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Reise zum Ursprung der Erde

Naturschauspiele und Geschichten aus Island (1): Wikinger und Wasserfall

Ein Mord unter Freunden mochte noch so hingehen. Aber ein zweiter war zu viel. Gunnar, der Held der isländischen Sage, wurde am Thingvellir mit Ächtung bestraft. Und am Thingvellir, etwa vierzig Kilometer östlich von Reykjavik, beginnt unsere einwöchige Rundreise.

Der Goldene Ring

An diesem historischen Versammlungsort – vergleichbar mit unserem Rütli – haben die ersten Einwanderer, norwegische Wikinger, um 930 n. Chr. Island gegründet. „Das ganze Gebiet befindet sich auf der Nahtstelle der Kontinentalplatten von Europa und Amerika“, erklärt Asi, unser Reiseführer. Ich bin beeindruckt. Mit einem einzigen Schritt bin ich bereits in Amerika. Ich stelle mir vor, wie sich tief unter mir das Wasser durch die Spalte zwischen den Kontinenten hindurch drängt. Diese Spalte verbreitert sich jedes Jahr um ein paar Zentimeter, 70 Meter in 10‘000 Jahren. Und irgendwann könnte Island genau hier auseinanderbrechen. Aber so weit sind wir noch nicht. Der Regen peitscht mir ins Gesicht. Ich ziehe die Kapuze meines Daunenmantels tiefer ins Gesicht. Ich habe mich vorsorglich auf Winter eingestellt. Es ist Ende August. Die Wolken hängen tief.

Der Thingvellir – sagenumwobene Stätte der Wikinger

Wir gehen durch eine hohle Gasse, hohe Mauern aus Vulkangestein säumen den Weg, und gelangen zum Zentrum des Thingvellir. Wir blicken auf eine weite Ebene mit Wiesen, Lavafeldern, Wasserläufen und einem See. „Hier versammelte sich jedes Jahr im Juni während zwei Wochen der Ältestenrat, das Parlament, und diskutierte anstehende Geschäfte, verabschiedete Gesetze und fällte Urteile“, erläutert Asi. Aber trafen sich hier wirklich nur die alten Männer? „Nein“, ergänzt Asi, „man verhandelte auch Privates, traf Heiratswillige. Die Ehefrauen blieben zu Hause und schauten nach dem Rechten. Es war jeweils ein grosses Volksfest, das die Isländer bis 1789 zusammenhielt. Damals fand offiziell die letzte Versammlung statt. Doch in Krisenzeiten erinnern sich die Isländer wieder daran, so wurde am 17. Juni 1944 am Thingvellir die Republik ausgerufen.“ Ich schaue mich um, hier lagerten früher also hunderte von Menschen, mitsamt ihren Schafen und Pferden, bauten sich Unterstände, musizierten, tanzten, Rauch stieg aus Feuerstellen, ein Kommen und Gehen, Rufen und Lachen. Gerne wäre ich dabei gewesen. Jetzt aber steige ich pudelnass in unseren Reisebus, der uns zu den nächsten Sehenswürdigkeiten im Golden Circle bringt: Geysir und Gullfoss.

Warten auf die heisse Fontäne des Geysir 

Der alte Geysir, dessen Namen auf alle Springquellen übergegangen ist, hat seinen Geist weitgehend aufgegeben. Er spuckt nur noch selten Wasser. Viel eindrücklicher ist jetzt die Springquelle daneben, der Strokkur, was „Butterfass“ heisst. „Alle drei bis fünf Minuten erreicht die kochende Wassersäule eine Höhe von 25 bis 35 Meter“, erfahren wir von Asi. Gespannt erwarten wir den nächsten Ausbruch. Wir stehen auf matschigem Boden, es regnet immer noch. Nach rund zehn Minuten beginnt sich das Zentrum des Strokkur zu bewegen. Es blubbert, Wasserkreise drängen nach aussen, grosse Wasserblasen entstehen, bis plötzlich eine mächtige Dampf- und Wassersäule in die Höhe schiesst. Staunend verfolgen wir das Naturschauspiel. Der Wind bläst die Fontäne seitwärts und zersprengt sie in neblige Dampfschwaden.

Lange hält es mich nicht mehr in diesem nasskalten, glitschigen Umfeld. Ich freue mich auf eine heisse Suppe und einen Hotdog, der in Island besonders gut zubereitet werde. Die Wurst gibt’s nicht nur mit Senf und Ketchup, sondern auch mit gerösteten Zwiebeln. Das macht die isländischen Hotdogs zu einer Delikatesse, welche die Kenner möglichst an ihrem Lieblingsstand im Freien essen. Doch ich bin froh, dass ich mich drinnen im rustikalen Touristenrestaurant aufwärmen kann.

Der Gullfoss – bei Regenwetter kein goldener Wasserfall, aber allemal imposant

Der Bus bringt uns weiter zum Gullfoss. Noch immer schreiten wir Wind und Regen entgegen und stehen plötzlich vor dem reissenden Wasserfall. Selbst wenn die Sonne nicht scheint, können wir nur staunen, was uns die Natur bereithält. In zwei breiten Kaskaden, die im rechten Winkel zueinander stehen, donnert das Wasser siebzig Meter in die Tiefe. Die ganze Schlucht ist zweieinhalb Kilometer lang. Seinen Namen erhielt der Gullfoss, der goldene Wasserfall, weil einst ein vermögender Bauer der Legende nach, seinen Goldschatz hier im Wasser versenkt haben soll. Vielleicht heisst er aber auch so, weil die Abendsonne – wenn sie denn scheint – ihn golden glitzern lässt.

Auf der Informationstafel lese ich, dass der Gullfoss mit zum UNESCO Weltkulturerbe Thingvellir gehört. Seine Wasserkraft sollte um 1920 für Energiegewinnung mittels eines riesigen Staudamms eingesetzt werden, nachdem eine englische Gesellschaft den Fluss gekauft hatte. Nur dank des unerschrockenen, langjährigen Einsatzes einer Frau vom nahegelegenen Hof Brattholt, Sigridur Tomasdottir, konnte das verhindert werden. Vergebens hatte sie während Jahren einen juristischen Kampf gegen die Spekulanten geführt. Erst als sie drohte, sich in die Fluten zu stürzen, liessen die Briten von ihrem Vorhaben ab. Der Wasserfall ging an den isländischen Staat. Doch 1977 lag erneut ein Projekt vor, das drei Viertel der Wassermenge abgezweigt hätte, es wurde auch abgelehnt. Seit 1979 steht der Gullfoss unter Naturschutz und lockt jedes Jahr Tausende von Touristen an. Mit einem in den Stein gemeisselten Porträt haben die Isländer Sigridur Tomasdottir neben dem Gullfoss ein Denkmal gesetzt.

Logo unter Verwendung eines Satellitenbilds der NASA-Fotogalerie Visible Earth
Fotos © Ruth Vuilleumier
Teil 2 folgt in zwei Tagen

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