FrontGesellschaftAlt und Jung unter demselben Dach

Alt und Jung unter demselben Dach

Das Mehrgenerationenhaus Giesserei mit 350 Bewohnern in Oberwinterthur ist die grösste selbstverwaltete Siedlung der Schweiz.

Die Grossfamilie, in der alle Generationen zusammenleben und sich gegenseitig unterstützen, gibt es heute nur noch selten. Vor allem in den Städten leben viele Menschen isoliert. Viele haben oft nicht die Möglichkeit oder die Unterstützung, um am gesellschaftlichen Leben so teilnehmen zu können, dass sie sich integriert fühlen. Dieser Entwicklung wirken Generationenhäuser mit ihren Angeboten entgegen, indem das altbewährte Konzept des Miteinanders wieder aufgegriffen wird.

Ein Beispiel für ein gelungenes Mehrgenerationenhaus ist das Vorzeigeprojekt Giesserei am Eulachpark in Oberwinterthur mit rund 350 Bewohnern. Die Vision dazu hatten 24 der heutigen Bewohner. Verwirklicht wurde sie mit der Baugenossenschaft Gesewo und dem Zürcher Architekturbüro Galli Rudolf. Entstanden ist das grösste Holzhaus der Schweiz auf einer 11000 m2 grossen, ehemaligen Industriebrache der Firma Sulzer für kleine und grosse Familien, Singles, Studenten, Paare und Wohngemeinschaften.

Ein nachhaltiges Siedlungsprojekt

Die 2013 eröffnete Siedlung besteht aus zwei sechsstöckigen, langgezogenen und miteinander verbundenen Gebäuden, in denen 155 verschiedenartige und verschieden grosse Wohnungen untergebracht sind. Sie entspricht dem Minergie-P-Standard, braucht kaum Fremdenergie und ist auch bezüglich Mobilität nachhaltig. Die Anzahl Auto-Parkplätze ist auf ein Minimum (60) beschränkt, dafür gibt es gegen 600 Velo-Abstellplätze.

Im Mehrgenerationenhaus Giesserei wird das Miteinander der verschiedenen Generationen gelebt.

Im Erdgeschoss sind verschiedene Gemeinschafts- und Gewerberäume untergebracht, unter anderem ein Veloladen, ein Restaurant (zurzeit nicht in Betrieb), die Quartierbibliothek, eine Kindertagesstätte und ein Musikzentrum. Diese fungieren als Treffpunkt für die Bewohner. Im grossen Gemeinschaftsraum können nicht nur Versammlungen abgehalten, sondern auch Feste gefeiert werden. Und wer gerne einmal Giesserei-Luft schnuppern möchte, kann sich als Bed-and-Breakfast-Gast ein Zimmer mieten. Auf dem Dach kann man sich in der «Pantoffelbar» mit grosser Terrasse treffen.

Alle Bewohner müssen anpacken

Im Unterschied zu den meisten anderen Mehrfamilienhäusern gibt es in der Giesserei keine Verwaltung, welche die Hausregeln vorschreibt und deren Einhaltung überwacht. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind im Hausverein organisiert, stellen die Regeln fürs Zusammenleben selber auf und übernehmen kleinere Reparatur-, Reinigungs- und Umgebungsarbeiten. Jeder Mieter muss im Jahr 36 «Giessereistunden» leisten. Dabei kann man wählen, was einem am meisten liegt. Nach Aussagen der Mieter funktioniert das System recht gut, fördert den Kontakt und Austausch untereinander.

Überdurchschnittlich viele Kinder wohnen in der selbstverwalteten Giesserei. (Fotos: Lena Leuenberger / Gesewo)

Eine Wohnsiedlung sollte es sein, wo sich Menschen jeden Alters unbefangen begegnen. Die Wohnungen waren begehrt und das Ziel der Altersdurchmischung wurde erreicht. Überdurchschnittlich viele Kinder bis 14 und Senioren über 64 leben hier. Fast gar nicht vertreten sind die 20 bis 30-Jährigen. Als Grund wird das fehlende Kapital genannt, denn die Mieter müssen zehn Prozent des Wohnungswertes einzahlen, wenn sie einziehen.

In vielerlei Hinsicht vorbildlich

In der selbstverwalteten Giesserei gibt es kaum eine Wohnung, die der andern gleicht. Die unterschiedlichen Grundrisstypen kommen den individuellen Wohnbedürfnissen entgegen. Mit einfachen baulichen Mitteln können zudem mehrere Klein- zu Grosswohnungen zusammengefasst werden. Die kleinste Wohnung misst 48 m2, die grösste im fünften Stock mit zehn Zimmern über 370 m2. Die Eco-Wohnung mit vier Zimmern (85 m2) kostet 1400 Franken, die Maisonettewohnung mit sechs Zimmern (146 m2) 2400 Franken. Um eine soziale Durchmischung zu garantieren, sind 34 Wohnungen von der Stadt subventioniert.

Die Giesserei ist die grösste selbstverwaltete Siedlung der Schweiz und ist in vielerlei Hinsicht vorbildlich. Aber eine heile Welt ist sie nicht. Auch hier gibt es Konflikte. Viele Diskussionen waren nötig, um die Regeln der Einsätze der Bewohnerinnen und Bewohner festzulegen. Und ein grosser Streitpunkt über Wochen war der Spielplatz im Innenhof. Doch generationenübergreifendes Wohnen liegt im Trend. Deren Ausgestaltung ist vielfältig. Generationenhäuser decken die Bedürfnisse nach Gemeinschaft und fördern das Zusammenleben der Generationen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel