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Auf der Suche nach dem Sinn

Edwin Beeler sucht in seinem neuen Film «Die weisse Arche» Antworten auf die Sinnfrage, was Leben und Sterben bedeutet

Im Vorspann zu diesem Dokumentarfilm erzählen die wichtigsten Protagonisten vom Leben, vom  Sterben, demTod und von ihrer Spiritualität. Wenn die Pflegefachfrau Monika Dreier erklärt, sie habe seit ihrem Nahtoderlebnis keine Angst mehr vor dem Tod, wird die Auseinandersetzung mit dem Lebensende einsichtig: Monika Dreier ist so lebensbejahend, dass man ihr gern folgt, wenn sie über ihre Nahtoderfahrung in einer Lawine berichtet oder wenn sie alte Menschen, deren Leben schon fast zuende ist, mit einer Hingabe pflegt, die real und zugleich fast unglaublich wirkt. Wohltuend ist diese Hilfe und jenseits von jedem falschen Trost.

Monika Dreier fürchtet sich nicht mehr vor dem Tod

Durchaus auch von dieser Welt und bodenständig ist Sam Hess. Heute kommt der Forstwart auf Wunsch in Häuser, in denen es geistet: Mit seinen Räuchergefässen findet er die dämonischen Geistwesen hier auf einer Ofenbank, dort im alten Sessel und hilft ihnen nach draussen, in die Ewigkeit, denn Seelen, die da bleiben, bringen Konflikte, erklärt er seine Mission. Ihm geht es darum, den Lebenden, seien es Hinterbliebene oder auch neue Hausbewohner, zur Ruhe zu verhelfen. Irritierend für Kinobesucher, die mit dem Jenseits in jeder Form ihre Mühe haben, aber eingängig und glaubwürdig in Beelers Film.

Ein Schweizer Film über Spiritualität und Tod findet seine Orte und Protagonisten auch in den Klöstern: Da ist der Benediktinermönch Gabriel Egloff, der gleich nach seinem Noviziat zur Gärtnerei eingeteilt wurde, obwohl er lieber manch andere Beschäftigung gehabt hätte in der Abtei. Natürlich rebellierte er nicht, sondern ist noch heute Gärtner, sorgt für den Blumenschmuck in der Klosterkirche von Engelberg. Oder Eugen Bollin, Maler im Kloster Engelberg. Er erinnert die Sterbebegleitung eines Mitbruders, der „den Übergang“ nicht fand, dem war wie wenn er vor einer Wand gestanden hätte. Bollin zeichnete ihm das Klostertor und forderte ihn auf hindurchzugehen: „Dahinter triffst du deine Mitbrüder.“

Im Hof des Klosters Engelberg vor Sonnenaufgang

Der Kapuziner Martin Germann aus dem Kloster Schwyz begleitet im Film Pater Fromund in der Pflegestation in den Tod. Zunächst nimmt Fromund an einer Samichlausfeier teil, später ist er bettlägrig, die letzte Stunde naht, darauf die Trauernden bei der Totenwache vor dem aufgebahrten Sarg. Beeler, der wie bei all seinen Filmen für Drehbuch, Regie, Kamera und Montage verantwortlich zeichnet (Ton: Olivier JeanRichard; Musik: Oswald Schwander), hat hier sehr intime und ebenso respektvolle Bilder gefunden.

Nachdenklich stimmen Martin Germanns Reflexionen zum Tabuthema Sterben und Tod; ein viel grösseres Tabu sei heute aber das Thema Leiden. Die Palliativpflege fällt uns dazu ein, das Morphium in der Endphase eines Lebens. Aber Bruder Martin weiss: es gibt kein Leben ohne Leiden. Der Sterbebegleiter ist inzwischen den Weg „hinüber“ selber gegangen.

Sam Hess hat seine übersinnlichen Fähigkeiten bei einem Mönch erfahren dürfen

Während Edwin Beeler seine Protagonisten vorwiegend in der Innerschweiz, seiner Heimat gefunden hat, musste er für einen „Gottsucher der besonderen Art“ im Greyerzerland auf eine Alp steigen: dort haust der ehemalige Lehrer und Kartäuser Alphons Bachmann als einfacher Hirte und philosophiert über spirituelle Fragen jenseits jeden kirchlichen Glaubenskodexes. Bachmann begleiten wir bei harter Arbeit draussen und beim Zubereiten eines einfachen Essens in der alten Küche, wo er seinem Credo, sein Lebensbrot sei die Erde, nachlebt.

Den Titel fand Edwin Beeler in der Reportage O du weisse Arche am Rand des Gebirges von Niklaus Meienberg über das Kloster Disentis und seiner Klosterschule im Licht eines Klassentreffens 1985. Begleitet werden die Handlungen und Aussagen der Menschen in Beelers weisser Arche von ruhigen eindrücklichen Landschaftsbildern, immer wieder der Engelberger Klosterhof, Gebirge, Wolkenformationen. In einem Essay zum Film sagt der ehemalige Fernsehredaktor und Theologe Erwin Koller: „So wird der Film ein Kontrastprogramm zu den Nachrichtenbildern und zum Zeitvertreib, die den Raum der Öffentlichkeit besetzen. Und wer sich auf eine andere Wirklichkeit einlässt, zählt nicht immer zu den einfachsten Zeitgenossen. Doch es sind Menschen, die Wege zum Spirituellen, Geistigen und Transzendenten offen halten. Auch diese Dimensionen gehören zu unserer Geschichte und Identität.“

Mit Die weisse Arche vollendet Edwin Beeler seine Filmtrilogie über Volksfrömmigkeit, Transzendenz und Mystik, Sagen und Legenden der Zentralschweiz. Der Film Bruder Klausbefasste sich mit der Vereinnahmung des Landesheiligen durch verschiedenste, auch politische Kreise. Im Film Arme Seelen erforscht Beeler die Alpmagie und die tief in der Landschaft verwurzelte Spiritualität, wo Leben und Sterben als eins begriffen wird.

Alle Bilder sind Filmstills aus «Die weisse Arche» © 2016 Suissimage | Edwin Beeler | Calypsofilm AG
Der Film Die weisse Arche kommt am 11. Februar, also nach Aschermittwoch, in die Kinos. Spielorte und -zeiten finden Sie hier.

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