FrontGesellschaftIstanbul, die Brücke zum Orient

Istanbul, die Brücke zum Orient

Eine Reise nach Istanbul führt in den Orient, in eine lebendige Stadt mit einer 2700-jährigen Geschichte, wo heute 14 Mio. Menschen friedlich und freundlich zusammenleben.

Traut ihr euch, nach Istanbul zu fliegen? fragt unser Sohn. Am Samstag ist Gedenktag 100 Jahre Massaker an den Armeniern. Mehr als mögliche Ausschreitungen beschäftigt uns der Wetterbericht: Er verkündet Regen. Höchstens einzelne Schauern, trösten unsere türkischen Nachbarn und geben uns Tipps für den Aufenthalt in der Grossstadt. Denn das war uns klar: In den drei Tagen würden wir nur einen kleinen Teil von Istanbul sehen, der Märchenstadt am Bosporus.

Am Flughafen wartet der Fahrer eine volle Stunde auf uns für den Transfer. Unser Flug hatte sich verspätet, weil in Zürich ein Witzbold zwar sein Gepäck aufgab, aber nicht mitflog. Oder wars ein Ifrit, ein aufrührerischer Geist, der das Chaos liebt (der „Geist aus der Flasche“ aus Geschichten aus 1001 Nacht)?

Vom Flughafen zum Hotel versuche ich, mit dem Chauffeur zu sprechen. Der gepflegte, gut gekleidete Mann steuert sein Auto souverän durch den lebhaften Verkehr und schweigt. Dass er weder Deutsch noch Englisch versteht, scheint mir unwahrscheinlich.

Sultanahmet Maydan

Mit dem Fahrer spricht man nicht, erklärt der Angestellte an der Rezeption unseres Hotels. Er gibt uns Hinweise auf Sehenswürdigkeiten, empfiehlt uns Restaurants, notiert alles im Stadtplan. Dass wir seine Schrift später nicht lesen können, verliert an Bedeutung, denn unser charmantes kleines Hotel liegt im Sultanahmet, im Herzen der historischen Altstadt, umgeben von Gässchen mit vielfältigen Esslokalen und inmitten grandioser Sehenswürdigkeiten wie Hagia Sofia, Topkapi Palast, Blaue Moschee und Yerebatan Zisterne. Auf dem Meydan leuchtet ein grosses Tulpenfeld. Die Tulpe stammt aus Persien. Weite Teile der Stadt erkunden wir mit der Tramlinie T1, mit dem Hipp-Hopp-Bus und einer Bosporusfahrt.

Durch ein Gewirr von Gassen Richtung Markt.

Wir halten uns an die Empfehlung von Erich Kästner „Man muss viel laufen in Stambul und was man sieht, mit dem Kleingeld von Schritten bezahlen“. Zu Fuss schlendern wir, noch etwas unsicher, durch unzählige verwinkelte Gassen. An diesem Donnerstag wird ein nationaler Gedenktag gefeiert. Ringsum viel Verkehr und geschäftiger Handel. Frauen und Männer flanieren oder sind auf Einkaufstour. Männer ziehen und stossen schwer beladene Handkarren mit in Plastikfolie verpackten Waren. Allgegenwärtig der Strassenwischer mit dem Besen und die Putzmaschine. Istanbul ist eine saubere Stadt.

Im Grossen Basar

Unversehens stehen wir vor dem Tor zum Grossen Basar, einer ummauerten und überdachten Einkaufsstadt mit 3‘500 Läden. Wir übersehen, dass Regen durch die Dächer tropft und tauchen ein in die bunte, orientalische Welt.

Herrliche Stoffe im Grand Bazaar

Teppiche, Seide, Kaschmir, Tücher und T-Shirts, die Türkei ist ein Textilland.

Angeboten werden auch Kunsthandwerk, Schmuck und Steine. Gleiche Waren in gleichen Gassen erleichtern den Preisvergleich. Wir werden zum Aushandeln der Preise ermutigt. Damit würden wir in der Achtung der Händler steigen. Das fällt uns schwer. Die Preise sind günstig. Die Fülle des Angebotes überwältigt.

