Kultur

Wilhelm Tell in der Scheune

OpernHausen zeigt im September eine kaum bekannte, aber wunderschöne Oper 

Darf man sagen, Guillaume Tell sei eine bezaubernde Oper? Die Version von Hausen am Albis ist es, und dazu witzig, eindrücklich: In dem munteren Singspiel stecken die Aufklärung, der Geist der Revolution, Rousseaus unverdorbener Mensch und als Träger davon der Schweizer Mythos vom Mann mit der Armbrust.

Der Flüchtling Michael Dolić singt seinen Kindern und der festlich gekleideten Hochzeitsgesellschaft sein Lied

André Ernest Modeste Grétry, belgischer Komponist und Zeitgenosse von Voltaire, Rousseau, aber auch Mozart schrieb während der französischen Revolution seine Musik zum Jour de Gloire, mit dem Freiheitshelden par excellence, dem bis heute gern zitierten Jäger und Bauern Tell. Die Geschichte gehört zum hiesigen Grundwissen wie Bruchrechnen. Schulstoff ist Friedrich Schillers Drama, aber manche Klasse hört den Mythos auch im Geschichtsunterricht im Zusammenhang mit Rütlischwur oder Schlacht beim Morgarten. OpernHausen als Opernspielstätte gibt es seit 2001, es ist ein Ort, wo angehende Opernsänger ihre ersten Sporen in einer Inszenierung abverdienen können und junge Orchestermusiker zu einem regelmässigen Auftritt kommen.

Regisseurin Mengia Caflisch (ganz rechts) beim Proben des Aufstands

Mit der Tell-Oper ist das Dutzend Produktionen voll. Routine stellt sich nicht ein, die Solisten „wachsen raus,“ sagt Mengia Caflisch, Produzentin und Regisseurin, aber das Publikum bleibt treu, auch wenn mal ein Jahr Pause ist. Treu sind auch die vielen Helfer, Chorsänger, Küchentiger, Bühnenbauer, Lichtgestalter, Programmheftmacher undsoweiter, Bekannte aus dem Knonauer Amt, Freunde der Familie. Warum diese Oper so sang- und klanglos von den Bühnen verschwand, als Rossini mit seiner Version ankam, bleibt ein Rätsel, denn weder ist die Musik langweilig, noch altmodisch.

Der Bariton Marco Veneziale ist ein herrischer und wütender Gessler

Unter der Leitung des Dirigiertalents Jonas Ehrler, 23jähriger Student bei Johannes Schläfli im Bachelor-Studiengang, spielt ein unglaublich gutes und präzises kleines Orchester auf. Kontrabassist Peter Schwarzenbach, älteres Semester, staunt über das hohe Niveau der jungen Interpretinnen und lobt den Dirigenten sehr.

Tell und sein kleiner Bub machen sich bereit zum Apfelschuss

Die Ouvertüre beginnt verhalten mit dem bekannten Kuhreihen Ranz des vaches, intoniert von der Klarinette, bevor das nächste Motiv Unheil andeutet. Voller eingängiger Melodien und Lieder ist diese Komposition, dennoch gibt es immer wieder Brüche – Grétry kann als Avantgardist der Klassik und Romantik bezeichnet werden, dem es im Barock zu eng wird. Es gibt noch keine Rezitative, sondern kleine Dialoge, welche die Handlung zwischen den Arien, Duetten, Chorliedern vorantreibt. Der Chor – das revolutionäre Volk – spielt eine tragende Rolle. Ein Chor, der sich bei den OpernHausen-Produktionen mit ihrer erzwungenen Low-Budget-Strategie aus Laien zusammensetzt – vorwiegend Bekannte aus der Gegend. Es ist ein Seniorenchor mit einzelnen jungen Stimmen, aber was Jonas Ehrler, aus diesen Damen und Herren herausholt an Dynamik, an Intonation, an Singfreude, wie Regisseurin Mengia Caflisch diese Schar älterer Menschen führt, das macht sprachlos und froh. In OpernHausen wird nicht an der Rampe gesungen und unbeholfen über die Bühne gestolpert, da wird grossartiges Musiktheater aufgeführt.

Michael Dolić als geblendeter Melktal, im Hintergrund Eileen Butz und Ronja Bosshard

Rahmenhandlung des Tells von Grétry, dessen Libretto Michel-Jean Sedaine verfasste, ist der Tag der Hochzeit von Tells Tochter Marie mit dem Sohn des Standesherrn Melchtal. Derselbe wird von Gessler geblendet, während sich Familie Tell mit einer Flüchtlingsfamilie aus der Ostschweiz austauscht. Der Gang zur kirchlichen Trauung wird durch die Nachricht jäh abgebrochen. Es folgt die Geschichte vom Gesslerhut, dessen Huldigung Tell verweigert, worauf er verhaftet wird. Apfelschuss, zweiter Pfeil, Gefangennahme bis zur spektakulären Flucht aus dem Boot der Schergen sind die geläufigen Elemente. Im letzten Akt wird Tell, der Freiheitskämpfer zum Anführer der aufständischen Bauernhorde, die Gesslers Festung schleift. Und am Ende ist Hochzeit.

Das Bühnenbild – einfach wie es zur Scheune passt – hat als wichtiges Element bezaubernde Laubsäge-Arbeiten: Schon bei der Ouvertüre zieht eine Herde Kühe als Fries auf die Weide. Stilisierte Apfelbäume tragen essbare Äpfel, einen davon wird Gessler pflücken. Die Wachen – zwei an der Zahl – verdoppeln sich durch ein Gestell mit Hampelmännern in Lebensgrösse. Gessler regiert von einer kleinen Treppenpyramide aus. Die Kostüme spiegeln einerseits die Bauernwelt des 13. Jahrhunderts mit dem Kapuzenhemd vom Fünfliber, andererseits die Zeit des Komponisten.

Applaus für Tell und alle übrigen Mitwirkenden nach der Premiere

Als Guillaume Tell brilliert der slowenische Tenor Aljaž Vesel, dessen klare Stimme auch für grössere Säle ausreicht. Der lyrische Sopran von Ronja Bosshard als Madame Tell, welche im Ausdruck trotz ihres jugendlichen Alters glaubwürdig ist, kann da bei den Duetten schwer mithalten. Aber solche Unausgewogenheit wird wohl schon bei der nächsten Aufführung geglättet sein, der Tell – ein Profi – sich zurücknehmen. Le fils Melktal, Luca Bernard, gewinnt mit seinem glockenhellen Tenor nicht nur das Herz seiner Marie, sondern auch sein Publikum, vielleicht konkurrenziert durch le jeune Tell: Eileen Butz, 16, interpretiert den lebhaften Jungen stimmlich und darstellerisch so gut, dass ihre erste wohl kaum ihre letzte Opernrolle sein wird. Die bereits erfahrene junge Sopranistin Anna Kovách singt die Marie, Schwester des kleinen Tell, während der Tenor Michael Dolić mehrere kleine Rollen singt. Drei Soprane, drei Tenöre auf der Bauernseite – ein Bariton als Gegenpart: Marco Veneziale gibt den unsympathischen Landvogt Gessler so glaubhaft und herrisch, dass er beim Premierenapplaus unverdient mit ein paar Buhrufen bedacht wird: Si hei dr Wilhelm Täll ufgfüehrt, das Ämtler Publikum geht mit.

Der Tellspielort in Hausen am Albis lädt zum Verweilen vor und nach der Oper

Ländlich mag der Ort sein – die Scheune der ehemaligen Fuhrhalterei der Seidenweberei Weisbrod-Zürrer in Hausen – die Aufführung ist so schön und erfreulich, dass es sich auch für urbanere Opernfreunde aus Luzern, Zug oder Zürich lohnt, hinzufahren. Es erwartet Sie eine musikalisch ihrer Zeit vorauseilende Oper, welche fast verschollen war, in einer Inszenierung, die trotz bescheidener Mittel überzeugt und unterhält, und deren musikalische Umsetzung rundum gelungen ist.

Zur Aufführung ist ein umfangreiches Programmheft samt Libretto erschienen.

Hier können Sie reservieren und auf Wunsch auch Essen bestellen.