FrontKulturBei Bichsel in Bellach

Bei Bichsel in Bellach

Porträt-Fotos aus der Zeit, als Peter Bichsel die Kindergeschichtenpublizierte, sind in Solothurn zu sehen

Besser gefalle er sich heute, meint Schriftsteller Peter Bichsel – den Schalk im Augenwinkel – beim Betrachten der Porträtserie von 1969 anlässlich der Vernissage in Solothurn. Die winzige Freitagsgalerie reiht sich mit der Ausstellung von Bichsel-Bildern der Zürcher Fotografin Elsbeth Leisinger in die Gratulanten zum runden Geburtstag des Dichters ein. Peter Bichsel wird am 24. März achtzig Jahre alt. Vorfeiern gab es bereits, Feiern folgen, denn der langjährige Kolumnist der Schweizer Illustrierten, der Verfasser von Sätzen, die längst zur Schulbuchliteratur geworden sind, den hochgeschätzten Autor wollen viele feiern.

Vor den Bücherwänden im Gespräch. Foto © Elsbeth Leisinger

Die Bilder des 34jährigen Jungschriftstellers Bichsel entstanden anlässlich der Veröffentlichung seiner Kindergeschichten 1969. Kulturjournalistin Ilse Heim besuchte den Schriftsteller im neuen Haus in Bellach. Soeben hatte er den Job als Primarlehrer an den Nagel gehängt, willens fortan als freier Autor zu leben. Im Auftrag der damals renommierten Frauenzeitschrift Annabelle war Heim mit einer jungen Fotografin unterwegs.

Fotografin im Glück. Foto © Peter Züllig  

SW: Elsbeth Leisinger, wie erinnern Sie den Besuch bei Peter Bichsel damals 1969?

EL: Wir fuhren in die Irre, als wir Bichsels Haus in Bellach suchten. Kaum jedoch erblickte ich ihn, griff ich zur Leica und machte das erste Bild – draussen – mit Lichteinfall. Ich konzentrierte mich auf sein Gesicht, anderes interessierte mich kaum.

Es hingen Posters von Che Guevara und Brigitte Bardot bei ihm, er hätte sich gewiss auch davor gestellt, aber ich machte, nachdem ich drinnen meine altmodischen Fotolampen aufgestellt hatte und das Gespräch begann, einfach Bilder – drei Filme zu 36 Bilder liess ich durch. Heute würde ein Fotograf in ähnlicher Situation dreihundert Bilder schiessen mit dem Motor…

…und das Gespräch des Dichters mit der Journalistin stören. Bekommt man so überhaupt etwas mit?

Ich weiss es nicht mehr, ich las danach Ilse Heims Text. Den hab ich jetzt ebenfalls digitalisiert und geprintet, so dass die Fotoserie in der Galerie damit ergänzt und abgerundet ist. Ich hatte damals das Gefühl, Peter Bichsel sei eine Generation älter als ich, dabei waren es nur acht Jahre. Aber ich fühlte mich als Anfängerin, während er mit 34 bereits ein erfolgreicher Schriftsteller war, mit Haus und Familie, ein gesetzter Herr eben.

Peter Bichsel, Autor der Kindergeschichten. Foto © Elsbeth Leisinger

Half diese Fotosession für Ihre weitere Karriere?

Ich war nach einem eher schwierigen Berufseinstieg damals bei Annabelle auf gutem Weg. Nach meiner Lehre als Fotografin arbeitete ich bei einer Werbeagentur, bis ich, motiviert von einer Redaktorin, die ein Bild von mir veröffentlicht hatte, beim Chefredaktor Hans Gmür vorsprach und schliesslich die Stelle als Fotoassistentin bekam.

