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«Bettelbriefe»

Warum diese Zumutung?  – Die Krux mit der Flut von Spendenaufrufen zum Jahresende!

Seit einiger Zeit trudeln sie wieder ein. Fast täglich. Die attraktiv gestalteten „Bettelbriefe“. So sollte ich sie ja nicht nennen. Es sind höfliche, grafisch ansprechend gestaltete Bitten um einen finanziellen Beitrag für einen guten Zweck.

Sie erreichen mich persönlich adressiert, als Wurfsendungen im Briefkasten, sie werden Zeitungen und Magazinen beigelegt. Manchmal kommen sie von derselben „Firma“, nein „Organisation“. Aber das eine Kuvert wird von der nationalen Zentrale, das andere von der kantonalen Geschäftsstelle abgeschickt. Und dann diese Gesichter als Blickfang auf den Briefen, meist Kindergesichter, manchmal mit einem herzhaften Lachen, manchmal mit einer kleinen Träne, immer anrührend. Gelegentlich entsteht bei mir der Verdacht, das gleiche PR-Büro gestalte diese Briefe für verschiedene Auftraggeber. Das hängt in diesen Fällen mit der Aggressivität der Botschaft auf dem rezyklierten Briefpapier zusammen: Mein Beitrag rette Leben und Gesundheit, ermögliche Bildung und wirtschaftliche Tätigkeit, heisst es da. Was geschieht, wenn ich nicht spende? Wenn ich zwei, drei solch ähnlicher Botschaften gleichzeitig aus dem Briefkasten hole, greift mir das ans Herz. Denn das Leid, die Not, das Elend sind ja weltweit grösser als ein Meer, das ich mit meinem Fingerhut nie ausschöpfen kann.

Gelegentlich stosse ich auch auf Beilagen: Karten, Weihnachtspapier, Sterne, kleine Gebrauchsgegenstände. Zum Glück ist dieses Thema jetzt gesetzlich geregelt. Solche Sachen muss der Empfänger weder zurücksenden noch aufbewahren. Früher bestand da eine gewisse Unsicherheit.

Warum wird das alles dem Publikum auf das Jahresende hin zugemutet? Die Haushaltbudgets werden um diese Zeit ja durch die allgemeine Sitte des Schenkens bereits strapaziert. Einladungen zu Essen, zu gemütlichem Zusammensein sind aufwändiger als sonst, also meist auch teurer. Da und dort stauen sich unbezahlte Rechnungen oder es müssen noch Steuern beglichen werden. Rentiert denn diese Flut von Spendenaufrufen? Alles muss ja erdacht, gestaltet, umgesetzt, verpackt, verschickt werden. Und es herrscht eine unglaubliche Konkurrenz. Von den Strassensammlungen und organisierten Spendenspektakeln spreche ich nicht einmal.

Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, scheint es mir, dass die Empfängerinnen und Empfänger dieser Aufrufe von Jahr zu Jahr unwilliger werden. Wir tauschen uns aus, ob wir solche Briefe überhaupt öffnen, sofort wegwerfen, zurückschicken, mit oder ohne Briefmarke, oder auf eine Beige legen, die jeden Tag höher wird. Nicht überraschend ist, dass die meisten bereits ein bewährtes Konzept haben, wie und wem sie spenden wollen. Grössere und kleinere Beiträge gehen da das ganze Jahr hindurch an Projekte, die den Spendenden bekannt sind, bei denen sie genau wissen, wo ihr Geld landet und was es bewirkt.

Was würde wohl geschehen, wenn dieser Spendenrummel in der Weihnachtszeit einmal ausfallen würde? Ja, was würde wohl geschehen? Und wo wären die wirklichen Leidtragenden? Nach dem Stellenwert dieses „Weihnachtsbrauches“ angesichts der entsetzlichen Vorgänge in aller Welt, von denen wir tagtäglich hören, will ich gar nicht fragen.

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