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Gerontologie – Praxis oder Theorie?

«Akademische Disziplin oder Bausteinlager für die Praxis?», dazu veranstaltete das Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich ein Symposium.

Braucht die Gerontologie einen festen Platz an der Universität oder ist sie doch eher im Hintergrund tätig für alle, die mit alten Menschen zu tun haben – ist das nicht ein trockenes, ein ‹akademisches› Thema? Weit gefehlt! Die eingeladenen Fachleute* aus Wissenschaft und Praxis bezogen jeder aus seiner Warte am 16. Gerontologietag Stellung und argumentierten so lebhaft und vielfältig, dass keine Spur von Langeweile aufkommen konnte.

Was ist Gerontologie?

Die Probleme beginnen mit dem Begriff. ‹Gerontologie› war, wie Stefanie Becker ausführte, vor knapp 20 Jahren nicht bekannt, und bis heute gibt es keine anerkannte, geregelte Ausbildung, sondern grosse Heterogenität auf unterschiedlichstem Niveau vom Kursdiplom der Migros-Clubschule bis zum Masters-Studienabschluss. Dazu entstehen Definitionsprobleme, denn im französischen und italienischen Sprachraum versteht man unter Gerontologie, was im deutschen Sprachraum Geriatrie, d.h. ‹Altersmedizin›, bezeichnet.

Das bestätigte Gabriela Bieri-Brüning, als Zürcher Stadtärztin mit beiden Gebieten vertraut. Für sie ist Geriatrie «das spannendste Gebiet der Medizin«, für das seit 2000 ein Facharztabschluss besteht. Sie betonte auch, dass Gerontologie als eigene «Disziplin der Multidiziplinarität» konzipiert werden sollte, wo Austausch und Kommunikation einen hohen Stellenwert brauchen.

Vielfalt zeigt sich in der Praxis

Florian Riese, Arzt und Forscher auf dem Gebiet der Alterspsychiatrie, zeigte auf, wie wesentlich für ihn die interprofessionelle Arbeit ist, er wünscht sich einen konsensorientierten Diskurs. An zwei berührenden, hochkomplexen Beispielen aus seinen Patientendossiers erklärte er, wie stark eine Therapie auf den einzelnen Menschen ausgerichtet sein muss. ‹Lebensqualität› kann in einem Fall bedeuten, wieder selbständig in der eigenen Wohnung leben zu können, im anderen Fall, durch einen baldigen, friedlichen Tod lange Leidenszeiten beenden zu können.

Shang Xi Vier WeiseShang Xi;
Vier Weise und der Gott der Langlebigkeit (frühe Ming Dynastie) © Wikimedia/ commons.org

 

 

 

 

Ohne Finanzierung geht nichts

Mike Martin, Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Gerontopsychologie und «Hausherr» dieses Symposiums, plädierte dafür, die Gerontologie zu einer eigenen Disziplin zu machen. Solange sie dies nämlich nicht ist, muss sie sich auf zeitgebundene Projekte beschränken, kann in ihrer Arbeit keine Kontinuität entwickeln und keine komplexere Forschung betreiben. Es ist – wie so oft – auch hier eine Frage der notwendigen Geldmittel: Um das Gewicht zu erhalten, bei der Verteilung der Forschungsgelder berücksichtigt zu werden, muss das Fach eine «gewisse kritische Masse» besitzen. Erst eine eigenständige Finanzierung gibt den Lehrenden und Forschenden den notwendigen Raum zum Nachdenken. Die Gerontologie sollte nicht in den interdisziplinären Zwischenräumen versickern – so notwendig Dialog und Zusammenarbeit auch sind. «Gerontologie als Lehre von der Stabilisierung der Lebensqualität im Alter» definiert Mike Martin sein Fachgebiet, «als Modell, wie man mit evidenzbasierter Forschung die gerontologische Praxis unterstützen kann.»

