FrontKulturChristliches aus neuer Sicht

Christliches aus neuer Sicht

Ein altes Thema, doch brandaktuell: Das Verhältnis zwischen Christentum und Islam. Ein vielseitig gebildeter Moslem denkt über christliche Kunstwerke und Traditionen nach.

Wer sich schon einmal eine alte Ikone aus dem vorderen Orient angeschaut hat, weiss, wie ausdrucksvoll diese schlichten Darstellungen wirken. Eine solche Bildtafel mit einem Marienkopf regt Navid Kermani zu sehr persönlichen Betrachtungen an, aus denen ebenso Bewunderung für die Malerei spricht wie die kritische Haltung des Autors zur Zwiespältigkeit der katholischen Lehre in Bezug auf Maria.

So beginnt das neueste Buch des iranisch-deutschen Autors «Ungläubiges Staunen. Über das Christentum». Der Titel spielt mit der Zweideutigkeit des Begriffs ‹ungläubig›. Vielleicht staunen auch die Lesenden, als könnten sie nicht glauben, dass ein Moslem sich so gut im (hauptsächlich katholischen) Christentum auskennt. Durch seine Familie ist der Autor in die eine Religion hineingewachsen, mit der anderen ist er durch sein lebenslanges Umfeld vertraut geworden.

In einem weiteren Kapitel schreibt Kermani über eine Skulptur des Christuskindes (ca. 1320 aus Perugia), eine kleine Statue aus Nussbaumholz, hässlich erscheint sie für unseren Geschmack, klobig und dick wirkt das Jesuskind. Und doch wurde sie zur Zeit ihrer Entstehung heiss geliebt, schreibt der Autor staunend, auch Franz von Assisi und vor allem Mystikerinnen verehrten sie. Zu seinem eigenen Verständnis und zu unserer Horizonterweiterung knüpft der Autor daran eine Anekdote der Sufis, die das gleiche Thema behandelt: die innere Schönheit im Hässlichen.

Navid Kermani © Bogenberger Autorenfotos

Navid Kermani, geboren 1967, ist als Sohn iranischer Eltern im Rheinischen Bergland aufgewachsen und lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist; von 1994 bis 1997 leitete er ein Sprach- und Kulturzentrum in Isfahan. Ganz bewusst betont Kermani seine iranischen Wurzeln, Isfahan sieht er als seine Heimat an; seinen Glauben habe er vor allem von seinem Grossvater gelernt. In Köln befindet er sich in einem geschichtsträchtigen Zentrum des deutschen Katholizismus. In keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele mittelalterliche Kirchen und christliche Kunstgegenstände wie in der alten Römerstadt am Rhein. In keiner anderen katholisch geprägten Stadt Deutschlands lebt man so heiter wie in Köln. – Jedoch hatte auch Köln in den letzten 15 Jahren Streit mit seinen muslimischen Mitbürgern: Erst nach langem Ringen und gegen heftigen Widerstand konnte der Bau einer imposanten Moschee – mit Minarett – in Angriff genommen werden.

Isfahan, Gewölbe (Ausschnitt) im Musikraum des Ali Qapu-Palasts

Das Buch ist reizvoll angelegt: Anhand von Kunstwerken – vorwiegend Gemälden – untersucht Kermani die Grundlagen des Christentums aus seiner Sicht. Der Autor behandelt zentrale Gestalten des Christentums, von denen einige auch im Islam ihre Bedeutung haben, freilich oft eine verwandelte. Jesus gilt auch den Moslems als Prophet, allerdings nur als einer unter vielen. Und die Kreuzigung, wie überhaupt das Kreuz als Symbol, scheint nicht in den Islam zu passen. Daneben behandelt Kermani allgemein christlich-kulturelle Themen, die Schönheit zum Beispiel. «Die Kreuztragung» von Botticelli fasziniert ihn wegen der schönen, ja erotischen Ausstrahlung der Christusfigur und vor allem wegen der tänzerischen Leichtigkeit, mit der Jesus das scheinbar schwerelose Kreuz trägt. An die tanzenden Sufis, die er in Pakistan erlebt hat, erinnert ihn das. Nicht zufällig sind es wiederum Sufis, die dem Autor in den Sinn kommen. Dieser Zweig im Islam ist am stärksten mystisch geprägt. Das Geheimnisvolle, das über den Vernunftglauben hinausgeht, kommt in künstlerischer Gestalt am deutlichsten zum Vorschein.

Isfahan, Seitengewölbe der Freitagsmoschee

Viele der besprochenen Kunstwerke stammen aus Mittelalter und Renaissance – daneben kommen auch andere berühmte Künstler vor wie Caravaggio, Rembrandt u.a. Der Grund dafür liegt eventuell darin, dass der in abendländischer gleich wie in orientalischer Kunst bewanderte Autor in dieser Epoche eine gewisse Nähe wahrnimmt.
Kermani schreibt: «Ich habe gelesen, dass sich florentinische Maler der Renaissance ebenso auf die orientalische Kunst bezogen wie Dante und Boccaccio auf die orientalische Literatur.» Für beide Kulturräume gilt: «Ein religiöses Kunstwerk sollte nicht einfach gefallen, es sollte die Schönheit Gottes erfahrbar machen.»

Kermani beschränkt sich nicht auf historische Kunstwerke. Er erzählt auch über die Armenier im heutigen Isfahan, denkt über das Gerhard-Richter-Fenster im Kölner Dom nach, über Franz von Assisi und viele andere, die es ihm wert sind. Das berührendste dieser «modernen» Kapitel handelt von Pater Paolo Dall’Oglio, der lange im Kloster Mar Musa in der syrischen Wüste gelebt und von dort aus eine Brücke zum Islam zu bauen versucht hatte. Kermani besuchte ihn mehrmals. Wie Dall’Oglio das Christentum verstand und predigte, beeindruckt ihn. Seit Ende 2014 ist der Jesuitenpater verschollen.

Isfahan, Wandgemälde in der armenisch-christlichen Kathedrale Vank (17. Jh.)

Das ausserordentlich schön gestaltete Buch lädt zum Nachdenken über den eigenen Glauben ein. Was bedeutet uns der christliche Glaube und wie sollte die Gesellschaft mit einer muslimischen Minderheit umgehen? Navid Kermani geniesst im deutschsprachigen Raum viel Beachtung und Anerkennung; in diesem Herbst erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Navid Kermani, Ungläubiges Staunen.
Über das Christentum
C. H. Beck Verlag Wissen; 2015. 303 Seiten,
mit 49 farbigen Abbildungen.
Gebunden. ISBN 978-3-406-68337-4
Auch als E-Book lieferbar.

Nachbemerkung zu den Fotos:
Das Buch lebt von der Wiedergabe der besprochenen Bilder und Kunstwerke. Aus Gründen des Urheberrechts war es nicht möglich, einige davon für diesen Beitrag zu übernehmen. Deshalb habe ich mich entschlossen, eigene Fotos aus Isfahan als Illustration zu verwenden, da der Autor eine enge Beziehung zu dieser kulturell reichen Stadt hat und das Christentum auch dort vertreten ist, spätestens seit dem 16. Jahrhundert gibt es eine armenisch-christliche Gemeinde. Armenische Baumeister, Künstler und Handwerker haben massgeblich zur Verschönerung von Isfahan um 1600 beigetragen.

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