FrontKulturFragen und Antworten zum Jenseits

Fragen und Antworten zum Jenseits

Was ist geblieben von der Idee eines Paradieses, in dem ewiges Glück herrscht? Stéphane Goëls Dokumentarfilm «Fragments du paradis» lässt Menschen dazu ausführlich Aussagen machen.

Mitunter wird die Schweiz als Himmel auf Erden bezeichnet. Da stellt sich die Frage: Glauben die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes, eines Teiles des «christlichen Abendlandes», denn an den Himmel, ein Leben nach dem Tod? Ob Gläubige, Agnostiker oder Atheisten: Angesichts des Todes empfinden die meisten das Bedürfnis, sich Gedanken darüber zu machen, was danach kommen wird. Der Filmemacher Stéphane Goël begleitet seinen Vater, einen 79-jährigen Bauern, auf eine Bergwanderung, und dieser spricht mit ihm darüber.

Auf die Frage, was ihn dazu bewogen hatte, über dieses delikate Thema einen Dokumentarfilm zu realisieren, antwortete Stéphane Goëls, der bis heute schon weit über ein Dutzend Filme gedreht hat, mit folgenden Worten: «J’ai atteint l’âge où les pères commencent à disparaître. Le mien est vieillissant, il contemple sa «dernière ligne droite», comme il dit , avec humour et philosophie. Un jour d’été, alors que je me promenais avec lui dans les pâturages des Préalpes fribourgeoises, il me dit: «C’est là-haut, au pied d’une souche, que je veux que tu répandes mes cendres. Si le paradis existe, c’est à ça qu’il doit ressembler. Je ne sais pas si j’ai mérité le paradis céleste, mais au moins je reposerai au sein d’un paradis terrestre.»» Diese Aussage traf den Sohn im Innersten. Er erkannte, dass er mit seinem Vater über sein irdisches Paradies, als auch über die Vorstellungen vom erwarteten Jenseits, sprechen wollte.

Von der Idee zum Film

Er entschloss sich, darüber einen Film zu drehen. Bei über 20 Institutionen, die mit alten Menschen zu tun haben, hat er Gesprächspartnern gesucht und 140 gefunden, die bereit waren, mit ihm vor der Kamera über das Paradies zu sprechen. 35 Männer und Frauen hat er ausgewählt, die sich während 15 bis 45 Minuten darüber äusserten, was sie vom Leben nach dem Tode halten. Von überzeugten Atheisten, über gemässigte Agnostiker, bis zu Christen verschiedenster Schattierungen und einer Muslima und einem Juden: Eine vielfältige Schar von Menschen, ohne soziologischen Anspruch auf Repräsentativität, gab ihre Statements ab. Einige wenige referieren, was in ihren heiligen Büchern und Dogmen steht. Die allermeisten aber tragen ihre Jenseits- und Paradiesvorstellungen persönlich und frei, gelegentlich besinnlich, oft humorvoll vor, dass sie Nachdenken herausfordern oder befreiendes Lachen auslösen. Die schwarz-weiss Einstellungen verhindern störende Ablenkungen.

Abgesehen von den Schilderungen aus der Bibel, der Thora oder dem Koran, wurzeln die Beschreibungen des Paradieses in den lebenslangen individuellen Lebenserfahrungen, den Hoffnungen und Befürchtungen, den Sehnsüchte und Ängste. Oft sind es die Familien, seltener Orte und Landschaften, die ihre Vorstellungen speisen.

Eingebettet zwischen Altersheim und Kinderfest

Die Bergwanderung des Filmemachers mit seinem Vater auf einen Neuenburger Voralpengipfel bildet den roten Faden und bezieht uns in die Gespräche der beiden ein. Ihr Weg endet im Paradies, einem Flecken Erde, der für den Vater das irdische Paradies darstellt. In der dortigen Ruhe und Freiheit, Geborgenheit und Gemeinschaft, dem Frieden und der Schönheit erlebt er im Diesseits das jenseitige Paradies.

Ergänzt werden die Statements und die Wanderung durch dazwischen montierte 8-mm-Familienfilme, beigesteuert vom Kameramann und von der Cutterin. Solche Amateuraufnahmen aus den Vierziger- oder Fünfzigerjahren zeigen, wovon einzelne Aussagen über das Paradies gespeist sein könnten: diesen heiteren, schönen Familienidyllen. Solang die Kinder jeweils lustig spielten, wurde gedreht, sobald sie sich stritten, wurde die Kamera abgestellt.

