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Mit Leib und Seele Hausärztin

Sechzehn Frauen werden im Buch «Wie geht Karriere? Strategien schlauer Frauen» vorgestellt. Maria Schaller aus Luzern ist die Patin der ebenfalls porträtierten Stephanie von Orelli und erzählt Seniorweb aus ihrem eigenen Leben als Ärztin.

Judith Stamm: Frau Schaller, wir waren kürzlich zusammen an der Vernissage des Buches von Barbara Lukesch. Auf dem Podium sass auch Ihr Patenkind, Stephanie von Orelli, Chefärztin Gynäkologie des Triemlispitals in Zürich. Was für Gedanken und Gefühle bewegten Sie? Sie sind ja auch Ärztin, 90jährig, und haben vor 24 Jahren Ihre Praxis als Hausärztin in Luzern weiter gegeben.

Maria Schaller: Ich hatte grosse Freude und war sehr stolz. Stephanie wohnte seinerzeit bei mir, als sie Praktikantin am Kantonsspital Luzern war. Wir hatten es sehr gut zusammen. Stephanie konnte kochen, ich nicht (lacht). Sie hatte auch schon am Platzspitz in Zürich, wo die Drogenabhängigen verkehrten, gearbeitet. Für uns in Luzern war das noch „exotisch“.

Stephanie von Orelli hat Familie, einen Mann und drei kleine Kinder. Wäre das zu Ihrer Zeit auch möglich gewesen?

Stephanie hat ein gutes Organisationstalent, eine grosse Gelassenheit und ein hilfreiches Umfeld. Und vor allem ist ihr Mann voll und ganz bereit, Familienarbeit zu übernehmen. Er reduzierte sein Pensum als Architekt entsprechend. Um auf Ihre Frage zu antworten: Zu meiner Zeit war das für verheiratete Kolleginnen auch möglich, wenn es sich um ein Ärzte-Paar handelte. Allerdings gab es damals noch keine Kitas. Für mich hätte ich mir das nicht vorstellen können. Ich hatte ein anderes Umfeld, und ich war voll ausgefüllt mit meinem Beruf.

So viel Krankheit und Gottvertrauen

Sie erzählten einmal, Sie hätten in jungen Jahren das „Wunder von Lourdes“ erlebt. Wie war das genau?

Mein Wunsch war es immer, in die grosse, weite Welt zu gehen. Vor allem die USA lockten mich. Aber der zweite Weltkrieg stand diesen Plänen zunächst entgegen. Durch Vermittlung einer Bekannten schrieb ich dann 30 Spitäler in Florida an, bekam aber von keinem Spital eine Antwort.  Ich arbeitete damals am Kantonsspital Luzern und konnte unerwartet für einen Kollegen als Pilgerarzt nach Lourdes einspringen.

Das war ein eindrückliches Erlebnis, so viel Krankheit und Leiden und so viel Gottvertrauen auf kleinem Raum konzentriert zu erleben. Ich traf in Lourdes eine irische Kollegin und fragte sie nach den Spitälern in Irland. Es stellte sich heraus, dass sie in Chicago arbeitete und ihre Stelle frei wurde. Damals war es noch nicht selbstverständlich, dass eine junge Assistenzärztin aus der Schweiz in den Staaten arbeiten durfte. Ich hatte Glück, dass ich die Nachfolge dieser Ärztin antreten konnte, und ich erhielt innerhalb von zwei Monaten das Immigrationsvisum.  Das war im Herbst 1952, im Frühling 1953 reiste ich in die USA. 1959 kehrte ich in die Schweiz zurück, nachdem ich noch in San Juan, Puerto Rico, und Caracas, Venezuela, im Einsatz gewesen war.

Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt

Was sind die eindrücklichsten Erinnerungen, die Sie an Ihre Auslandaufenthaltehaben?

Im Lorettospital in Chicago hatte ich Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt, von China, Japan bis zu Osteuropäern, welche während des Krieges hatten fliehen müssen. Mir gefiel das Verhältnis aller Mitarbeitenden untereinander, das nicht von Hierarchie geprägt war, wie ich es von zuhause kannte. Die Arbeitszeiten waren lang, aber ich war begeistert von meiner Arbeit in diesem Spital. In Puerto Rico war ich im Presbytarian Hospital und musste Spanisch lernen. Das fiel mir leicht und ging rasch. Hier hatte ich Verantwortung für zehn weitere Mitarbeitende. Und unbedingt will ich erzählen, dass damals im neueröffneten prächtigen „Caribe Hilton“ von hundert Köchen achtzig schweizerischer Nationalität waren! In Caracas, meiner nächsten Station, arbeitete ich dann in einer Praxis. Es kam mir zugute, dass ich in meiner Ausbildung auch einen FMH für Tropenmedizin gemacht hatte.

