FrontKulturJesus Christ – wiederauferstanden

Jesus Christ – wiederauferstanden

Das Theater Basel unter neuer Leitung bleibt seiner eingeschlagenen Linie treu: Ausgrenzung und Verfolgung um einer Idee willen sind das Thema.

Als ich meiner jungen, etwa 25jährigen Coiffeuse von meinem geplanten Premierenbesuch von «Jesus Christ Superstar» erzählte, erntete ich verständnisloses Lächeln. «Pardon, Madame. Musical – ce n’est pas ma génération.» Ich insistierte: «Aber von ‹Hair› haben Sie sicher gehört, oder vielleicht von ‹Anatevka›.» Kopfschütteln. Ich spielte meinen Trumpf aus: «Doch ‹My fair Lady› kennen Sie doch sicherlich vom Film her?» – «Je suis désolée, Madame!» Da hatte Madame die Lektion begriffen.

Alexander Klaws, Chor des Basler Theaters und Gospelchor am Münster

Unsereins kennt zwar nicht mehr die neuesten Hip-Hop-Titel, doch wissen wir immerhin noch, was Rap ist, ganz zu schweigen vom Unterschied von Rock und Pop. In die Gegenwart der nicht mit klassischer Musik aufgewachsenen Generation herüber gerettet haben sich jedoch nur einzelne Rock- und Popgrössen von gestern. Doch die Zukunft liegt vorne, im nächsten Hype, in der nächsten Party, im nächsten Blog.

Rock-Oper – uralt?

Trotz alledem hat sich das Theater Basel aufgemacht, um eine alte Rock-Oper – immerhin fand die Premiere in New York 1971, also vor uuurdenklichen Zeiten(!) statt – in Erinnerung zu rufen. Und macht mit ihm die beklemmende Aktualität der Story deutlich, die in die Weltgeschichte eingegangen ist, und die sich so gerade heute wieder täglich und meist anonym tausendfach wiederholt. Fanatisierung, Ausgrenzung, Verfolgung spielen die Hauptrolle in Tim Rice’s/Andrew Lloyd Webbers erstem abendfüllenden Musical, dem eine LP vorangegangen war, da sich anfänglich kein Theaterproduzent an das heisse Eisen mit Religionshintergrund wagen wollte. Doch schliesslich wurde auch die Theaterfassung von der damaligen glückseligen Welle der Hippie-Bewegung begeistert aufgenommen.

Patrick Stanke als Judas Iscariot, Alexander Klaws als Jesus Christ

Im Vordergrund des Werks steht der verletzliche und ganz und gar nicht vollkommene Mensch Jesus und mit ihm – als eigentliche Hauptrolle – sein bester Freund und Vertrauter Judas Iscariot. Letzterer entwickelt sich vom Bewunderer und Verteidiger schliesslich zum Brutus, da er die glühend verteidigte Idee von Gemeinschaft und Frieden für das Volk als gescheitert, ja verraten ansehen muss.

Andrea Sanchez del Solar als Maria Magdalena), Alexander Klaws

Als einzige weibliche Hauptrolle erscheint Maria Magdalena, welche in ihrer (etwas allzu verklärten) Liebe bis zuletzt für wenige Momente Ruhe in Jesu Leben bringen kann. Diesen drei Hauptprotagonisten steht der Chor als mächtiger Block des heil- und freiheitssuchenden, aber wankelmütigen Volkes gegenüber, das von einigen Mächtigen (Kaiphas, Pilatus, Herodes) manipuliert wird, aber auch selber vom Opfer zum Antriebstäter mutiert: «Kreuzige ihn!»

Grosses Haus versus Musical-Theater

Wenn man sich fragt, warum diese Produktion im Grossen Haus des Basler Theaters und nicht im Rahmen des Basler Musical-Theaters aufgeführt wird, muss man sich nur die tragende und anspruchsvolle Rolle des grossen Chores vor Augen führen. Der wie immer hervorragende Theaterchor Basel (Leitung Henryk Polus) wird ergänzt und bereichert durch den «Gospelchor am Münster». Für eine temporeiche Choreographie sowohl der Tänzer als auch der Chorszenen zeichnet Lillian Stillwell. Mit Ansi Verwey, der neuen Studienleiterin des Theaters, steht dem gesamten riesigen Apparat, vor allem aber der 14köpfigen, ungemein klug und wirkungsvoll eingesetzten Instrumentengruppe «The Jesus All Stars», eine ebenso charismatische wie präzise Dirigentin vor. Die Szene wird, unterstützt von einer wirkungsvollen Beleuchtungsstrategie (Markus Küry), durchgehend beherrscht von einer sich nach oben verjüngenden, hohen Freitreppe, die ambivalent eingesetzt und zum Schluss sogar zum Hügel Golgotha wird.

Man kann nicht sagen, dass Deutung und szenische Umsetzung des Werks durch den in Basel schon bestens bekannten Tom Ryser sich weit von der Vorlage entfernten. Der Basler Regisseur vertraut – zu Recht, wie mir scheint – auf die Kraft der ungemein vielfältigen Musik, die von Rock bis Pop mit Puccini-Anklängen reicht. Sogar eine Swing-Nummer ist dem in Stefan Raabe-Look auftretenden König Herodes gewidmet, welche wohl die nonchalente Unbekümmertheit des im Schatten Roms agierenden Herrschers im Bewusstsein seiner Macht verkörpern soll (hinreissend: Karl-Heinz Brandt).

Karl-Heinz Brandt als König Herodes

Erstklassige Besetzung

Wobei wir bei der Besetzung wären. Natürlich wäre zuallererst zu erwähnen der erstaunliche Darsteller des Jesus Christ. Mit Alexander Klaws hat sich Basel nicht nur den allerersten Gewinner des RTL-Wettbewerbs „Deutschland sucht den Superstar“ von 2003 geholt und damit ein nicht zu unterschätzendes Publikumspotential gesichert. Klaws, schlank, gut aussehend, ist ein recht guter Schauspieler, aber vor allem ein erstklassiger hoher Tenor, der z.B. allein in der Abendmahlszene ganze elf Mal das hohe C zu singen hat und in der temporeichen Tempelszene sogar das unglaubliche hohe E ohne Mühe erklimmt! Der ebenfalls deutsche Sänger des Judas Iscariot, Patrick Stanke, steht ihm stimmlich in den hohen Tenorlagen in nichts nach und arbeitet darstellerisch die gepeinigte Seelenlage des Judas sehr überzeugend heraus. Der Verrat von Gethsemane, der von abbittender Zärtlichkeit erfüllte Judaskuss, wird durch ihn zum Zentrum und Höhepunkt des Abends. In einer – für Uneingeweihte erstaunlichen – Einschubszene nach dem Selbstmord des Judas wendet sich dieser in einer Art Vision an Jesus mit der Frage, warum der sich nicht eine bessere Zeit für seine Mission ausgesucht habe, eine mit mehr Aussicht auf Erfolg. Diese Szene wird von der Regie als gleissende, hohnlachende Partyszene gestaltet. So nimmt das Musical sich selber hoch, zeigt auf, was aus Legenden wird: weissgewaschener Partyglimmer, Allgemeingut ohne Tiefgang. Was man von dieser frenetisch bejubelten Aufführung nicht sagen kann: ein echtes Theatererlebnis. Meine Coiffeuse weiss nicht, was sie sich entgehen lässt!

Nächste Vorstellungen im Theater Basel: 1., 3., 7. Februar 2016

Alle Fotos: © Sandra Then / Theater Basel

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