FrontKulturWohlgefühl ist Sache der Firma

Wohlgefühl ist Sache der Firma

Schöne neue Arbeitswelt im Berner Theater an der Effingerstrasse: „Nachwehen“ von Mike Bartlett

Der Einakter „Contractions“ erfuhr seine Uraufführung 2008 im Londoner Royal Court Theatre. Ursprünglich schrieb es der Brite Mike Bartlett (geb. 1980) als Hörspiel mit dem Titel „Love Contract“. Die deutsche Fassung von Lorenz Langenegger trägt den Titel „Nachwehen». Nach etwas älterem Sprachgebrauch könnte ‚contractions’ auch mit ‚Einengung’ übersetzt werden (Pons, Englisch-Deutsch, Klett Stuttgart, 1. Aufl. 1978). Das käme der Botschaft des Bühnengeschehens näher als die aus der Medizin stammenden ‚Nachwehen’.

Denn was da zwischen der (wenigstens im Volllicht) ewig lächelnden Managerin und der zunehmend gewissermassen ihre menschliche Unschuld verlierenden Abteilungsleiterin Emma vorgeht, ist eine bestürzende, unglaubliche und wirkungsvoll überspitzte Reportage aus dem Bereich hinter den Kulissen der hellen und reinen Arbeitswelt. Angesichts der gerade in den letzten Tagen in den Medien diskutierten Situation von Spitzenleuten der Wirtschaft, denen die selbst- und fremdbestimmten Ansprüche sozusagen die Seele abwürgen, gewinnt das schon um acht Jahre alte Bühnenstück eine beklemmende Aktualität.

Stefan Meiers Inszenierung wird sowohl dem zeitgemässen Stoff als auch den arbeitspsychologisch und führungstechnisch fundierten Fakten gerecht. Das Ablaufritual der Handlung beginnt immer mit denselben Höflichkeitsfloskeln und endet stets – jedenfalls bis zum Höhepunkt der Ereignisse, gewissermassen im „goldenen Schnitt“ der Handlung – mit derselben erstaunten Verunsicherung der Zweitplatzierten in diesem glattpolierten, doch echt heimtückischen Mitarbeitergespräch.

Rasch ausmanövriertes Aufbegehren: Sinikka Schubert, Julie Sewing

Das pendelt zwischen gefrorenem Lächeln und mühsam zurückgehaltenem Kopfschütteln und hat nur ein Ziel: Die Firma bestimmt nicht nur das Arbeitsverhältnis und das Betriebsklima, sondern nistet sich auch im innersten, intimsten, privaten Bereich der Mitarbeitenden ein. Sie dreht und rührt darin, bis alles Persönliche gebrochen, niedergehalten und allein der Unternehmenspolitik untergeordnet ist. Dabei missbraucht sie in unnachahmlichem Zynismus ihre Macht. Hier, in diesem Einakter, scheint sie das Ziel am Schluss erreicht zu haben: Die Beschäftigte pervertiert zur Maschine im Dienst des Konzerns. Nur vorübergehend verliert sie ihr krampfhaft gefügiges Lächeln.

Was dabei in diesem Stück besonders bestürzend wirkt: Die von nachprüfbaren Fakten ausgehende Fantasie, welche die Handlung entwickelt, führt mit kräftig unterstreichender Konsequenz bis an die Grenze des Zumutbaren, vielleicht gar etwas darüber hinaus.

Dabei wirkt die Arbeitswelt eigentlich hell und sachlich. Verena Dietze setzt mit ihrem ersten Bühnenbild am Effinger-Theater einen erfreulichen Akzent. Durchdachte Modernität eines Arbeitsplatzes, gestaltet formal mit ansprechend wirkender Lichtführung und geschickter Anordnung der optischen Linien, knapp mit dem Notwendigsten ausgerüstet und so die kühle Lächeln-Maske der Managerin wirksam teils kontrastierend, teils stützend. Schöne Bürowelt – mit Abgründen voller Brechreiz im Gehabe der beteiligten Menschen.

Managerin (Sinikka Schubert) und Emma (Julia Sewing) im Spielraum von Verena Dietze

Anerkennenswert ist die darstellerische Leistung von Julia Sewing, die zum ersten Mal auf der Effinger-Bühne auftritt. Sie entwickelt Mimik und Tonfall von vordergründiger Höflichkeit, mit beflissenem und die Verlegenheit kaum verschleierndem Lächeln, dann auch mit sichtbar verzweifeltem Unterdrücken und Verdrängen von Schmerz und Demütigung, zuletzt mit einem Allerweltsgesicht, das Zerbrochenes und Verletztes gekonnt verschleiert und damit auch Bedauern weckt.

Von anderer Art ist das gekonnt eingeübte, maskenhafte Lächeln der Managerin. Auch Sinikka Schubert verfügt über alle schauspielerischen Register, um das Halbteuflische ihrer Funktion äusserlich sichtbar zu machen. Geschliffen und ohne Angriffsfläche wirkt ihr Gesicht, menschlich ausdruckslos ihr beherrschtes Auftreten und elegant-einförmig ihre Kleidung (Kostüme Sybille Welti, wiederum spannende Akzente zum Raum setzend und die Stellung der beiden Frauen illustrierend).

Demütigender Schluss der schönen neuen Bürowelt

Die letzte Produktion der 19. Spielzeit des Theaters an der Effingerstrasse hat es in sich. Sie ist grosses Theater in der kleinen Form des einaktigen Kammerspiels. Sie trägt Zündstoff in sich und mag wohl, nicht zuletzt der auch kulturpessimistischen Schattierungen wegen, kaum von jedermann als „Schöne neue Welt“ verstanden werden. Aber sie ist dennoch in vielfachem Sinne bedeutendes Theater.

Bilder: © Severin Nowacki

Weitere Aufführungen bis 30. Juni

DAS Theater an der Effingerstrasse – Nachwehen

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