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Daphnes Verlangen

Ein selten aufgeführtes Spätwerk von Richard Strauss in Basel.

Daphne, Tochter des Fischerpaares Peneios und seiner Frau Gaea, lebt seit ihrer Kindheit innig verbunden mit der Natur, dem Leuchten der Sonne und dem Rauschen der Bäume. Sie liebt die Blumen und ihr eigenes Spiegelbild, ihr «Zwillingsbild» im Wasser, schreckt aber zurück vor den Blicken und Begierden der Männer. Auch ihr zum Mann herangereifter Jugendgespiele Leukippos, der bisher ihre Scheu respektiert hatte, versucht sich ihr zu nähern, was sie mit Entsetzen erfüllt. Sie fleht Apollon, den Gott des reinen Lichtes und der Erleuchtung an, sie vor den dionysischen Nachstellungen der Männer zu schützen. Doch auch der Gott gibt sich als fordernder Mann zu erkennen und tötet den Rivalen. Zur Besinnung kommend und sich selbst anklagend, bittet er den Göttervater Zeus, Daphnes Wunsch zu erfüllen und in der Natur den Menschen entzogen zu werden. Der Wunsch wird erfüllt. Daphne verwandelt sich in einen Lorbeerbaum; Leukippos bleibt als Opfer zurück.

Agneta Eichenholz, Rolf Romei

Wenn man das Uraufführungsdatum von «Daphne», 15. Oktober 1938, zur Kenntnis nimmt und gleichzeitig erwägt, dass Richard Strauss bis zu seinem Tode 1949 noch zwei weitere Opern geschrieben hatte («Guntram» und «Capriccio»), wird die beinahe anachronistische Stellung des Komponisten im 20. Jahrhundert deutlich. Ein grosser Meister der tonalen Musik, der, aus einem anderen Jahrhundert kommend, in eine Zeit hineinragt, welche von Kriegen, Tod und Vernichtung geprägt ist, bleibt unerschütterlich seinem Ringen um Harmonie und klangliche Schönheit treu. Auch wenn schon 1913 mit Strawinskys «Sacre du printemps» ein Schlüsselwerk der Musik des 20. Jahrhunderts erscheint oder Arnold Schönbergs Aufgabe der Dur-Moll-Tonalität schon zwischen 1906 und 1909 geschieht und ein Erdbeben in der Musikwelt auslösen: Richard Strauss bleibt, bei allen «modernen» Klanganpassungen, seiner unerschütterlichen tonalen Schönheitssuche treu.

In seiner bukolischen Tragödie «Daphne» steigert sich Strauss zu einer rauschhaften, das Innerste aufwühlenden Klangsprache, wie sie in kaum einem seiner früheren, weit berühmteren und ungleich öfter aufgeführten Werke erreicht wird. Eine gewisse Schwäche der Oper liegt sicher und anerkanntermassen im etwas verschwommenen, zu wenig ins Dramatische gesteigerten Libretto von Joseph Gregor. Strauss selbst, der Gregor auf Anraten Stefan Zweigs hin als Librettisten gewählt hatte, verwarf dessen beide ersten Fassungen und war erst nach langem Hin und Herr mit der dritten Fassung zufrieden. Seine Kritik «ein völliges Durcheinander, keine Spur von einer Schürzung des dramatischen Knotens» lässt sich auch aus der nun vorliegenden und durchaus poetischen Fassung noch herausspüren.

Agneta Eichenholz, Zachary Altman, Tänzer, Theaterchor Basel

In der Tat ist die mythologische Sage von der Nymphe «Daphne», wie sie von Ovid in dessen «Metamorphosen» erzählt wird, dramaturgisch und gleichzeitig psychologisierend nicht einfach für die Theaterszene umsetzbar. Und so ist diese Oper auch eher symphonische Dichtung als Bühnendrama. Aber was für eine! Ins Feinste ziseliert und herausgearbeitet auch in kammermusikalischen Abschnitten, wogend, fordernd und rauschhaft in den Aufschwüngen, ergreifend im Flehen Daphnes. Das alles wurde in Basel vom Dresdner Dirigenten Hans Drewanz, der an Stelle des erkrankten Tomas Hanus die Leitung übernommen hatte, mit dem Sinfonieorchester Basel klug und genau umgesetzt: Niemals zu pathetisch, aber auch nie das sensible Gleichgewicht aufgebend, eine Spannung haltend, die ihren atemlosen Höhepunkt im verlöschenden Klang von Daphnes Stimme als verstörenden Höhepunkt des Abends fand.

Der inzwischen vielfach ausgezeichnete Regisseur Christof Loy fand in seiner Titeldarstellerin, der jungen Dänin Agneta Eichenholz, ein grossartiges Äquivalent zu seiner Version des Geschehens. Diese mädchenhafte, zierliche, ja, fragil wirkende Sängerin verfügt nicht nur über eine tragende Stimme mit dramatischem Kern, sondern auch über grosses schauspielerisches Talent und ein geradezu bestürzendes Einfühlungsvermögen: «O wie gerne blieb ich bei dir, mein lieber Baum, in den Tagen der Kindheit gepflanzt und so mein Bruder!» Aber: «Fremd ist mir alles, einsam bin ich…»

Durch die Bezugnahme Loys zu Entstehungszeit und –ort der Oper (1936-38 in Garmisch-Partenkirchen, im Haus der Familie Strauss) findet sich diese luzide Daphne innerhalb Bierhumpen stemmender, Lederhosen tragender Dorfbewohner (Theaterchor Basel), hilflos ausgesetzt einer sie zu sexueller Bereitschaft und damit gesellschaftlich angepasstem Handeln drängenden Mutter (eine wie immer wunderbare Hanna Schwarz) und einem verständnislosen, schwachen Vater, der sie nicht schützen kann (Thorsten Grümbel). Der an sich sensible Jugendgespiele (Rolf Romei) steht als lyrischer Tenor dem zuerst siegreich auftretenden, dann zerknirscht den Götterv ater anrufenden Heldentenor Apollos (Marco Jentzsch) entgegen. Am Ende bleibt der tote Leukippus wie ein Stück Abfall auf der Bühne liegen. Liebe, Begehren und Schuld haben wieder einmal den Kreis geschlossen – und uns einen grossen, bejubelten Opernabend beschert.

Nächste Vorstellungen im Theater Basel: 19. Februar, 2. März
Weitere Daten

Fotos: © Monika Rittershaus für Theater Basel

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