FrontKolumnen"Der weinende Philosoph"

«Der weinende Philosoph»

Der griechische Philosoph Heraklit aus Ephesos ist mit wenigen Sätzen unsterblich geworden.

„In seinen Träumen“, behauptete einst der italienische Schriftsteller Luciano De Crescenz „nach einem späten Abendessen», empfange er den Philosophen Heraklit aus Ephesos. Heraklit? Ausgerechnet den „empfängt“ De Crescenzo in seinen Träumen? Der griechische Philosoph lebte in den Jahren 540 – 470 v.Chr.  Im Zusammenhang mit seinem Namen findet sich zum ersten Male das Wort Philosophie. Und seitdem ist die Philosophie – sicher zur Freude Hegels – weitergekommen, ist sogar eine Wissenschaft geworden. Das allerdings, da bin ich mir sehr sicher, hätte zwar den Hegel, aber nicht den Heraklit erfreut.

Es sieht nämlich so aus, dass dieser Philosoph vom „Lehren“ überhaupt nichts wissen wollte, darum sich auch aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Man kann annehmen, dass ihm die schon damals aufkommenden demokratischen Bestrebungen in Griechenland gewaltig auf den Geist gingen. Auch hatte er mit dem noch herrschenden Mythos nichts im Sinn, weil der „Mythos nur zur Faulheit des Denkens“ verführe.

Es lebte eben dieser eigensinnige Philosoph anders als die anderen. Nach Prinzipien nämlich, die der gewöhnlichen Lebensauffassung noch unbekannt waren. Mit einem Selbstbewusstsein, äusserst elitär, geht Heraklit davon aus, dass zwar die Weisheit, das hohe Gut, allen Menschen gegeben ist, „sich selbst zu erkennen und klug zu sein“, doch nur wenigen ist es gegeben, „zur Einsicht zu kommen“. Der grossen Masse, unverständig wie sie ist, bleibt die Weisheit (sophia) verschlossen.

Es ist uns überliefert, dass Heraklit an einer Schrift arbeitete mit dem Titel «Über die Natur», doch er ist damit nicht fertig geworden. Es kann aber auch sein, dass das Werk als Ganzes verloren gegangen ist. Ein Glück, dass Philosophen, die nach Heraklit kamen, Aristoteles zum Beispiel oder Platon, ihn erwähnen und einige seiner Weisheiten in ihren Werken zitieren.

Diogenes Laertios, der rund 800 Jahre nach Heraklit lebte, haben wir zu verdanken, dass er die umfassende Geschichte der antiken Philosophie mit dem Titel «Leben und Meinungen berühmter Philosophen» verfasste. Daraus geht hervor, dass Heraklits Kollegen nicht nur sein Wirken, sondern auch ihn selbst für schaurig schwierig hielten. Sie nannten ihn den „Dunklen“, auch „der weinende Philosoph“, weil er ein Einsiedler war, sich in den griechischen Wäldern aufhielt, sich von Gras und Beeren ernährte. Ein die Stille und die Einsamkeit suchender Sonderling, der sich – je älter er wurde – in seine eigene Welt zurückzog. Der allerdings in einer Zeit lebte, in der man sich mit recht wenigen weisen Sätzen unsterblich machen konnte.

Vorausgesetzt der Philosophiehistoriker Diogenes Laertios hat uns redlich vermittelt, was er noch über Heraklit ermitteln konnte, schrieb Folgendes über ihn: „Er war hochmütig und herablassend wie kein anderer … Zuletzt wurde er ein Menschenhasser, zog sich immer mehr zurück und lebte in den Bergen. Er wurde wassersüchtig, ging hinunter in die Stadt und befragte die Ärzte. Als diese ihn nicht verstanden, ging er zurück in einen Kuhstall, grub sich dort ein und erwartete Hilfe durch die Wärme des Mists, die es da gab“. Doch als auch das nichts half, starb er.

Allgemein geht man davon aus, dass für Heraklit die „Ideen“ – wie auch für andere nach ihm – das denkwertigste und denkwürdigste Eigentliche sind. „Ihre unbefehlbaren Erscheinungen in der Sinnenwelt sind wandelbar und stets vorübergehend, im ewigen Werden und Vergehen begriffen, doch von ewiger Dauer“.

Der Verstand  liefert auf Grund seiner Erkenntnisfähigkeit das Material für die Vernunft, wozu Gedanken, Wörter und Begriffe gehören, um das Erkannte einsichtig, verständlich und vernünftig zu machen; zu klären, zu sichten und zu berichtigen.

Seinem ihm adäquaten Lebensstil entsprechend sind die wortkargen, lakonischen Gedanken, die eigenständigen Sentenzen und Fragmente, die uns von Heraklit überliefert wurden. Nur wenige sind uns heute noch bekannt:

„Nichts ist so beständig wie der Wechsel“.

„Der Krieg (Streit) ist der Vater aller Dinge“.

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“.

Weitgehend unbekannt ist: „Die Wachenden haben alle eine gemeinsame Welt. Doch die  Schlafenden, im Traum, wenden sich jeder seiner eigenen Welt zu“.

Es scheint so, als ob Heraklit, der „Dunkle“, das Traumgeschehen des Schlafenden schon vor rund 2500 Jahren begriff als das Seelenleben, das die Innenwelt des Träumenden zeigt. Ein psychologisches Phänomen, was Jahrhunderte später zu einem Beistand der Therapie wurde.

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