Als Debüt zeigt Regisseur Stephan Kimmig auf der Pfauenbühne des Schauspielhaus Zürich Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“
Seit fast hundert Jahren herrscht Krieg. Frankreich liegt verwüstet, ausgeblutet darnieder. Niemand glaubt mehr an ein Ende des ewigen Schlachtens. Alle Städte sind von einer mächtigen Koalition aus englischen Truppen und französischen Überläufern erobert. Der französische Thronfolger will kapitulieren. Da taucht plötzlich das Bauernmädchen Johanna auf, das die Schafe ihrer Familie hütet und unter Bäumen mit den Wurzeln der Pflanzen spricht. Eines Tages vernimmt sie Stimmen, die sie ermutigen, als Waffe Gottes hinaus in die Welt zu gehen. Johanna nimmt den Auftrag an und schwört der irdischen Liebe ab. In mehreren Schlachten führt sie die französischen Truppen zum Sieg. Johanna, die Jungfrau Gottes, wird Hoffnungsträgerin, Heldin, Gotteskriegerin und Ikone. Aber nagende Selbstzweifel läuten ihren Untergang ein.
Mit Prolog von Peter Stamm
Die historische Jeanne d`Arc wird 1431 nach einem Inquisitionsprozess als Hexe verbrannt. Friedrich Schiller hat seine Jungfrau als ein zwischen Neigung und Pflicht schwankendes Wesen angelegt. Regisseur Stephan Kimmig zeichnet das Psychogramm dieser Ikone und reichert das Stück mit Gegenwartsbezügen von Peter Stamm an. Die Rede ist vom Terrorismus unserer Zeit, die Parallelen zur fanatischen Kriegstreiberin Johanna herstellen soll. Die Bühne ist mit mehreren transparenten Vorhängen ausgestattet, die je nach Verlauf geöffnet und wieder geschlossen werden. Mit von der Partie ist ein Kameramann, der die Darsteller überlebensgross auf die Vorhänge projiziert (Bühnenbild: Katja Hass).

Den Anfang macht Stamms Prolog: Mehrere Versicherungsvertreter in dunklen Nadelanzügen treten vor die Vorhänge und verkünden das grosse Geschäft, das sich mit dem Terrorismus machen lässt. Dazu müsse „ein Bewusstsein für die Bedrohung in der Bevölkerung“ geschaffen werden. Schillers Ikone als Projektionsfläche und Tummelfeld für ein lukratives Marktsegment? Diese Sicht drängt sich auf, auch wenn sie trotz Aktualität nicht zwingend ist und eher störend wirkt.
Abgeklärt und unbeirrbar
Im Zentrum steht Johanna, grandios gespielt von Marie Rosa Tietjen. Sie, klein von Gestalt, mit Pagenschnitt, ernster Miene und festem Blick, verleiht der Hauptfigur jenen unerschütterlichen Ausdruck, der gleichsam Abscheu und Empathie fordert. Sie bewegt sich wenig, wirkt abgeklärt und unbeirrbar in ihrem Glauben, als Gesandte Gottes Frankreich zu retten. Im Gefecht verliebt sie sich in den feindlichen britischen Anführer Lionel. Äusserst subtil meistert sie die Zerrissenheit zwischen der heiligen nationalen Pflicht und ihrem persönlichen Wollen. Ein grossartiger, stimmiger Auftritt.

Dagegen wirken die anderen Figuren, ein fünfköpfiges Männergremium mit mehreren Rollen (auch Frauenrollen), etwas gar beschmiert und bescheuert. Wolfgang Preglers König Karl ist ein lächerliches Kindsmonster, und so führen sich alle auf (Klaus Brömmelmeier, Michael Neuenschwander, André Willmund und Edmund Teigenkämper). Männliche Allianzen schmiedend und wieder verwerfend, führen sie die Jungfrau wie ein Maskottchen auf der Fahne. Sobald ihr göttlicher Antlitz dem profanen weicht, gehen dieselben Männer, die zuvor noch ihre Hand forderten, ohne mit der Wimper zu zucken von der Fahne. Wohltuend ist, dass das ironische Spiel der Männer nicht mit Kriegsgeheul durchsetzt ist. Keine Frage, die schmierige Spielweise der fünf Männer ist grossartig, vorab Michael Neuenschwander glänzt mit gelungenen komödiantischen Einlagen.
Schade, es hätte ohne diese etwas plakative Doofheit ein wirklich bemerkenswerter Abend werden können. Das Premierenpublikum bedachte die Schauspieler, vorab Marie Rosa Tietjen, mit begeistertem Beifall.
Weitere Spieldaten: 29. September, 1., 7., 13., 15., 19., 23., 27. Oktober, je 20 Uhr; 29. September, 15 Uhr; 4. und 11. Oktober, je 19 Uhr.