Eine vierte Ebene, die ohne Erklärung etwas unvermittelt daherkommt, sind sogenannte «Entspannungsräume», wie sie in welschen Alterseinrichtungen existieren: Räume, in denen die alten Menschen mit schönen Bildern und harmonischen Tönen sich entspannen können. Hier sollen sie sich vor dem Sterben, wenn Geborgenheit in einem Glauben oder einer Familiengemeinschaft fehlen, emotional positiv aufladen und ruhig werden können. Diese Inszenierungen im Diesseits sollen helfen, gut ins Jenseits hinüberzugleiten, was auch die Beschreibungen des Paradieses beeinflussen kann.

Botschaften des Films …

Auf die Frage nach der Botschaft des Films antwortete Stéphane Goëls, im Blick auf die Erfahrungen mit seinen Gesprächspartnern: «J’ai voulu aller à la rencontre de ces personnes qui ont déjà un pied dans l’au-delà, faire entendre leur voix, donner à voir la vérité nue de leurs visages magnifiques. Il y a chez ces personnes un ingrédient formidable, c’est la sincérité de leurs propos. La parole de ceux qui sont dans cet entre-deux, ce hors-lieu entre la vie et la mort, possède une force, une puissance à la fois narrative et poétique, bien plus grande que n’importe quel discours savant.» Ich denke, diese alten Menschen mit ihren aus einem langen Leben gebildeten Aussagen können uns helfen, die gleichen Fragen nach dem Paradies und dem Jenseits ebenso ehrlich zu beantworten.

Dankbar und begeistert beschreibt der Filmemacher im Weiteren seine Gesprächspartner und deren Aussagen. Es scheint verschiedene Menschengruppen und damit verschiedene Themenkreise zu geben. Weshalb wir uns fragen können, zu welcher wir selbst wohl am ehesten gehören: «Malgré cela, j’ai été frappé par la grande richesse des points de vue. Beaucoup de personnes, qui pourtant ont eu une éducation et une pratique religieuse pendant leur vie «active», m’ont parlé de leurs doutes, de leur peur de perdre la foi au moment où ils en auraient le plus besoin. Certains m’ont confié leur conviction que rien ne les attend dans l’au-delà, ni retrouvailles, ni récompenses. D’autres affirment leur croyance profonde en un au-delà bienveillant et merveilleux mais qu’ils ne peuvent décrire. Beaucoup m’ont parlé de ce sentiment d’être dans une sorte de purgatoire, entre la vie et la mort, entre l’ici et l’au-delà, seuls face à leurs questionnements. Très peu de personnes étaient dans l’affirmation, la certitude absolue, le dogme qui sont peut-être le privilège des «vivants». J’ai trouvé dans ces témoignages l’expression d’une profonde humanité.» Das Sterben als Teil des Lebens, das Leben als Teil des Sterbens zu sehen, gibt dem einen wie dem andern Grösse und Bedeutung, macht Sinn, darüber zu sprechen.

…für den Regisseur und wohl auch für uns

Die Arbeit an diesem Film ging an Goël nicht spurlos vorbei, sie hat ihn verändert – was er sich auch vom Publikum wünscht: «Je souhaite que ce film mette en évidence cette pluralité de voix qui s’élève au nom d’une grande inconnue commune à l’humanité. (…) Ces paroles multiples se répondent, se complètent, s’interpellent ou se contredisent mais elles finissent pas former un récit: celui de notre rapport complexe à l’au-delà, et donc de notre relation intime avec le sacré.»

Die Frage nach dem Paradies und dem Leben nach dem Tod zielt auf eine noch umfassendere Frage: jene nach der Wahrheit. Und darauf kenne ich bis heute keine gültigere Antwort als jene von Dschaelal ed-din Rumi, dem berühmten Sufimeister aus dem 13. Jahrhundert: «Die Wahrheit ist ein Spiegel, der vom Himmel gefallen ist, er ist in tausend Stücke zersplittert, jeder besitzt einen kleinen Splitter und glaubt, die ganze Wahrheit zu besitzen.»

Stéphane Goël, Produktion: 2015, Länge: 85 min, Verleih: Filmcoopi

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