FrontKulturTamangur – Ort der Jäger und der Seelen

Tamangur – Ort der Jäger und der Seelen

Leta Semadeni schreibt in ihrem neuen Buch über die alltäglichen Dinge im Leben, also auch über das menschliche Drama

Eine einfache Sprache, aber bewusst und sorgsam Wort für Wort gewählt, so dass der Film im Kopf der Lesenden in farbigen Bildern läuft. Eine Erzählung aus der Optik des Kinds, eines kleinen Mädchens in der engen Welt eines Bergdorfs, und es entsteht ein Kosmos menschlicher Existenz und mythischer Ewigkeit.

Die Lyrikerin Leta Semadeni (* 1944 in Scuol) veröffentlicht mit Tamangur ihr erstes Prosastück, Roman genannt. In 72 und einem letzten Kapitel erzählt die Autorin von einer weltläufigen Grossmutter, bei der das Kind aufwächst, vom Grossvater, der Jäger war und in die ewigen Jagdgründe, hier Tamangur geheissen, eingegangen ist, von Elsa mit ihrem Elvis, dem Coiffeur, der mit seiner Tochter und dem Kind über die Grenze fährt, und der Frau Doktor, die „in der Alpenrose serviert hat, bevor sie den Doktor heiratete und etwas Besseres wurde.“

Paula Modersohn-Becker: Mädchen mit Ziege. ca. 1902

Da ist zunächst der Alltag, das Aufwachen, der Gang zur Schule, essen, schlafen gehen und träumen, die Begegnungen mit zwei- und vierbeinigen Dorfbewohnern, da ist die innige und nicht immer einfache Beziehung des Kinds zu seiner Grossmutter, deren Gefühlswelt und Erinnerungen an ein Leben in fernen Ländern immer wieder aufscheint, deren unterschwellige Wut oder auch Enttäuschung, dass der Grossvater sie zu früh allein liess, ihre Vitalität belegen. Das ist keine alte Frau, die hier ein Kind zu erziehen hat, weil die Eltern nicht präsent sind. Die Regeln der Omnipräsenten lassen sich aber auch umgehen: „In den vielen kleinen und grossen Kämpfen mit der Grossmutter hat das Kind gelernt, im richtigen Moment ein unschuldiges Gesicht zu machen,“ beispielsweise wenn die Grossmutter zum Geburtstag von der Schneiderin einen Schmöker mit einschlägigen Passagen bekommt, Die Schöne von Amalfi, die aber nichts sei für das Kind. Das Buch schrieb Hans Habe 1958 unter dem Pseudonym Antonio Corte, ein Bestseller für heimliche Lektüre von Teenagers, oder hiess es noch Backfische, als Leta Semadeni 14 war?

Nur ganz selten schaut diese Grossmutter zu tief ins Glas, um „ein paar böse Gedanken und Wörter“ loszuwerden, bevor sie sich wieder den Dingen des Alltags wie etwa der jährlichen Einladung Elsas zum Weihnachtskarpfen zuwendet. Eine Freude auch, wie die Elsa-Figur zunächst befremdet, dann begeistert und letztlich unergründlich bleibt, rätselhaft wie alle so minutiös gezeichneten Figuren. Elsa ist Künstlerin, auch Lebenskünstlerin, wirkt auf die Dorfbewohner wie ein bunter Hund und nimmt sich, was sie braucht: „Wenn es um Elsa geht, wundert sich das Kind über gar nichts mehr. Sie ist eben anders, hat die Grossmutter gesagt, und man sollte alles tun, um die Artenvielfalt zu erhalten und zu fördern.“

Skurril sind auch die Geschichten, die der Grossvater ab und zu seiner Enkelin erzählte, wenn sie ihm ein Fundstück brachte. Gefiel ihr die Geschichte, schrieb er sie auf seiner alten Schreibmaschine nieder und legte sie in einem Ordner ab. Mit dieser Schreibmaschine tippt die Grossmutter später Briefe „an die Seele des Grossvaters“ in Tamangur, welche ihr das Kind diktiert. Weil es kein Farbband mehr gibt, bleiben die Blätter weiss, dennoch werden sie säuberlich datiert und in den Ordner gelegt, damit sie der Adressat auch lesen könnte. Tamangur ist wie vieles in diesem Roman ein magischer Ort. Dorthin begleitete einst die Grossmutter den Grossvater in Gedanken auf die Jagd, dorthin ist seine Seele entschwunden. Tamangur, heisst es bei Wikipedia, „ist eine entlegene Moor- und Arvenwaldlandschaft im Unterengadin. Besondere Bedeutung hat das Gebiet wegen seines höchsten geschlossenen Arvenwaldes in Europa und als Symbol für die Hartnäckigkeit der Rätoromanen im Zusammenhang mit der Erhaltung von Kultur und Sprache.“

Blick in die Arvenwaldlandschaft Tamangur im Unterengadin

Die Erzählung verläuft wie ein Knäuel aus handgesponnener Schafwolle, immer wieder tauchen beim Abwickeln Spielarten der gleichen Geschichten auf, meist unvermittelt, dennoch folgerichtig im Kontext. So wie wir eben in Assoziationen erinnern und träumen. Eins dieser Motive ist das des kleinen Bruders, der von den Fluten davongetragen wird – es liegt als dunkler Schatten über dem Kind, weil es sich schuldig fühlt, dass der kleine Bruder, Liebling der Mutter, im Fluss ertrank. Der Lyrikerin gelingen unerwartete Sprachbilder, hochpoetisch, mitunter auch sehr witzig. Aber ist das ein Roman? Ist Tamangur nicht eher eine Sammlung Prosagedichte, die erst durch die handelnden Personen und die Repetition der Motive zur Einheit werden? Das Flechtwerk aus präzisen Beobachtungen und magischen Sinnrätseln, welches diesen Text ausmacht, fällt auf in der diesjährigen Frühjahrskollektion des Buchmarkts. Semadeni gelingt es, in schlichten Sätzen Abgründe anzusprechen und gleich wieder zuzuschütten. Beispielsweise die Vereinsamung der Grossmutter in dem Bergdorf:

„Während ich eingenickt war, habe ich festgestellt, dass ich schon seit Langem nicht wirklich mit jemandem gesprochen habe. Gesprochen, betont sie, über alles, und schaut wieder die Decke an.
Aber ich bin doch da, sagt das Kind und schaut ganz beleidigt.
Ja, sagt die Grossmutter, du bist da, sagt sie, lächelt und nimmt das Gesicht des Kindes in beide Hände.
Marsch in die Küche, du bist sicher hungrig, und ich auch.“

Tamangur. Roman. Rotpunktverlag, Zürich 2015. 144 Seiten. 22 Franken

»Ich lebe in der Nähe des Ortes, wo ich aufgewachsen bin. Die Geschichten sind da. Die Großmutter, der Großvater. Die Mutter, der Vater. Das Dorf. Sie brauchen jetzt Platz«, sagt Leta Semadeni zu ihrem ersten Roman.

Buchvernissage: Dienstag, 14. April 2015, 18 Uhr in Chur Lesung und Gespräch der Autorin mit Angelika Overath
Weitere Lesungen am 2. Juli 2015 im Münstertal und am 15. Juli in St. Moritz.
Einzelheiten auf der Verlagshomepage

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