Zwischen den Auslagen balancieren Männer Tabletts mit gefüllten Teegläsern. Tee wird seit einigen Jahren erfolgreich in der Türkei angebaut und hat den Kaffee als Nationalgetränk der Türken abgelöst.

Abends brechen wir mit der Tradition, bestellen ein Bier und schauen uns um nach Gesprächspartnern. Im Fischrestaurant unterhalten wir uns mit drei Schwestern aus Brasilien, die sich in Istanbul zum Familientreff eingefunden haben.

Im Banne der Vergangenheit

Vor der Hagia Sofia

Am Morgen reihen wir uns ein in die lange Warteschlange zum Eingang zur Hagia Sofia. Ein älterer türkischer Fremdenführer anerbietet, uns zusammen mit einer Familie aus Frankreich die Hagia Sofia zu zeigen und besorgt uns die Eintrittskarten.

Der Führer ist ein Glücksfall; er muss Geschichte studiert haben. Umsichtig erklärt er uns den Aufstieg und Fall der Hochkulturen im alten Orient und die grossen religiösen und geschichtlichen Wandlungen der letzten 2000 Jahre in Istanbul. Die Hagia Sofia wurde 532 als byzantinische Kirche erbaut. Nach dem Fall Konstantinopels 1453 wurde sie zur Moschee. 1934 wandelte Atatürk den Staat um in eine laizistische Republik und die Hagia Sofia in ein Museum. An der Hagia Sofia wurde laufend gebaut und renoviert. Heute untersuchen Wissenschaftler ihre Erdbebensicherheit.

Mosaik in der Hagia Sofia, unten mit Bild der Fusswaschung Jesu.

Alle Religionen und alle Herrscher haben in der Hagia Sofia Spuren hinterlassen. Neben der Architektur begeistert die Leuchtkraft der unwahrscheinlich grossen Mosaiken in den hohen Kuppeln. In der islamischen Zeit wurden sie mit kalligrafischen Schriften überdeckt, ab 1935 wieder hervorgeholt.

Unser Führer verweist auf Beispiele für das Ineinandergreifen der Kulturen. Der Heiligenschein der Katholiken stamme aus dem Sonnenkult, ein kleines Relief zeuge von der Beziehung zur Reinkarnation der Hindus, die Fusswaschung wurde von verschiedenen Religionen als Kult gepflegt. Je näher sich Religionen stehen, desto heftiger bekriegen sie sich, meint der Fachmann lakonisch.

Mit dem Schiff durch den Bosporus

Im Gewürzmarkt gibt es auch verschiedene süsse türkische Spezialitäten.

Ali, ein junger, selbstbewusster Touristenführer begleitet uns auf einer Bosporusfahrt. Er spricht englisch und deutsch und weiss viel über Istanbul.

Die Tour beginnt im ägyptischen Gewürzmarkt, wo uns Ali zu einem Lokum-Händler führt (was wohl zu seinem Pflichtenheft gehört) und uns den Düften und Farben des Marktes überlässt. Anschliessend fahren wir mit dem Schiff vom Karaköy Hafen auf dem Bosporus dem europäischen Stadtteil entlang bis zur Fatih Sultan Mehmet Brücke und dem asiatischen Ufer entlang zurück.

Der Beylerbeyi Palast, den Sultan Abdül Aziz zwischen 1861 und 1861 als Sommerresidenz und Gästehaus errichten liess.

Eine beschauliche Schifffahrt vorbei an alten Moscheen, Villen und Palästen. Einige der historischen Gebäude werden heute als Museen und als Ausbildungsstätten genutzt. Der asiatische Teil ist ein beliebtes Wohnquartier. Gearbeitet wird auf der europäischen Seite. Die Bosporus-Brücke und die Fatih-Sultan-Mehmet-Hängebrücke aus 1988 verbinden die Kontinente. Sie sind permanent überlastet. Eine dritte Brücke an der Mündung des Bosporus ins Schwarze Meer ist geplant.