«Die Pflege des alten Menschen ist ein Kulturgut«, postulierte Hans-Rudolf Schönenberg. Als Vertreter des Schweizerischen Seniorenrates vermisst er die Zusammenarbeit mit den Altersinstitutionen und –organisationen wie dem ZfG oder der Gesellschaft für Gerontologie. Denn «mit uns und nicht für uns soll Gesundheitspolitik gemacht werden«, und dafür braucht der SSR als Partner der politischen Gesetzgebung die Unterstützung aller, die es betrifft.

Das Problem der Finanzierung beleuchtete Stefan Spring, Beauftragter der Blinden und Sehbehinderten, aus seiner Sicht. Er sieht sich als Botschafter zwischen Praxis (= Probleme der Sehbehinderten) und Forschung und anschliessend als Vermittler der Ergebnisse an die Nutzerinnen und Nutzer. Im Behindertenbereich besteht grosser Nachholbedarf in allen gerontologischen Fragen. Auch hier sind die Geldmittel ausschlaggebend: Ein Auftrag aus dem Behindertenbereich muss eine gesicherte Finanzierung haben, ehe ein Forschungsinstitut sich an die Arbeit macht.

Zum Schluss führte Anton Schaller als erfahrener Kommunikator aus, wie grundlegend wichtig es ist, den Austausch der verschiedenen Partner untereinander zu verbessern. Mangelhafte Information sieht er in vielen Behörden, was darauf hinausläuft, dass niemand die Verantwortung übernehmen will. Weit anspruchsvoller ist echte Kommunikation, an diesem Nachmittag mehrfach angesprochen: Diese kann nur als gesichert gelten, wenn die Botschaft auch gehört und verstanden worden ist. Schaller berichtete über zwei Projekte im Raum Zürich, die er zur Zeit berät, über «Forum 50plus», geplant als Dach aller Zürcher Altersorganisationen, und über seine Aktivitäten im Medienbereich – Seniorweb und die Zeitschrift SeniorIn.

Blumen GerontologietagDer den Saal schmückende vielfarbige Strauss symbolisiert, wie vielfältig die Gerontologie ist.

 

Ziel: die Verbesserung der Lebensqualität

Mehrfach wurde betont, wie wichtig es ist, vom Fokus der Defizitorientierung wegzukommen. Die Verleihung der Preise der Vontobel-Stiftung für Alter(n)sforschung 2015 war dafür ein exzellentes Beispiel. Es wurden durchwegs junge Forschende ausgezeichnet, deren Arbeiten zur Verbesserung der Lebensqualität im Alter beitragen. Den ersten Preis erhielt Maren Cordi gemeinsam mit ihrem Mentor Björn Rasch für ihre Arbeit zur Verbesserung von Schlaf und Wahrnehmung durch Hypnose – Seniorweb berichtete über Cordis Vortrag. Den zweiten Preis erhielten mehrere Forschende: 1. für eine Arbeit über die Entscheidungsfähigkeit in verschiedenen Altersstufen und 2. für eine medizinische Forschungsarbeit, die zeigt, dass bei der Wiederherstellung nach einer bestimmten Wirbelsäulenoperation alte Patienten die gleichen Chancen einer Verbesserung haben wie jüngere.

Fazit des Symposiums 2015:

Die vielen Facetten der Materie – Arbeit mit und für alte Menschen – fordern zwingend die Führung durch Forschung und Lehre an der Universität in Vernetzung mit allen Institutionen, die gerontologisches Wissen in die Praxis umsetzen. Forschung in Gerontologie hat immer mit Menschen zu tun, sie kann auf die evidenzbasierten Methoden der exakten Wissenschaften aufbauen, darf dies aber nie ausschliesslich. Die Bedeutung der Gerontologie wird angesichts der Bevölkerungsentwicklung in den kommenden Jahrzehnten stetig wachsen.

 *Tagesprogramm und Liste aller eingeladenen Fachleute und ihrer Funktionen

Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich

Vontobel Stiftung

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