Die Redaktorinnen arbeiteten natürlich lieber mit berühmten Fotografen zusammen, aber als 1967 für den Besuch beim Maler Varlin einer ausfiel, durfte ich den Auftrag ausführen, und von da an wollte Ilse Heim mit mir arbeiten. Als dann Hans Gmür für seine Editorials ein neues Bild wollte und mit meinem Foto sehr zufrieden war, ging es gut, bis die Redaktionsleitung wechselte und der Jean-Frei-Verlag das Frauenmagazin übernahm. Es wurde ein Modefotograf eingestellt, für mich blieb wenig Raum.

Also eine typische Frauenkarriere?

Nicht unbedingt. Allenfalls weil ich als alleinstehende Mutter Geld verdienen musste und nicht auf einen Traumjob warten konnte. Ich machte mich selbständig, ich kannte viele Auftraggeber in Zürich, wo ich mit meinem Sohn lebte. Ich arbeitete für verschiedene Medien wie Turicum, das Tages-Anzeiger-Magazin, das Ideale Heim, machte auch Public Relations. Dazu fotografierte ich das Silva-Buch Traumberufe und kam schliesslich zu einer Teilzeitstelle beim Kunstgewerbemuseum.

Sie wechselten 1977 zum Fernsehen, warum dieser Berufswechsel?

Als auch beim Kunstgewerbemuseum eine neue Ära anbrach, gab es für mich kaum mehr kreative Aufträge, weil nur noch Design und nicht mehr gesellschaftspolitische Themen ausgestellt wurde. Vor allem aber wollte ich Filme machen!

Vernissage in der Freitagsgalerie am Freitag, 7. März. Foto © Peter Züllig

Elsbeth Leisinger arbeitete bis zur Pensionierung beim Schweizer Fernsehen, regelmässig für die Vorabendsendung Schweiz aktuell und deren Vorgänger, später realisierte sie Dokumentarfilme mit leidenden Menschen: Sie porträtierte ein Kind mit einer seltenen tödlichen Krankheit, machte einen Film über einen russischen Forstarbeiter, dem ein Bär das halbe Gesicht weggebissen hatte und der von Schweizer Ärzten eine Gesichtsprothese bekam. Nach der Pensionierung bildete sie sich an der Videokamera und im Editing weiter, und widmete sich endlich ihrem Fotoarchiv aus dem früheren Beruf.

Wie kam es zur Wiederentdeckung der Bichselfotos?

Ich habe diese Fotos in all den Jahren nie vergessen. Irgendwie reizte es mich, damit was zu machen. 2009 versuchte ich es, sprach mit einer Solothurner Kollegin, denn mir war klar, dass ich die Bilder nach Solothurn bringen wollte. Aber dann verpasste ich den richtigen Zeitpunkt, seinen 75. Geburtstag.

Peter Bichsel und die Freitagsgalerie im Spiegel. Foto © Hansjörg Sahli

Darauf haben Sie – wie es ihre Natur ist – einfach weitergeplant, bis sie Ihr Ziel erreichten?

Ja, denn Porträts verlieren nicht an Wert, wenn sie gut sind. Anlässlich einer seiner Lesungen in Zürich zeigte ich Bichsel ein paar Vergrösserungen, sie gefielen ihm. Ich meldete mich beim Solothurner Kuratorium für Kulturförderung, das Interesse war gross, aber immer wieder zweifelten die Solothurner, ob denn Bichsel selber mitmache. Dennoch ging es zügig voran: das Literaturarchiv übernahm das Digitalisieren, ich kaufte mir einen guten Drucker und erstellte die Prints, die jetzt in der Freitagsgalerie ausgestellt sind.

Rechtzeitig zum Geburtstag von Peter Bichsel widmet das Literaturarchiv, wo Bichsels Vorlass liegt, dem Autor ein Quarto-Heft, darin gibt es Fotos aus Elsbeth Leisingers Leica. Sie selber sucht noch einen Ort in Solothurn, wo die Porträtserie während der Solothurner Literaturtage im Mai ausgestellt werden könnte. Aber vorerst hütet sie ihre eigene Ausstellung in der Freitagsgalerie – immer am Samstag von zwei bis fünf (am Freitag sind die Galeristen selber dran).

 Bis 28. März

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