FrontKulturGroteske Wege des Wahns

Groteske Wege des Wahns

Verstörend und faszinierend zugleich: Regisseur Jan Bosse inszeniert am Schauspielhaus Zürich Arthur Millers Hysterisierungsdrama «Hexenjagd».

Das Drama «Hexenjagd» von Arthur Miller wurde 1953 uraufgeführt, zu einer Zeit, in der die McCarthy-Ära die USA erschütterten. Das Stück schildert eine historische Begebenheit aus den Anfangsjahren der US-amerikanischen Geschichte: In der Stadt Salem im heutigen Massachusetts kam es 1692 zu einer Jagd auf vermeintliche Hexen. Der Kern des Geschehens ist rasch angerissen: Pastor Parris hat eine Gruppe junger Mädchen beim nächtlichen Tanzen im Wald beobachtet – seine Tochter Betty ist beteiligt. Ihre Anführerin ist Parris Nichte Abigail Williams. Als Betty erkrankt, kommt die Vermutung auf, der Teufel sei im Spiel. Der Teufelspezialist Pastor John Hale wird gerufen.

Eine verurteilungsfreudige Justiz

Dass eine unschuldige «Wahrheit» nicht sanktionsfrei hingenommen wird, ist den beteiligten Mädchen rasch klar. Und so begründen sie ihr anstössig gewordenes Tun mit anstachelnden luziferischen Geistern. Und beschuldigen in einer Denunziationsszene eine Vielzahl von bislang unbescholtenen Bürgern, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Der Bauer John Proctor, der mit Abigail eine Liebschaft hatte, erkennt, dass die Denunziation eine raffinierte, selbstentlastende Lüge ist. Er und seine Frau Elizabeth, denunziert durch die eifersüchtige Abigail, geraten selber ins Mahlwerk der vermeintlich gottgefällig verurteilungsfreudigen Justiz. Eine Lawine ist losgetreten, 140 Menschen sitzen im Gefängnis, 19 von ihnen werden erhängt. «Wir brennen hier ein heisses Feuer, das jedes Geheimnis zum Schmelzen bringt», charakterisiert Richter Danforth sein inquisitorisches, weitgehend zweifelbefreites Tun.

Pastor Hale (Jirka Zett) beschwört mit dem Kreuz die am Boden liegende Abigail (Dagna Litzenberger Vinet).

So verstörend die Geschichte über die Wege des Wahns und seine Protagonisten ist, dem Regisseur Jan Bosse gelingt es mit seiner Inszenierung in der Schiffbau-Halle des Schauspielhauses Zürich vortrefflich, eine distanzierte Version der absurden Hysterie zu zeigen. Gespielt wird auf einer mit Sägemehl gefüllten Spielfläche, umringt vom Publikum. Hinter den Zuschauerreihen türmen sich Container, auf deren Wände laufend animierte Zeichnungen und Sprüche projiziert werden. Ein Wald im Dämmerlicht hoch oben umschliesst die ganze Halle (Bühnenbild: Stéphane Laimé).

Distanz schafft Bosse durch die teils extreme Positionierung und Überzeichnung einzelner Figuren, die eine Identifizierung fast unmöglich machen, durch kleine spassige Einlagen, die dem düsteren Spiel teilweise eine heitere Note verleihen und die Absurdität des Treibens verstärken. In der packenden Schlussszene, die zielsicher unter die Haut geht, weigert sich Proctor vor seiner Hinrichtung, teuflische Anstiftung zu gestehen. «Jetzt hat er seine Würde», sagt seine nun zur Witwe werdende Frau Elizabeth.

Kein Lehrmodell einer Gesllschaftskritik

Jan Bosse inszeniert «Hexenjagd» nicht als Lehrmodell einer Gesellschaft, die ihre Bürger bespitzelt und verdächtigt. Dass ein Gericht allen Ernstes die skrupellos agierende Abigail und ihre verängstigte Jung-Mädchen-Gefolgschaft als Werkzeug Gottes akzeptiert und aufgrund ihrer Beschuldigungen unschuldige Bürger zum Tode verurteilt, wirkt grotesk genug. Vielmehr forciert Bosse die private Eifersuchts-Intrige der jungen Abigail, als verschulde diese den Wahn. Er setzt auf Tempo, auf grandios spielende Schauspieler, orchestriert die Geschichte wie einen Thriller. Das macht den dreistündigen Abend spannend und schauspielerisch lebendig. Das Premierenpublikum war begeistert und bedankte sich mit starkem Applaus.

John Proctor (Markus Scheumann) erkennt am Familientisch die Ausweglosigkeit seines Protests. (Bilder: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Das Ensemble, auch in den mittleren und nachgeordneten Rollen, zeigt ein grossartiges, kompaktes, intensives Spiel. Von zentraler Bedeutung sind Markus Scheumann als ausserordentlich präsenter und bewegender John Proctor, Dagna Litzenberger Vinet als coole, listige und selbstgefällige Bandenführerin Abigail, Jean-Pierre Cornu als skrupelloser und selbstherrlicher Richter Danforth, Sofia Elena Borsani als Pastors Parris hysterische und wankelmütige Tochter Betty und Jirka Zett als eifriger und reumütiger Teufelsaustreiber Hale. Gelobt sei auch Carolin Conrad als Proctors zurückhaltende Ehefrau Elizabeth. Mit von der Partie ist ein 14-köpfiger Mädchenchor, dessen Rolle nicht ganz einsichtig ist.

Alles in allem, geboten wird ein anspruchsvolles Drama mit begeistertem Engagement der Schauspieler, das – entgegen den Ausführungen im Programmheft – nicht aktualitätserheischend daherkommt, trotzdem aber aktuell und ergreifend ist.

Weitere Spieldaten: 13., 18., 20., Januar, 1., 2., 3., 6., 8., 10., 12., 13., 15., 22., 25. Februar, je 19.30 Uhr; 17. Januar, 7., 14. Februar, je 18.30 Uhr

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