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Die Panne als Falle

Dürrenmatts absurdes Spiel um Arroganz, Selbstgefälligkeit, Stolz, Angeberei und zweifelhafter Einsicht im Berner Effingertheater.

Schon 2000-02 war Dürrenmatts „Panne“ ein Erfolg im Theater an der Effingerstrasse. Diesmal erlebt man es ein wenig anderes. Die Metamorphose schadet dem Stück nicht. Markus Keller führt mit seiner Inszenierung ein Theater vor, das schon vom formal eindringlich gegliederten Ablauf der Szenen her ans Absurde grenzt. Dürrenmatts ohnehin bös gefärbte Dialoge werden damit noch wirksamer spielerisch gezeichnet, und man könnte sich das grimmige Lächeln des Autors vorstellen, wenn er verfolgt, wie alle möglichen sarkastischen Seiten menschlichen Verhaltens so prächtig ausgebreitet werden. Und man ist geneigt, den Titel des Stücks zu ändern und es neu „Die Falle“ zu nennen. Denn – so wird bis zuletzt klar – nicht nur der etwas unreif-einfältig-stolze Alfredo Traps („trap“ heisst englisch „Falle“) verfängt sich in einer vorwiegend selbstgeknüpften Schlinge, sondern auch die munteren alten Herren führen sich mit ihrem vergnüglichen Rollenspiel selber ins ideologische Abseits.

Herrenabend mit Trinken, Essen und Spielen

Nichts als ein Herrenabend, macht man dem Alfredo vor, der irgendwo mit seinem Wagen stehen geblieben ist. Dass er mitspielen darf, da fühlt er sich doch recht geehrt! Dass es bei diesem Spiel um seine Karriere geht, schmeichelt seiner Selbstgefälligkeit und seinem Stolz noch mehr. Fatalerweise erkennt er die Warnzeichen nicht und verfällt seinem Schicksal, das bei allem Komödiantischen schwarze Züge der archaischen Tragödie aufweist.

Von links: Hans-Joachim Frick (Henker Pilet), Alexa Brunner (Justine von Fuhr), Horst Krebs (Staatsanwalt Zorn), Gilles Tschudi (Richter Wucht), Michael von Burg (Alfredo Traps),
Christoph Künzler (Rechtsanwalt Kummer)

Die Herren sind pensionierte Justizbeamte in den traditionellen Rollen eines Gerichts, ergänzt durch einen Henker. Die Aufwartungen bei Tisch macht Justine, schillernde Figur zwischen Laszivität und Verzeichnung der Gerechtigkeitsgöttin Justitia.

Das in immer engeren Kreisen sich um den verblendeten Alfredo ziehende Verhör wird von Phase zu Phase eingeleitet mit einem neuen Wein, blumig angekündigt und zur Degustation eingeführt vom Hausherrn, dem Richter Wucht. Diese wiederholten Szenen haben ihren eigenen Reiz durch witzige Veränderungen von Mal zu Mal. Bildlich stellen sie ein doch auch recht abgegriffenes Klischee des berühmten Abendmahls dar – gerade in dieser Inszenierung jedoch eine weitere komödiantische Arabeske!

Schuld und Urteil

Mit Schuld ist es so eine Sache. Text und Inszenierung arbeiten unmissverständlich heraus, dass Unschuld und Schuld beliebig vertauschbar sind. Es kommt darauf an, wer was davon akzeptieren will. Das bewusst schuldig werdende – sich schuldig machende –„Privatgericht“ konstatiert mit der Begeisterung, mit welcher der in die Falle getrappte Traps eine noch höhere Bedeutung seiner Person zu erreichen glaubt, wenn er seine Schuld annimmt. Eine Schuld, und da grinst wieder der abgründige Dürrenmatt, die nicht bedeutender ist als die Schuld aller, die aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Konkurrenzkrieg als Sieger hervorgehen.

Ein hervorragendes Ensemble

In der Legende zum ersten Bild sind sie genannt, die einzige Darstellerin und die fünf Darsteller.

Die Rolle der Justine ist nicht leicht zu interpretieren, doch Alexa Brunner weiss die verschiedenen Seiten ihrer Figur differenziert und mit grossen Ausstrahlung lebendig zu gestalten.

Das Altmännerquartett klingt wie eine Art von komödiantischer Schauspielmusik, rhythmisch gegliedert und voller Akkorde und Seitenthemen, abwechselnd mit den Zelebrationen der erlesenen Weine an der Tafel. Volles Gelächter, klammheimliche Freude und überbordende Begeisterung für die Patzer und Verstrickungen des so naiven, gernegrossen Mitspielers, welche sich zunehmend zu Gunsten ihrer heimlichen Absichten auswirken.

Michael von Burg ist die Idealbesetzung für den selbstgefälligen, jovialen, etwas unreifen, aber mit allen Wassern gewaschenen Geschäftsmann und Karriereplayer.

In Vertretung des erkrankten Markus Keller windet Ernst Gosteli ein besonderes Kränzchen für Hans-Joachim Frick. An der Premiere würdigt er, auch mit einer Flasche guten Weines, Fricks Bereitschaft (trotz seinem bereits mit „Notausgang“ erfolgten Abschied von der Bühne), bei Beginn der Probenarbeiten einer Panne wegen in der „Panne“ einzuspringen; der vorgesehene Schauspieler fiel aus.

Bleibt schliesslich noch das geheimnisvolle Planetarium des Spielraums von Peter Aeschbacher zu würdigen. Alles in allem und zusammen mit der gesamten Ausstattung und den fein abgestimmten Kostümen von Sybille Welti ist an der Effingerstrasse wiederum ein Theaterabend von besonderer Prägnanz gelungen.

Die Gerechtigkeit hat gesiegt. Hat sie?

Bilder: © Severin Nowacki

Weitere Aufführungen bis 21. März.

DAS Theater an der Effingerstrasse – Die Panne

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