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Zu Besuch bei Nonni und Manni

Naturschauspiele und Geschichten aus Island (3): Nach den Spuren der Erdgeschichte unterwegs in die Siedlungsgeschichte

Wir besuchen im Nordosten weitere Sehenswürdigkeiten, wie die dampfenden und stinkenden Schwefelfelder und die fantasievollen Lavaburgen, die aussehen, als wären sie als Kulissen für Märchentheater geschaffen worden. Nach dem Godafoss, dem Wasserfall der Götter, erreichen wir den Fjord von Akureyri.

Eine Burg aus erstarrter Lava 

Akureyri ist die Hauptstadt des Nordens. Es gibt eine Universität, einen botanischen Garten, ein Theater, ein Kunstmuseum, auch die Hightech-Industrie hat sich hier angesiedelt. In Akureyri ist der Jugendbuchautor Jon Svensson (1857-1944) geboren, der ein Dutzend Nonni-Bücher geschrieben hat.

Denkmal für Jon Svensson, den Autor der Nonni- und Manni-Geschichten

Als Kind hatte ich seine Bücher in der Schulbibliothek entdeckt. Ich verschlang sie alle. Meine Familie musste regelmässig meine Nonni-Geschichten anhören. Nonni war auch ein Grund, warum ich Island besuchen wollte. Damals, zurzeit von Nonni und seinem jüngeren Bruder Manni war Akureyri eine kleine Hafenstadt, die von Fischfang und Handel lebte. Die Brüder wuchsen mit Mutter und Grossmutter in einem einfachen Holzhaus in der Nähe des Hafens auf. Der Autor Jon Svensson, eben Nonni, bekam mit zwölf Jahren ein Stipendium, das ihm ermöglichte, bei den Jesuiten in Frankreich zu studieren. Später nahm er den katholischen Glauben an, trat dem Jesuitenorden bei und wurde 1890 zum Priester geweiht. Er war der erste isländische Priester seit der Reformation. Doch Jon Svensson lebte auf dem Kontinent. Mit fünfzig Jahren begann er in Deutschland über seine Kindheit auf Island zu schreiben. Die Nonni-Bücher wurden zum grossen Erfolg. 1930 lud ihn die isländische Regierung offiziell zur Tausendjahrfeier ein. Es war sein zweiter und zugleich letzter Besuch in der alten Heimat. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und verzeichneten einen solchen Erfolg, dass er von 1936 bis 1938 eine ausgedehnte Welt- und Vortragsreise in die USA, Kanada und nach Japan machen konnte. Überall wurde er gefeiert. Er starb 1944 in Köln und wurde dort beigesetzt.

1988 wurde eine sechsteilige Fernsehserie  verfilmt und im ZDF ausgestrahlt. Seit 2011 steht laut Wikipedia am Grab eine Bank mit der Inschrift „Zum Verweilen und Schmökern“.

Ich erzähle Asi von meinem Kinderidol. „Du kannst in der Pause das Nonni-Museum besuchen,“ schlägt er mir vor. „Das gibt es wirklich?“ Am Mittag ziehe ich los, viel Zeit habe ich nicht. Endlich, nach einer guten halben Stunde, stosse ich auf die Bronzefigur von Jon Svensson, dahinter das renovierte Nonnahus. Mit Herzklopfen trete ich in das kleine Holzhaus. Der Kassierer überreicht mir wortlos das Ticket, der Tisch vor ihm ist beladen mit Büchern, DVDs und Postkarten. Dann stehe ich in der engen dunklen Küche mit einer Feuerstelle, blank polierten Pfannen und einfachen Küchengeräten. Die gute Stube ist etwas geräumiger und mit grösseren Fenstern auch heller. Ich studiere die in den Vitrinen ausgestellten Dokumente, an den Wänden hängen alte Fotografien. Ich erfahre, dass Nonnis jüngerer Bruder Manni auch in Frankreich studieren konnte, aber dort schon mit dreiundzwanzig Jahren an einer Lungenentzündung starb.

Das Wohnhaus von Nonni und Manni gibt Einblick in das Leben im 19. Jahrhundert

Ich zwänge mich die Stufen hinauf in die obere Kammer. Hier haben Nonni und Manni geschlafen. Kleidungsstücke liegen ordentlich auf den Betten. Für das Museum ist natürlich alles fein restauriert. Ein Blick auf die Uhr bringt mich wieder in die Gegenwart. Ich kaufe die DVDs, eine Broschüre und Postkarten, dann nichts wie los, den langen Weg zurück zum Reisebus. Ich bin selig und dankbar, dass Asi mir diesen Besuch ermöglicht hat.

Der Hausbau mit Torfrasenziegeln eignet sich auch für grosse Gehöfte 

Die Reise geht in westlicher Richtung weiter nach Glaumbaer, zu einem Gehöft aus dem 18. und 19. Jahrhundert, das heute ein Museum ist. Es ist kunstvoll aus Torfrasenziegelngeschichtet. Torfrasenziegel eignen sich für den Hausbau, da das isländische Gras sehr kräftig, mit starken Wurzeln wächst und optimal isoliert. Asi erklärt uns weiter, dass es schwierig sei, grosse Gebäude in Torfbauweise zu errichten. Deshalb bestehen die alten isländischen Bauernhöfe aus einem Komplex kleiner Gebäude, die mit dicken Torfziegelmauern miteinander verbunden sind. Das mit Gras bewachsene Dach muss im richtigen Winkel stehen, dann kann es ein Jahrhundert überdauern. Ist es zu flach, regnet es durch, ist es zu steil, zerbricht der Untergrund während der Trockenheit.

Das Gehöft in Glaumbaer weist dreizehn Räume auf. Ein zentraler ungefähr zwanzig Meter langer Gang verbindet die neun Wohnräume. Als Schutz vor der Kälte führen nur zwei Türen direkt nach draussen. Im Gang kann man aufrecht gehen, aber in einzelnen Räumen müssen wir die Köpfe einziehen, um nicht schmerzhaft gegen die Deckenbalken zu stossen. Viele Gebrauchsgegenstände sind hier ausgestellt. Im Wohnzimmer stehen an den Seitenwänden die Betten, meistens schliefen zwei Personen darin. Tagsüber dienten sie auch als Sitzgelegenheit beim Essen und Arbeiten, denn es gab keine Stühle. Während der Nacht wurde an der Vorderseite der Betten ein oft reich verziertes Bettbrett, eine Minnegabe, eingesetzt, um zu verhindern, dass das Bettzeug herausfällt. Dieser Hof wirkte im Gegensatz zum „Nonnahus“ wohlhabend. Trotzdem muss das Leben damals, aus heutiger Sicht, sehr beschwerlich gewesen sein.

Logo unter Verwendung eines Satellitenbilds der NASA-Fotogalerie Visible Earth
Fotos © Ruth Vuilleumier

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Teil 4 (Schluss) folgt in zwei Tagen

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