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Andermatt – Global Village

Ein Film über die Sorgen und Nöte der Bevölkerung im Urserental, wie der Ägypter Sanih Sawiris die Herzen eroberte und ein Luxusressort baute.

Ein ägyptischer Geschäftsmann kauft eine Talschaft im Herzen der Schweiz. Die von Abwanderung geplagte Dorfbevölkerung hofft auf Investitionen und bessere Zeiten. Widerspenstige Bauern werden charmant ausgebootet, dann kommen die Bagger und stampfen ein Luxusressort für den internationalen Jetset aus dem Boden. Das ist die Geschichte von Andermatt, einem Bergdorf in der Krise, erweckt aus dem Dornröschenschlaf durch den milliardenschweren Investor Samih Sawiris, welcher Heimat und Hoffnung zur handelbaren Ware macht.

Mitten im Dorf werden alte Gebäude abgerissen. Hier entsteht das neue Hotel.

Der Film begleitet über sechs Jahre hinweg Gegner und Befürworter aus dem Dorf, ausführende Architekten, berechnende Investoren und überschwatzende Sales Agenten. Es sind Jahre der Veränderung vom Verlassen des Bauernhofes über den öffentlich gefeierten Spatenstich bis zur Eröffnung des ersten Luxushotels und der grossen Ungewissheit danach. Wie wird die über Jahrhunderte gewachsene Dorfgemeinschaft die Lawine des Wandels verkraften – in einer Welt, in der Finanzkrisen, Revolutionen und Machtübernahmen vor keinen Grenzen mehr haltmachen? Ausverkauf der Heimat oder nachhaltige Perspektive?
Während sieben Jahren hat der Zürcher Regisseur, der Quereinsteiger Leonidas Bieri den Wandel Andermatts mit der Kamera verfolgt. Bevor der Unterländer 2008 erstmals mit der Kamera in Andermatt auftauchte, hatte er einen Winter lang bei der Bergbahn auf dem Gemsstock gearbeitet, zuerst als Parkplatzeinweiser, später als Gondelbahn-Fahrer und hat dabei die Bevölkerung kennen gelernt.

Szenen aus dem Film

Da sitzen die Bergler am Stammtisch, hauen auf den Tisch und sagen:“Wir sind im Ungewissen, wollen den Teufel nicht an die Wand malen und lassen den Kopf nicht hängen.“

Ein anderer wettert:“Ich habe die Pläne gesehen, und da musste ich sagen: Nein!“

Und:“Das ist hier meine Scholle, und darauf bleibe ich, bis ich untergehe.“

Der Bergbauer Thomas Regli muss seinen Hof aufgeben, hier soll dafür der Golfplatz entstehen. In seiner Verzweiflung verreist er für einige Monate nach Australien. Nach seiner Rückkehr tat er sich als Ersatz für die verkauften Kühe zwei Esel zu. Von seiner Heimat kommt Regli nicht los. Im Gegenteil, sie bekommt umso mehr Bedeutung, je mehr sie ihm entrückt.

Schliesslich hoch oben auf der Alp neben den Geissen:“Es ist schön, dass man auf diesem Berg kein Hotel oder Golfplatz bauen kann.“

 

Da spricht Sanih Sawiris im prallgefüllten Schulhaussaal zu der Bergbevölkerung und sagt:“Wir profitieren von der Krise. Es gibt kein sichereres Land und es gibt Leute, die hier investieren wollen“.

Nur für Millionäre

„Das zukünftige Andermatt wird nicht für jedermann sein.“ Innerhalb der nächsten sieben Jahre soll das beschauliche Dorf in den Schweizer Alpen zum Luxusresort werden: Unter 1500 Franken die Nacht wird hier bald kein Tourist mehr übernachten können. Denen, die es sich leisten können, verspricht der Ort dafür High-End-Tourismus vor idyllischer Bergkulisse.
Die Zielgruppe ist der obere Mittelstand mit einem Jahreseinkommen von einer Million Franken und einem Vermögen von 2-3 Millionen Franken.

Was nicht zu verleugnen ist: Der umstrittene Heilsbringer aus Ägypten, der mit dem Heli wie ein Lichtstrahl vom Himmel herunterkam, hat die Bevölkerung wachgerüttelt. Junge, die sich mit dem Gedanken herumgeschlagen haben, das Urserntal zu verlassen, sind geblieben. Hotels und Geschäft wurden restauriert. Vor acht Jahren fand ein einziger Schüler eine Lehrstelle in Andermatt. Jetzt haben aus der Abschlussklasse alle eine Lehre in Andermatt begonnen.

Was der Film nicht zeigt, sind die geschichtlichen Zusammenhänge. Die Geschichte der Schölllenenschlucht, des Teufels und wie man das Urserental einmal fluten wollte. 1946 kam es gar zum «Krawall von Andermatt»: Als eine aufgebrachte Menge einen Ingenieur bedrohte, der bereits Land gekauft hatte, und das Büro eines Architekten verwüsten wollte, griff das Militär ein, um Schlimmeres zu verhindern. 1951 kapitulierten die Kraftwerkplaner endgültig.

Oder warum der Dorfarzt der grösste Gegner des Projekts war. Schliesslich das Militär und die Festungsanlagen.

In Andermatt, in der Aula des Bodenschulhauses, war die Bevölkerung mehrheitlich nach der Filmvorführung zufrieden. Während sich ein Zuschauer über dem vielen Nebel im Film nervte, fanden andere: Der Film sei fair gemacht und verzichte auf gängige Klischees.

Autor: Leonidas Bieri, Marc Haenecke. Kamera: Michael Spindler, Daryl Hefti, Simon Guy Fässler. Ton: Patrick Becker, Sergio Milliet, Dieter Meyer. Schnitt: Marc Haenecke. Musik: Sebastian Fillenberg. Produktion: DOCMINE Productions AG, Coproduzenten: Fidelis Mager, Franz X. Gernstl, megaherz. Produzent: Patrick M. Müller. Länge: 90 min.
Originalfassung: schweizerdeutsch – Untertitel: deutsch.

In Produktion SRF, RB, SWR

Der Film wird in verschiedenen Kinos gezeigt.

Zum Trailer:

https://www.youtube.com/watch?v=o0NjZjWpXyw

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