FrontGesellschaftIn Grossmutters Bett

In Grossmutters Bett

Seniorweb veröffentlicht in loser Folge „Kostproben“ aus dem Buchprojekt Edition Unik. Heute: „In Grossmutters Bett» von Verena Bernhart.

Ich erinnere mich an meine glücklichsten Ferientage hinter der Lägern. Die Tage bei meiner Grossmutter prägten meine Kindheit nachhaltig. Die Mutter meiner Mutter strahlte Ruhe aus, ich empfand ihre uneingeschränkte Zuneigung, ihre Liebe war jederzeit spürbar. Nie laut, stets sanft redete sie, hatte immer ein Lächeln im Gesicht. Mich faszinierten ihr fein gerunzeltes Gesicht und die weissen zarten Haare, die am Hinterkopf zu einem kleinen Knoten geknüpft waren. Heute habe auch ich die gleichen Runzeln. Schon damals wünschte ich sie mir.

Grossmutter wohnte im mittleren Haus, einem „Flarzhaus“, der typischen Behausung von Kleinbauern. Der Mann arbeitete zuerst als Giesser in Ennetbaden, später in Niederweningen als Arbeiter bei Bucher-Guyer. Sein Wunsch, Bauer zu lernen, blieb ihm zeitlebens aus finanziellen Gründen verwehrt. Eine einzige Kuh im engen Stall lieferte Milch zum Kaffee oder für das Milchbrot, das die Grossmutter jeweils für den Sonntag im Kachelofen buk. Der Mann meiner Grossmutter, mein Grossvater, starb früh an Krebs. Ich kannte ihn nicht. Vor ihrem Haus pflegte Grossmutter den eingezäunten kleinen Garten an der Dorfstrasse, gegenüber des Konsums. Wie gerne half ich ihr dabei! Ihren Tipp, den Stängel der Geranienstecklinge unten einzuschlitzen und ein Gras mit Wurzeln einzuziehen, wende ich heute noch an. Die Pflanze wurzelt dadurch schneller.

Grossmutters Haus war zweistöckig. Unten befand sich eine schmale Küche mit Holzherd und einem Ausgang nach hinten in den Hof. Zwischen Holzwänden und Balken, abgegrenzt zu den Nachbarflarzen, eröffnete sich mir ein Paradies. Abgekehrt vom Dorfleben spielte ich hier mit Hölzern, mit dem feinen Sand am Boden, mit altem Plunder oder den Katzen. Ohne Abschrankung führte eine steile Treppe in den dunkeln Keller. Was dort gelagert wurde, wusste ich nicht.

Der Kachelofen wurde von der Küche aus beheizt. Dicke Wedelen loderten im Winter darin. Der zweistufige Kachelofen war der beliebteste Platz, denn er bot Übersicht. Die warmen Kirschensäckli im Ofenrohr warteten auf die Schlafenszeit. Mitten in der Stube stand ein Tisch mit vier Stühlen. Auf der einen Seite gab es ein rotes Sofa, auf der anderen ein dunkles Buffet. Nebst einigen schönen Tellern und Gläsern hatte Grossmutter ihre wenigen Schriften, die Strickete und das Nähzeug dort verstaut. Die Nähmaschine, eine zum Treten, stand am Fenster. Der Krimskrams in den zwei Buffetschubladen lockte mich immer wieder. Im Durcheinander fand ich bunte Bändel, allerlei Knöpfe, kleine Medaillen von einem Turnfest und vieles mehr. Ich ordnete alles nach meiner Art wie in einem Spielzeugverkaufsladen. Die Fensterreihen entlang der Dorfstrasse sind typisch für Flarzen. Heimarbeiterinnen brauchten Licht für ihre Arbeit. Grossmutter ermöglichten sie den Blick zum Konsum und auf das Geschehen auf der Strasse.

Im oberen Stockwerk gab es drei Kammern. In einem der Räume standen Grossmutters Bett, ein Nachttisch und ein Schrank mit einer Flügeltür. Das war und blieb ihr einziger Schrank zeitlebens. Stets durfte ich mit Grossmutter zusammen in ihrem Bett schlafen. Eine Heizung existierte nicht. Ich liebte ihre Nähe, das fühlte sich einmalig an. Die groben Barchent-Leintücher kratzten, die Decke war schwer und das Kopfkissen hart, aber das störte nicht. Neben der Grossmutter einzuschlafen, in den Ohren das Plätschern des Dorfbrunnens, auf dem Bauch das Steinsäckli, das waren Schlaflieder der besonderen Art.

Heute steht der Kleiderschrank aus Grossmutters Kammer abgelaugt in meiner Wohnung. Dieser Schrank war übrigens ihr Hochzeitsschrank. Ihr Name steht noch immer sichtbar auf der Rückseite. Sitze ich am Computer, dann schaut mir meine Grossmutter in die Augen. Denn an meinem Arbeitsplatz stehen einige Fotos der Familie. Meine Grossmutter starb in dem Jahr, als ich sechzehn Jahre alt wurde und meine Schwester Hanna auf die Welt kam.

Aus „Sackgasse mit Ausgang“ (S. 36 – 39) von Verena Bernhart, Juni 2015

Zusammenfassung „Sackgasse mit Ausgang“

Verena Bernhart erzählt in 16 Bruchstücken ihre Lebensgeschichte vom Aufbruch aus der „Sackgasse“ ihrer Kindheit. Dies ist wörtlich und bildlich gemeint: Das Wohnhaus der Familie stand in einer Sackgasse, in der sie sich damals eingeengt fühlte. Selbstbestimmt leben, eigenes Geld verdienen, den Sohn allein aufziehen: All das zog die Autorin später mit dem Mut und der Konsequenz einer eigenständigen Frau durch.

Die Geschichten zeigen ihr Bestreben nach Freiheit und eigenem Gestaltungsraum. Mit dem bewegenden Thema der Suche nach Befreiung und Entwicklung werden sich viele identifizieren können.

Zur Autorin

Verena Bernhart (1943) ist in der Grossfamilie Meier an der Bäckerstrasse in Wettingen aufgewachsen und wohnt seit 1988 in Ennetbaden. Zunächst arbeitete sie als Lehrerin für Hauswirtschaft an Schulen im Kanton Aargau und Zürich, dann in der Zentrale des SV-Service und später als selbstständige Kommunikationsberaterin. Als Sozialdemokratin engagierte sie sich zehn Jahre im Aargauer Grossrat. Ihren Sohn zog sie als alleinerziehende Mutter auf. Heute geniesst sie die Pensionierung mit Pino, ihrem schwarzen Bolonka Zwetna. Zusammen mit einem zwanzig Jahre jüngeren Maurer aus Deutschland wohnt sie in einer Wohngemeinschaft.

Zum Buchprojekt Edition Unik

47 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am von Seniorweb mitgestalteten Pilotprojekt «Edition Unik – Erinnerungen schreiben und schenken» haben ihr Buchprojekt abgeschlossen (Seniorweb berichtete mehrfach darüber). Auf Einladung der Seniorweb-Redaktion haben mehrere Teilnehmende Ausschnitte aus Ihrem fertig gestellten Buch zugeschickt, die in loser Folge auf seniorweb.ch veröffentlicht werden.

Bereits erschienen: «Rietland» von Bruno Glaus

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel