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Toulouse-Lautrec und die Photographie

Voller Überraschungen: Begegnungen mit neuem Schauen und Gestalten, im Kunstmuseum Bern

Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) , der unermüdliche Beobachter und Abbilder des Fin de Siècle in Paris, mit seinen zu kurzen Beinen, seinem Hut und den runden Brillengläsern, mit dem unverwechselbaren Strich und Schwung in seinen Zeichnungen, Lithographien und Gemälden, bietet neben dem stereotyp Bekannten noch einige erstaunliche und geheimnisvolle Aspekte seines Schaffens. Es ist das Verdienst des Kunstmuseums Bern mit seinen Partnern in der Welt der Museen, der Sammler und der Sponsoren, es ist vor allem das Werk und Verdienst des Forschers und Kurators Rudolf Koella und seiner Mitarbeiter, dass die Wechselwirkungen zwischen der neu erfundenen Photographie und der Malerei der Jahrhundertwende so umfassend und vielseitig aufgezeigt werden.

Photographie nicht nur als Vorlage

Einfacher als Modelle ins Atelier zu holen, so fand nicht nur Toulouse-Lautrec, sind fotografierte Portraits von ihnen, die man in ein Gemälde umsetzen kann. Unser Maler hat das wieder und wieder getan. Zwar hat er nie selber fotografiert, er hat nie ein Kamera besessen, aber er hatte Freunde: Vor allem François Gauzi (1862-1933), Maurice Guibert (1856-1922) und Paul Sescau (1858-1926). Sescau war der einzige Berufsfotograf mit eigene Atelier; Toulouse-Lautrec malte 1896 ein Werbeplakat für ihn (Titelbild, Farblithografie).

Bei unserem Maler spielte die Fotografie noch eine fast skurrile Rolle: Er liebte es, auf die ausgefallenste Weise verkleidet abgelichtet zu werden und spielte mit seinen Freunden verschiedenartigste Tableaus durch – die Urform von Installationen und Performances? Als Beispiel sei die Aufnahme von Maurice Guibert herausgegriffen:

Lautrec portraitiert Lautrec, um 1894, (© Beaute, Réalmont; Photographe David Milh)

Doch auch als Samurai zum Beispiel und mit Hut und Boa einer Tänzerin posiert er. Daneben gibt es eine grosse Anzahl alltäglicher Aufnahmen; so mit Freunden, mit Familienmitgliedern, das bekannte Porträt mit Hut und Stock, und weitere Bilder, die man üblicherweise allein dem biografischen Kontext zuschreiben würde.

Eine neue Art des Schauens

Eines allerdings tritt in dieser Ausstellung überzeugend zutage: Die Fotografien spielen nicht nur als Vorlagen für Gemälde eine Rolle, auch nicht nur als Dokumente des kurzen, intensiven Lebens des Malers. Was als Hauptaussage dieser hervorragend gestalteten, reichhaltigen Ausstellung immer klarer hervortritt, ist eine neue Art des Sehens – vielmehr eine Kunst des Sehens – , zu welcher die Fotografie den Künstler anspornt. Schauend erlebt man, wie der Maler seine Bilder mit einer scheinbar mühelosen Leichtigkeit vor seinen inneren Augen – seinem „photographischen Auge“ – entstehen lässt. Mit Pinsel und Stift bannt er das Geschaute auf seine Blätter, bis zuletzt den Schwung des Unmittelbaren bewahrend, geleitet von der fotografischen Schnappschusstechnik in Bildausschnitt und Spontanität des Schauens und Wiedergebens. Der Reichtum an Verknüpfungen und Spielarten eines einsamen, aber reichen Künstlerlebens wird überhaupt erst während der intensiven Beschäftigung mit der Ausstellung (und auch mit dem reich dokumentierenden Katalog) in allen Dimensionen fassbar.

Von der kontemplativen Kunst des „Ecce homo“ und der „Vanitas“ des Mittelalters über die Neuentdeckung des menschlichen Köpers in der Renaissance, von verschiedensten Formen der Abstraktion und Konkretisierung bis zum fotografischen Schauen und Umsetzen – und noch weiter und weiter: Die Kunst, ihr Verständnis, ihre Definition und ihre gesellschaftliche Bedeutung wandelte sich schon früher und wird sich immer weiter wandeln. Henri de Toulouse-Lautrec und sein Verhältnis zur Photographie könnte einer der Wendepunkte der Kunst sein, davon legt diese Ausstellung vielseitiges und beredtes Zeugnis ab.

Der Jockey, 1899, Farblithografie (Sammlung E.W.K., Bern)

Vom Einfluss des fotografischen Schauens und Denkens zeugen auch die Sport-Darstellungen; es scheint kaum möglich, die Spontanität und Genauigkeit der Bewegungen während eines Pferderennens so ausdrucksstark darzustellen ohne Vorlage eines entsprechenden szenischen Schnappschusses.

Misa Natanson am Flügel, 1897 (Kunstmuseum Bern)

Auch von diesem mit feinen Farbduftwolken umspielten Portrait der schönen Misa am Klavier besteht eine fotografische Vorlage von Eduard Vuillard. Hat Toulouse-Lautrec sie benutzt? Er hat sich, wie manche andere Künstler auch, in der Nähe dieser schönen, feinsinnigen Frau, Gattin des Verlegers der Revue blanche aus seinem Freundeskreis, immer sehr wohl und angeregt gefühlt.

Intimitäten

Ich erinnere mich noch heute an meine erste Begegnung mit Henri Toulouse-Lautrec: „Moulin Rouge“, 1952, der Film von John Huston; der Maler dargestellt von Jose Ferrer. Der Kurzbeinige, Tragische in den Bordellen des nächtlichen Paris wirkte eher zweideutig auf mich damals recht puristischen Zwanzigjährigen – und von Kunst verstand ich ohnehin noch nicht viel.

Im Bett, 1892. Öl auf Karton. Privatsammlung Schweiz

Die mit „Elles“ betitelten Blätter und die ganze Abteilung des Lebens und Schaffens von Lautrec in den Bordellen von Paris wirken in der Berner Ausstellung ganz anders. Weiss man, dass nach Alkoholexzessen und vergeblichen Entzugsmassnahmen, der Künstler Schlaganfälle und zuletzt eine Lähmung erleiden musste, erinnert man sich, dass er drei Monate vor seinem 37. Altersjahr starb, sozusagen in der Blüte seiner Mannesjahre, dann öffnen sich auch menschliche Perspektiven. Perspektiven, die dem jungen Mann und Maler nur in der Beobachtung von Intimitäten verfügbar waren. Vor welchem Abgrund Henri de Toulouse-Lautrec seine vorwiegend heiter gestimmten, leicht beschwingten, blütenduftigen Blätter geschaffen hat, wir können es nur ahnen. Dass die Ausstellung im Kunstmuseum Bern so reich gestaltet ist, so umfassend konzipiert und so lebensnah an den Künstler herangeht, macht es möglich, dass man Dinge ahnt, die einem manchmal auch bei Kunstausstellungen verschlossen bleiben.

 

Ausstellung offen bis 13.12.2015.
Weitere Hinweise:

Toulouse-Lautrec und die Photographie

 

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