FrontKulturÜber den Atlantik reisen

Über den Atlantik reisen

Zwischen Irland und den Vereinigten Staaten von Amerika bestanden stets enge Beziehungen. Einige dieser Verbindungen nimmt Colum McCann in seinem Roman «Transatlantik» auf.

Ein dünner Brief, der im Laufe langer Jahrzehnte verblasst und verknittert, bindet die Stränge dieses transatlantischen Epos› zusammen. Geschrieben wurde er von Emily Ehrlich im Auftrag ihrer Mutter Lily Duggan, die als 19jährige aus Irland ausgewandert war, viele Schwierigkeiten in ihrem Leben meistern musste, eine erfolgreiche Geschäftsfrau wurde, aber nie richtig schreiben gelernt hatte. Dass der Brief nicht ordnungsgemäss von der Post befördert wurde, liegt an Lotti, der Tochter von Emily Ehrlich.

Lotti hat nämlich nicht genug Portogeld für einen Brief nach Übersee in der Tasche. Aber in St. John, Neufundland, wo Emily und Lotti wohnen, haben sich John Alcock und Teddy Brown einquartiert, um einen spektakulären Pionierflug von der amerikanischen Ostküste nach Irland vorzubereiten. Lotti weiss, dass sie auf ihrem Flug einen Postsack mitnehmen. Deshalb bittet sie Alcock, auch ihren Brief mitzunehmen. Dass der Brief schon lang vorher geschrieben worden war, dass er seine Empfängerin nie erreichen wird, erfahren wir dann im Laufe der Lektüre.


Die Vickers Vimy war als Bomber konstruiert, aber im 1. Weltkrieg nie eingesetzt worden.

Während der Brief wie ein feiner Faden immer wieder im Gefüge des Romans zutage tritt und wir die erfundene Geschichte um Lily Duggan und ihre Nachkommen erfahren, erzählt uns Colum McCann drei «transatlantische Episoden», wahre Geschichten, die von Reisen zwischen Amerika und Irland handeln.

Da sind die englischen Kriegsveteranen Alcock und Brown, denen im Juni 1919 als ersten ein Nonstopflug über den Atlantik gelingt. Die Vickers Vimy, ein zweimotoriger Doppeldecker aus Holz, Leinen und Draht, wurde zerlegt nach St. John spediert und dort von den beiden zusammengezimmert. Entsprechend abenteuerlich und lebensgefährlich wird der Flug – aber sie landen an der Westküste Irlands und gehen damit in die Geschichte ein.

der Pionier der Sklavenbefreiung in einer Skizze von 1845 oder 1846

Frederick Douglass reist ebenfalls von West nach Ost, allerdings in den Jahren 1845/46. Douglass, ein selbstbewusster junger Schwarzer, der sich aus der Sklaverei herausgekämpft hat, ist von einer irischen Quäkerfamilie eingeladen worden, um in Irland für die Sklaven in den USA und ihre Befreiung zu werben. Genau, sachlich und zugleich berührend schildert der Autor die schwierigen Umstände dieser Reise. Douglass, begabt und gebildet, fühlt sich von der irischen Gesellschaft zwar bestaunt, aber nicht wie oft in Amerika als «entlaufener Sklave» gedemütigt. Und trotzdem bleibt ein Abstand, Douglass und sein Gastgeber sind sich nicht sympathisch. Als brillanter Redner findet er viel Anerkennung. Er trifft auch den berühmtesten irischen Freiheitskämpfer der damaligen Zeit, Daniel O’Connell. Daneben erfahren wir etwas über die Hungersnot, die Irland gerade heimsucht, das Elend der bitterarmen Landbevölkerung. Den Iren erscheint Amerika als das Land der grossen Freiheit, der unbegrenzten Möglichkeiten. Darum gibt Lily Duggan ihre Stelle als Dienstmädchen auf und stürzt sich in ein neues Leben jenseits des Atlantiks.

Eines der fesselndsten Kapitel handelt von einem, der unzählige Male über den Atlantik hin- und herreisen musste: US-Senator George Mitchell. Als der blutige Nordirland-Konflikt aufgrund des Starrsinns und der Unnachgiebigkeit der beiden Parteien schon einige Male vor dem totalen Scheitern gestanden hatte, holte man George Mitchell, der in mühevollen, zähen Verhandlungen schliesslich zu Ostern 1998 die erlösende Vertragsunterzeichnung von den Konfliktparteien erzwang. – Wie McCann den Senator als Meister über dieses Tauziehen schildert, ist einfach grossartig.

Colum McCann, 1965 in Dublin geboren und aufgewachsen, lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in New York. Viele seiner Romane wurden mit Literaturpreisen ausgezeichnet und haben ihn international bekannt gemacht. Ihm gelingt es, zugleich spannend und präzise zu erzählen. Es ist der gut recherchierte Stoff, der seine Bücher füllt, seine Sprache ist klar und verdichtet. McCanns Werke zu lesen, ist ein Vergnügen, das zugleich den Geist anregt und Empathie weckt.

Das Buch:
Colum McCann, Transatlantik
Rowohlt Verlag, 2014; 384 Seiten ISBN 978-3-498-04522-7
auch als E-Book erhältlich.

Fotos: commons.wikimedia.org

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