War es einfach für Sie, sich dann wieder in der Schweiz einzuleben?

Ich machte den FMH für innere Medizin in Basel. Bevor ich eine Praxis in Luzern eröffnen konnte, arbeitete ich noch im Kantonsspital Luzern. Die Krankenkassen verlangten ein solches „Karenzjahr“, bevor sie neue Ärzte akzeptierten. Dann richtete ich meine Praxis an der Alpenstrasse 9 ein und war als Hausärztin tätig. Es sprach sich schnell herum, dass ich gut Spanisch sprach, viele kamen deswegen zu mir. Meine Praxis wird übrigens an Ostern 2015, um mehrere Mitarbeitende erweitert, ins Ärztehaus des renovierten Kloster Wesemlin, ganz in der Nähe meines Wohnortes, einziehen. Das freut mich sehr, der Kreis schliesst sich.

«Ich war mit Leib und Seele Hausärztin»

Wenn ich Ihnen das Stichwort: „Hausarzt einst und heute“ gebe, können Sie die Entwicklung kurz umschreiben?

Ich kann natürlich nur davon sprechen, wie es einst war. Ich war mit Leib und Seele Hausärztin, kannte meine Patientinnen und Patienten und ihr Umfeld, begleitete sie ein Leben lang und war sozusagen „immer“ verfügbar. Ich kaufte mir eine kleine Ferienwohnung auf der Rigi, extra in der Nähe, damit ich notfalls schnell wieder in Luzern gewesen wäre. Ich denke auch, dass wir früher unsere Patienten ganzheitlicher versorgen konnten. Es gab noch nicht so viele Spezialisten wie heute. Von meinen praktizierenden Kollegen höre ich, dass die Patienten heute sehr gut informiert sind, kritisch sind, und dass der ganze administrative Aufwand sehr zugenommen hat. Auch spielt die Alternativmedizin offenbar eine viel grössere Rolle als früher.

Es fällt mir auf, wie gut „vernetzt“ Sie zeit Ihres Lebens waren und auch heute noch sind. Sind Sie eine Menschenfreundin? Haben Sie dafür ein besonderes Talent?

Es stimmt, ich habe ein grosses Netz von Freundinnen, Freunden, Bekannten, Verwandten, Patenkindern, mit denen ich zum Teil schon viele Jahre in Kontakt stehe. Diese Beziehungen pflege ich intensiv. Meine Eltern haben mir vorgelebt, wie sehr Gastfreundschaft das Leben bereichert. Das führe ich weiter und habe im Alter noch kochen gelernt! Ich lebe nach dem Motto des ehemaligen Bundesrates Adolf Ogi, mit den vier „M“: man muss Menschen mögen! In der Gemeinschaft all dieser Menschen fühle ich mich auch selbst geborgen und gut aufgehoben!

«Das alte Testament der Bibel fasziniert mich»

Sie sind mir ein grosses Vorbild in der Art, wie Sie nach der Pensionierung Ihr  Leben gestalten. Können Sie  einige Tipps weitergeben?

Ich bin mich selbst, lebe im Hier und Jetzt und nutze Chancen auch heute noch. Das Alte Testament der Bibel fasziniert mich, da bilde ich mich in Referaten und Kursen weiter. Und mein „Leibblatt“, die NZZ, lese ich jeden Tag. Ich bin gespannt, wie sie sich weiter entwickeln wird. Zu meiner Gesundheit trage ich Sorge, ich turne mehrmals wöchentlich und gehe mit Freundinnen walken. Und vor allem erfüllt mich eine grosse Dankbarkeit für mein reiches Leben und für alle, die mir mit ihrer Hilfe und ihrer Zuneigung jeden Tag zu einem erfüllten Tag werden lassen!

Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Maria Schaller (Mitte) turnt wöchentlich mehrmals und geht mit Freundinnen am See walken.

Buch: Barbara Lukesch: „Wie geht Karriere? Strategien schlauer Frauen“, Wörterseh Verlag 2015 , ISBN 978-3-03763-054-9

 

Bilder: Josef Ritler

 

 

 

 

 

 

 

 

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