Die 1622 m  lange Bosporus-Bücke verbindet den europäischen und den asiatischen Teil der Stadt.

Im asiatischen Teil, auf einer Kuppe, auf den Grundmauern eines alten Sultanpalastes, baut Präsident Erdogan eine weitere Villa. Ein Land im Vorderen Orient brauche heute wohl einen statusbewussten Präsidenten, fordere ich Ali heraus, und verweise auf die nahezu unregierbar gewordenen arabischen Nachbarländer. Seine Augen flackern: „Was meinen Sie damit? Araber machen nur etwa 7 % unserer Bevölkerung aus. Wir sind eine Republik.“ Ich unterlasse ein weiteres Politisieren.

Mit dem Bus, der uns vom und zum Hotel bringen sollte, geraten wir in einen hoffnungslosen Stau. Am Eminönü-Platz steigen wir um ins Tram. Das ist zwar auch überfüllt, aber pausenlos im Einsatz. Dank der Istanbulkart, einer Fahrkarte, die für alle Transportmittel an Land gilt, kennen wir uns nun aus im öffentlichen Verkehr.

Friedlicher Taksim Platz

An diesem Samstagmorgen ist nicht viel los auf dem Taksim Platz.

Kein Ausländer, der den Taksim-Platz und den Gezi-Park auslassen möchte, von dem die Medien bei uns so oft berichten. Am Morgen des 100-jährigen Jubiläums des Massakers an den Armeniern laufen nur wenige Menschen über den Platz. Auch der Gezi-Park ist leer. Noch ist es kalt.

Später treffen wir auf eine kleine, gewaltlose Armenien-Demonstration in der Mitte der Istiklal Caddesi, mit Polizeipräsenz. Die Fahrt der historischen Bimmelbahn durch die Einkaufsmeile wurde eingestellt.

Samstagmorgen auf der Isklal Caddesi

Auf der Isklal Caddesi pulsiert das Leben. Wir schlendern den ganzen Morgen vom Taksim Platz zum Galata Turm und weiter hinunter zur Galata Brücke. Es gibt viel zu sehen: historische Gebäude, Restaurants, Läden, auf den Strassen Stände mit Kebab, Maiskolben, Kastanien und Brezeln, viele bunt gekleidete Leute und einzelne Strassenmusikanten. Die Heimat der Istanbuler ist eine Augenweide für uns ausländische Touristen.

Dann neigt sich unsere Reise ihrem Ende zu. Noch fehlen der Besuch im einem Hamam und der Topkapi-Palast. Wir trennen uns für den letzten Morgen und tauchen einzeln in die Welt von 1001 Nacht. Ich für den 1556 erbauten Hürrem Sultan Hamami, mein Mann für den 1540 erbauten Sultanspalast Topkapi Sarayi, eine Palaststadt mit Harem auf 70 ha, die den osmanischen Herrschern während 300 Jahren als Sitz diente.

Blick über Istanbul vom Bagdad-Pavillon aus dem Topkapi-Palast Richtung Goldenes Horn, mit Galata- und Atatürk-Brücke.

Im Vorgarten unseres Hotels sitzt vor unserer Abreise eine ältere Dame an der Sonne, in den Händen ein dicker Roman, neben ihr ein Stock. Sie komme aus Australien und werde demnächst von ihrer Tochter abgeholt für den Besuch der Yerebatan-Zisterne. Auf den ausgetretenen Marmortreppen wollen Sie in den Schlund der Zisterne hinuntersteigen? Frage ich sie. „Aber klar. Ich bin jetzt 92 Jahre alt, den Stock brauche ich nicht unbedingt, und wer weiss, wann ich wieder hierher komme“.

Wir aber wollen nach Istanbul zurückkehren. Nach dieser kurzen Städtereise gibt es noch einiges mehr zu entdecken.

Titelbild: Blaue Moschee
Fotos Brigitte und Franz Poltera

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel