FrontKulturEin Tiger als Rächer

Ein Tiger als Rächer

Der Roman «Tigermann» des indonesischen Schriftstellers Eki Kurniawan ist ein Schmuckstück grosser aussereuropäischer Literatur.

Es beginnt mit einem Mord: Margio, ein allseits geschätzter junger Mann, hat Anwar Sadat umgebracht. Allerdings ist dieser Roman kein Krimi, viel eher folgen die Lesenden der Suche danach, welche Lebensfäden zu dieser erschreckenden Tat geführt haben. Zwei Familien sind verwickelt: die von Anwar Sadat, er hat drei Töchter, zwei von ihnen sitzen vorwiegend daheim, die zielstrebige jüngste studiert in der grösseren Stadt, die Mutter der Drei ist ebenfalls aktiv: Sie ist die Hebamme des Städtchens. Margio ist der Sohn von Komar bin Syueb, einem jähzornigen Menschen, der kurz vor diesem Ereignis gestorben ist, und von Nuræni, die etwas Geld verdient, indem sie für die Familie von Anwar Sadat den Haushalt macht. Mameh, Margios jüngere Schwester, arbeitet vor allem zu Hause, wie es in dieser Gesellschaft üblich ist. Im Laufe der Erzählung erfahren wir, was schliesslich das Unglück herbeigeführt hat.

Die Nachbarn und für das Leben im Städtchen wichtigen Leute bilden gleichsam einen grösseren Kreis um den Kern des Geschehens. Major Sadrech zum Beispiel, passionierter Jäger, der sich als Patriarch des Ortes fühlt, befürchtet, dass ihm nun auf der bevorstehenden Wildschweinjagd sein bester Treiber – eben Margio – fehlen wird. Wie in einem Film sehen wir, wie die Gemeinschaft auf die Nachricht reagiert, wie sie die Vorbereitungen für die Beerdigung trifft. Ständig fragt man sich, was Margio zu dieser Tat getrieben hat. Am Ende des Kapitels äussert Margio, der inzwischen zu seiner eigenen Sicherheit gut bewacht und verpflegt im Gefängnis sitzt, Major Sadrech gegenüber: «Nicht ich war es,» sagte Margio ruhig und ohne Anzeichen von Schuld. «Ein Tiger wohnt in meinem Körper.»

Der Autor Eka Kurniawan © Eka Kurniawan

In fünf Kapiteln erfahren wir, wie es so weit kam. Wir lesen gleich im folgenden Kapitel, was es mit dem Tiger auf sich hat. Der Autor bedient sich hier eines alten javanischen Mythos›, dass Menschen die Kräfte eines Tigers in sich aufnehmen können und solche Fähigkeiten in der Familie weitergegeben werden. Wir lesen, in welch bescheidenen Verhältnissen Margio und Mameh aufgewachsen sind. Für ihre in einem verlassenen Fabrikgebäude selbstgebaute Behausung, woran es immer wieder etwas zu reparieren gibt, musste Margios Mutter ihr einziges Schmuckstück, einen schmalen Ehering aus Gold, hergeben.

Wir erfahren überhaupt viel über die Lebensverhältnisse in diesem kleinen, abgelegenen Ort im Südwesten Javas, einer Gegend, in der auch Eka Kuriawan aufgewachsen ist. Das Land ist geprägt von der ehemaligen Kolonialherrschaft der Holländer, vieles verfällt, Fabriken, wenn sie nicht ganz aufgegeben werden, reduzieren ihren Betrieb und bieten damit weniger Verdienstmöglichkeiten. Alte Kakaoplantagen sind völlig überwachsen, ebenso die Geleise der ehemaligen Eisenbahn, von der man nur noch streckenweise verrostete Schienen sieht. Mensch und Umwelt spiegeln sich gegenseitig.

Der Tiger, den Margio in sich weiss, kann zugleich als Ausdruck unausgedrückter, angestauter Wut verstanden werden, Wut, die Margio vor allem seinem Vater gegenüber verspürt, der seine Frau und Kinder oft genug aus kleinlichen Anlässen verprügelt. Eine Wut auch aus der Hilflosigkeit heraus, die Lebensumstände seiner Mutter und Schwester nicht ändern zu können. Schliesslich sind da auch noch die Verwicklungen von Margios Familie und der von Anwar Sadat.

Sehr zu empfehlen ist das Nachwort der Übersetzerin. Ihre Erläuterungen zur Biografie des Autors tragen sehr zum Verständnis bei. Interessant ist der Hinweis darauf, dass die indonesische Sprache nicht zwischen weiblich und männlich unterscheidet: Ein Tiger kann ebenso gut eine Tigerin sein, ein «Tigermann» auch eine «Tigerfrau».

Gemäss klassischen literarischen Gesetzen kann «Tigermann» als Novelle gelten: als unerhörte Begebenheit in einem überschaubarem Raum. Die emotionalen Beziehungen zwischen den Menschen und schöne Naturschilderungen tragen diesen Roman. Ebenso klassisch wie ausgefeilt, aber auch humorvoll ist der Stil von Eka Kurniawan. Diese Erzählung lässt die Lesenden bis zuletzt nicht los. Buchstäblich erst auf der letzten Seite erschliesst sich uns Margios Motiv für die Tat.

Eka Kurniawan, 1975 in West-Java geboren, geniesst bei Kennern der zeitgenössischen Literatur Indonesiens einen ausgezeichneten Ruf als einer der ideenreichsten und sprachgewandtesten Erzähler und wird an die Seite von Gabriel García Márquez und Salman Rushdie gestellt. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, Essays und journalistische Kommentare. Daneben betreibt er einen eigenen Blog, beschäftigt sich mit Grafik-Design und zeichnet gern Comics.

Dieses Buch ist in der Reihe «Der Andere Literaturclub» erschienen, einem Zweig von artlink, Büro für Kulturkooperation. Ziel von artlink ist es, Kunstformen, Künstler und Künstlerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa bekannt zu machen sowie die Arbeit der in die Schweiz eingewanderten Kulturschaffenden zu unterstützen. Dies als Ausdruck einer der Welt gegenüber offenen Schweiz, die in der interkulturellen Zusammenarbeit eine Chance wahrnimmt, eurozentristische Haltungen zu relativieren, den Respekt vor anderen Formen, Traditionen und Wertesystemen zu fördern und die Welt auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Eka Kurniawan, Tigermann. Roman
Aus dem Indonesischen von Martina Heinschke
OSTASIEN Verlag   Reihe Phönixfeder 30, 227 Seiten. 2016.
ISBN-13: 978-3-940527-93-6

Leseprobe

Das Titelbild entstand aufgrund einer Zeichnung des Autors. © Eka Kurniawan

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