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Kindheit im Bergdorf

Ein mutiger und eigensinniger Schulbub aus dem Bündnerland ist im Landesmuseum zu Gast: der Schellen-Ursli – eine Ausstellung für Grosse und Kleine

Dem Schellen-Ursli geht es fast wie dem Heidi von Johanna Spyri, das weltweit als Handelsmarke, Filmfigur oder Verpackung für die Schweizer Alpen werben muss. Schellen-Ursli begegnet man auf Fonduetellern und Papierservietten, als Holzspielzeug und Notizblock-Deckel, aber auch als Werbeträger für Trockenfleisch und Milchprodukte, als Musical und demnächst als abendfüllenden Spielfilm, der seinerseits die Produktion von Merchandising-Artikeln generiert.

Im Landesmuseum besteht nun die Möglichkeit, dem Original, seiner Entstehungsgeschichte und seinem Urheber, dem Maler und Grafiker Alois Carigiet (1902 bis 1985) zu begegnen. Vor 70 Jahren sind das rätoromanische Kinderbuch Uorsin und der deutsche Schellen-Ursli von Alois Carigiet und Selina Chönz erschienen, und hierzulande gibt es wohl niemand, der die Geschichte vom Ursli nicht kennt, der um alles in der Welt mit der grössten Treichel beim Umzug am Chalandamarz vorangehen will.

Fast ein Wunder ist es angesichts des aktuellen Sprachenstreits in der bündnerischen Rumantschia, dass der Oberländer Carigiet aus dem surselvischen Sprachraum einst einen Text der Engadinerin Selina Chönz illustrierte. Ein Aufsatz im Begleitbuch zur Ausstellung deckt auf, wer hier vermittelte. Ausserdem: alle Saaltexte in der Ausstellung Alois Carigiet — Kunst Grafik Schellen-Ursli sind nicht nur in Deutsch, Französisch und Italienisch, sondern auch in Romanisch!

Znünitäschli mit Schellen-Ursli – hergestellt aus einem Tischset, einem Merchandising-Artikel zum Bilderbuch

Für Alois Carigiet, der nach einer erfolgreichen Grafiker- und Bühnenbildner-Karriere in Zürich wieder in der Surselva zog, um sich der Malerei zu widmen, war der Schellen-UrsliSegen und Fluch. Er wurde weltberühmt und mit dem höchsten Preis für Kinderliteratur ausgezeichnet, dem Hans Christian Andersen Preis, aber sein Erfolg als Kinderbuch-Zeichner und Plakatkünstler verstellt den Blick auf seine Malerei. Dank einer Zusammenarbeit des Landesmuseums mit dem Bündner Kunstmuseum erfährt Alois Carigiets Malerei eine neue Würdigung.

Die Bauernfamilie. 1965. Eins der Gemälde aus dem Bündner Kunstmuseum. © Alois Carigiet Erben

Eine Retrospektive des Kunstmalers Carigiet ist inmitten der Ausstellung im Landesmuseum nun zu sehen. Es sind Bilder aus der alpinen Umwelt – Landschaften, bäuerliche Szenen, Dorfansichten die Alois Carigiet jeweils mit flinkem Zeichenstift, mitunter auch fotografisch festgehalten hat, um sie später im Atelier zu malen. Die Auswahl ermöglicht, den Maler und sein Werk wieder zu entdecken. Stephan Kunz Direktor des Bündner Kunstmuseums, benennt das Dilemma – die Popularität und die angewandte Kunst lassen den Künstler in Misskredit geraten. „Dazu die Heimat im Vordergrund, wie kann man Alois Carigiet als Künstler ernst nehmen?“ fragt er. Carigiet malte gegenständlich, aber seine expressive Farbigkeit, seine dynamische Umsetzung auf der Leinwand sind auf der Höhe seiner Zeit – eine Malerei ähnlich  jener Varlins, Max Gublers oder Paul Camenischs.

Haus in Vals. 1973. Foto: SNM. © Alois Carigiet Erben

Aber zurück zu Artefakten, die der Schellen-Ursli-Geschichte zugehören. In einer Vitrine Kuhglocken aller Art: Plumpen und Schellen, Chlepfen und Glocken. Wie schwer eine grosse Plumpe ist, dürfen Kinder auch ausprobieren. Typische Engadiner Holzschlitten sind da, eine Porträtgalerie mit Kinderfotos von Emil Brunner und der Entwurf von Urslis Schwester Flurina für das Wandbild an der Trunser Käserei.

Ein spezieller Raum mit Körben voll Bilderbüchern steht Kindern zur Verfügung. Erwachsene wenden sich hier der spannenden Serie Originalzeichnungen aus dem Schellen-Ursli zu, oder den ersten Skizzen für ein weiteres Kinderbuch mit Bild und Text von Carigiet, das er nicht mehr fertigstellen konnte: Krickel, die kleine Gemse wird von Kindern aus einer Lawine gerettet. Das Original – Carigiet hatte es verkauft – bekam das Landesmuseum aufgrund eines Aufrufs.

Umschlagentwurf zum siebenten unvollendeten Buch ca. 1970. Foto: SNM. © Alois Carigiet Erben

Neben der Gemäldegalerie ist die Plakatgalerie eindrücklich: Aus dem Dunkeln treten die Carigiet-Plakate leuchtend-farbig heraus: das Landi-Plakat mit der Schweizerfahne über Zürich, die Tourismus-Werbeplakate, die politischen Plakate, in denen er klar Stellung bezieht. Carigiet war einer der ganz grossen Plakatgrafiker. Den nicht ganz jungen Besucherinnen und Besuchern springen Fein-Kallers weisses Hündchen mit Stock und Hut, PKZs Hahn mit blauem Veston und weissen Handschuhen ins Auge – alte Bekannte aus einer anderen Zeit.

Plakat-Auswahl und Entwürfe für die Zeitschrift Schweizer Spiegel. Foto: SNM. © Alois Carigiet Erben

Ein besonderes Sujet ist die Gurke fürs Cabaret Cornichon, bei dem Carigiet Gründungsmitglied und Bühnenbildner war, während sein Bruder Zarli zusammen mit Elsie Attenhofer auftrat.

Alois und Zarli Carigiet © Alois Carigiet Erben

Den Durchbruch als Künstler hatte er Anfang der 50er Jahre mit ersten Aufträgen zur Wandmalerei. Dokumentiert wird der Schwarze Adler in Stein am Rhein, den Carigiet zur Renaissance-Bemalung des Nachbarhauses, des Weissen Adlers, in einen formalen und inhaltlichen Bezug stellt, so dass die beiden Fassaden sich optimal ergänzen. (Auch in Zürich gibt es Wandbilder von Carigiet in öffentlichen Räumen: beispielsweise im Gang zu den Toiletten des Metropol, oder im Restaurant Clipper.)

Der Spielfilm vom Schellen-Ursli von Xavier Koller ist abgedreht, Kinostart ist im Herbst. Ein Saal der Ausstellung zeigt Sequenzen daraus, etwa eine rasante Fahrt mit dem Schlitten ins Tal, etliche Bilder, Requisiten und die Kostüme, welche die Schauspieler trugen: ganz neu geschneidert samt allen Flicken.

Bis 27. Dezember
Hier geht es zum Rahmenprogramm
Hier gibt es einen Fernsehbeitrag zum 100. Geburtstag von Alois Carigiet 2004

Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen: Alois Carigiet. Kunst – Grafik – Schellen-Ursli. Hg von Hans ten Doornkaat. Orell Füssli Verlag, Zürich 2015. 19.80 Franken

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