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Paradies für Geologen

Naturschauspiele und Geschichten aus Island (2): Sand, Lava, Vulkanasche und ab und zu bewohntes Land

Die Reise geht weiter: Wir wollen die Insel entgegen dem Uhrzeigersinn umrunden. Andere Wasserfälle stehen auf dem Programm.

Der Skogafoss ist eine transparente Gardine

In Island gibt es Tausende davon, es sind die Lieblinge unseres Guide. Er sammelt sie mit dem Fotoapparat. Den Skogafoss können wir sogar von hinten bewundern. Seine Wassermassen stürzen wie ein filigraner, durchsichtiger Vorhang in die Tiefe.

Die Südküste ist reich an schwarzen Sandbänken und grünbemoostem Lavagestein, welche die Eruptionen immer wieder neu formen. Wir bekommen die Vulkane und Gletscher kaum zu Gesicht, denn sie sind in dunkle Wolken gehüllt. Noch immer regnet es. Durch die Regentropfen, die am Fenster des Busses um die Wette herunter rinnen, sehen wir auf das Meer hinaus. Es gebärdet sich mit seinen Schaumkronen wild und ungestüm.

Schwarzer feiner Sand als Produkt von Vulkanen und Meer

Beim nächsten Halt lädt uns der Bus direkt am Strand aus. Wir atmen die frische Meeresluft ein. Unsere Schuhe versinken im schwarzen Sand und hinterlassen tiefe Spuren. Wir stapfen vorwärts und stossen in dieser Bucht nicht auf wild zerklüftete Felsen, sondern auf hellgraue, streng geometrisch geformte Basaltsäulen.

Geometrische Körper geformt von der Natur

Ich kann es kaum fassen, wie die Natur das Gestein in so regelmässige Sechsecke formen kann. Natürlich muss ich das fotografieren. Nach ein paar Schritten staune ich noch mehr. Wir treten in eine riesige Höhle, über unseren Köpfen hängt eine Basaltsäule dicht neben der anderen wie perfekt konstruierte Deckenverstrebungen. Mit Bewunderung starre ich an die Decke und merke nicht, wie die Wellen immer näher kommen. Die nächste hat es auf meine Füsse abgesehen und stürzt sich ganz frech von hinten in meine Schuhe. Asi macht uns darauf aufmerksam, dass man hier, trotz des wunderschönen feinen Sandstrandes, nie schwimmen darf. Strudel im Meer rissen schon viele Schiffe mit sich. Dir Vorstellung ist beängstigend. Was ist, wenn plötzlich die Flut kommt und uns verschlingen will? Also nichts wie zurück zum Bus.

Akkurat konstruiert wie von Menschenhand: Basalthöhle

Als nächstes steigen wir in ein altertümliches Gefährt, sieht aus wie eins aus dem letzten Weltkrieg. Alle müssen Schwimmwesten anziehen. Wir fahren über den Sand, es ruckelt und schüttelt. Plötzlich klatscht es, und unser Amphibienfahrzeug schwimmt im Wasser. Auf der Gletscherlagune des Vatnajökull gleiten wir an Eisbergen vorbei, die aus dem Nebel auftauchen. Es sind Eisgebilde in transparenten, zarten Blautönen. Weit sehen wir nicht, Nebel verschleiert die Zauberwelt der Eiskönigin, genau hier könnte sie regieren. Immer wieder tauchen neue, fantasievoll geformte Eispaläste auf, mal grösser, mal kleiner. Auf Eisbären stossen wir jedoch nicht, die sind hier nicht zu Hause, immerhin dösen Seehunde am Ufer.

Steinwüste wie im Sahel – nur kälter und feuchter

Bei den Ostfjorden angelangt, ändern wir die Richtung hin zum Landesinneren. Auf lockerem Schotter holpert unser Bus langsam die Passstrasse hoch, die Axavegur, die Axenstrasse. Vorbei an unzähligen Wasserfällen, an Schafherden, an grünen Berghängen, ab und zu an einem einfachen alleinstehenden Hof mit weissen Futterballen davor. Menschen sehen wir nicht. Irgendwann erreichen wir die Hochebene, das Zeitgefühl hat sich verabschiedet, und die Landschaft wird immer karger. In der Ferne sehen wir hohe Schneeberge, aber vor uns breitet sich eine unendliche Steinwüste aus. Sie erinnert mich an die Steinwüste im Sahel, nur ist es hier regnerisch kalt und die Wadis, die Flussläufe, führen reichlich Wasser. Wir steigen aus und ich kann diese Unendlichkeit, diese Einsamkeit einatmen. Vor uns Hügel um Hügel mit Geröll, soweit das Auge reicht. Steine, nichts als Steine. Eine faszinierende urzeitliche, graue, feindliche Landschaft. Kein Mensch, kein Tier kann hier leben. Niemand hätte Gunnar, den Geächteten, hier finden können. Ob er überlebt hätte?

In Mödrudalur gibt es «lebenswichtigen» Treibstoff

Die Passstrasse führt vom Hochplateau wieder abwärts, Grasflächen breiten sich aus, fruchtbare Flecken für Schafe, grüne Hügel, Wasserfälle tauchen auf. Erste Sonnenstrahlen brechen durch den Regen. Ein unendlich langer Regenbogen zieht sich über die weite Hügellandschaft und reicht bis zu den nördlichen Gebirgsketten. Das Wetter hellt sich auf.

Wir gelangen zu einem bewohnten Weiler Mödrudalur. Eine Oase mit einem Kaffeehaus, ein paar Häusern und Hütten mit Grasziegeldächern, einer Tankstelle für Benzin und Diesel, geschützt in einer Holzhütte. Die Kapelle, die in keiner Siedlung fehlt, steht im Zentrum. Es ist ein heimeliges kleines Gotteshaus aus Holz, mit einem Altarbild, einfachen Schnitzereien und ein paar Sitzbänken.

Das Innere der Kapelle von Mödrudalur

Im Feld daneben treibt sich ein Polarfuchs herum, während es uns weiter treibt, dem Norden zu. 

Asis Vorliebe für Wasserfälle führt uns zum Dettifoss, dem stürzenden Wasserfall. Nach einem halbstündigen Fussmarsch mitten durch karges Gestein hören wir gewaltiges Rauschen. Der mächtige Dettifoss taucht vor uns auf. Seine Wassermassen sind durch Vulkanasche graubraun verfärbt und scheinen mit dem Lavagestein im Hintergrund zu verschmelzen. Der Unterschied zwischen Gestein und Wasser hebt sich auf. Asi erklärt, dass der Dettifoss rund hundert Meter breit ist und fünfundvierzig Meter in die Tiefe stürzt. In seinem kargen Umfeld wirkt er so einfach, so mächtig und erinnert an archaische Vorzeiten, wie so vieles hier in Island.

Ein Konglomerat aus Asche und Wasser rauscht ins Ungewisse

Logo unter Verwendung eines Satellitenbilds der NASA-Fotogalerie Visible Earth
Fotos © Ruth Vuilleumier

Link zu Teil 1
Teil 3 folgt in zwei Tagen

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