung verdient Yun-Jeong Lee als Königin der Nacht. Strahlender Sopran, mühelose Selbstverständlichkeit der Intonation und Leichtigkeit in den Koloraturen der zweiten, der Rachearie – es ist als ob eine Oboe sich schlank und klangrein um das Ornament der Begleitung sich schlängeln und in konzertanten Wettstreit treten würde, wenn auch die Wärme der menschlichen Stimme keineswegs verfremdet erscheint. Um nichts nach steht ihr als Sängerin Camille Butcher; ihre Pamina ist erfüllt mehr von fraulicher Wärme als von Erhabenheit einer Prinzessin, was sich auch in ihrer stimmlichen Gestaltung niederschlägt.

Yun-Jeong Lee und Camille Butcher

Julien Behr (Tamino), Robin Adams (Papageno) Andries Cloete (Monostratos) sind den Damen ebenbürtig, wie sich denn das ganze Ensemble, auch die hier nicht besonders erwähnten Sängerinnen und Sänger, wie auch Emilie Inniger, Ellen Luginbühl und Anna Sojcic von der Musikschule Köniz (drei Knaben), – sie alle vereinigten Engagement, Können und Begeisterung zu einer überzeugenden Ensembleleistung, die sehr viel Freude bereitete, was das Publikum richtigerweise auch nachhaltig anerkannte.

Bilder: © KTB, Annette Boutellier

Stattheater Bern, Zauberflöte