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Von der Lust zu spielen

Haben Sie ein Ass im Ärmel? Dann haben Sie vielleicht die Chance, mit etwas Glück und Verstand das Spiel zu gewinnen.

«Lust auf ein Spiel? Geschichten rund ums Kartenspiel» heisst die Ausstellung, die das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen zur Zeit präsentiert. Dieses Museum ist für ein solches Projekt prädestiniert, denn es besitzt mit über 10’000 Kartenspielen aus der Zeit ab 1500 die bedeutendste Spielkartensammlung der Schweiz. Da gibt es Einzelkarten, unvollständige Spiele und Druckbogenfragmente aus der Zeit bis 1700 und vor allem zahlreiche komplette Spiele ab 1700 aus allen Teilen der Welt.

Enten-Ober aus dem ältesten, allerdings unvollständig erhaltenen Kartenspiel Europas, dem «Stuttgarter Kartenspiel» gemalt um 1427-143 am Oberrhein (Faksimile)

Sind es vielleicht nur noch die Älteren, die sich für lange Nachmittage oder Abende an einen Tisch setzen und spielen? Nein, Kinder spielen – neben anderem – auch noch Karten, vielleicht nicht mehr «Schwarzer Peter», sondern UNO oder ein anderes kurzweiliges Kartenspiel. Man kennt heute mehr als 500 unterschiedliche Kartenspiele.

Um Kartenspiele geht es in dieser Schau, denn das Spielen an sich ist ein derart weites Feld, dass dafür eine Ausstellung nicht ausreichen würde. Seit Urzeiten haben die Menschen gespielt, allerdings anfangs wohl vor allem Würfelspiele oder Brettspiele. Während letztere Aufmerksamkeit und strategisches Denken erfordern, sind Würfelspiele vom Zufall bestimmt. Kartenspiele verbinden beides: Es ist Glück dabei, ob man gute Karten zieht, und man braucht Köpfchen, um den Verlauf des Spieles möglichst zu den eigenen Gunsten zu steuern. Diese Herausforderung, Glück und Verstand zugleich zu kitzeln, macht Kartenspiele so reizvoll, dass sie nach wie vor beliebt sind.

In der Ausstellung sieht man Faksimile der drei ältesten erhaltenen Kartenspiele aus dem 15. Jahrhundert. Zunächst waren die Karten vollständig handgemalt – die Drucktechnik wurde erst etwas später entwickelt. Diese Karten wurden sorgfältig verziert und auch nur von wenigen Spielern benutzt, sonst hätten sie die Jahrhunderte nicht überstanden.

Joker, Kartenspiel des Basler Bildes, um 1520. Museum zu Allerheiligen Schaffhausen

DAS Schweizer Kartenspiel, der Jass, wurde von Söldnern, die in niederländisch-spanischen Diensten gestanden hatten, im 14. Jahrhundert in die Schweiz gebracht. «Jassen» hat im Niederländischen die gleiche Bedeutung wie im Schweizerdeutschen, ebenso der Begriff «Nell». Ursprünglich stammen Kartenspiele aus Ostasien, was sich aus dem Material erklärt: Für ein Kartenspiel braucht man dünnen Karton, der gut in der Hand liegt. Solchen herzustellen, gelang in Asien früher als in Europa. Von China über Indien, Persien und die arabischen Länder gelangten die Spielkarten nach Italien und Frankreich.

Die ältesten Nachweise dafür, dass Kartenspiele beliebt waren, findet man übrigens in Erlassen städtischer Behörden, die das Spielen reglementieren, so z.B. ein Spielverbot in der Stadt Bern von 1367 oder in Schaffhausen 1389. Da das Spiel mit den Karten oft als Laster angesehen wurde und mit Geldverlust verbunden war, verboten es die Behörden immer wieder einmal – oder es wurden Spielsteuern erhoben. Im Kanton Wallis ist diese Steuer auch heute noch nicht abgeschafft, wird aber seit ca. 1990 nicht mehr beachtet. – Spieler und Falschspieler gehören zusammen, wie die zwei Seiten einer Medaille, denken Sie an die Redewendung «Mit gezinkten Karten spielen».

Jassreglement von David Hurter I. (1770-1844), entstanden zwischen 1830-1844 mit Erklärungen der Jassarten «Der gewöhnliche Jass», «Der Schmaussjass», «Der kritische Jass», «Der kritische Raubjass» sowie «Der Kreuzjass». Der Hersteller «D. Hurter / Schaffhausen» ist auf den abgebildeten Spielkarten gut zu erkennen.

Ob die Spieler damals schon «jassten», ob auch Frauen spielten, ist nicht bekannt. Erst aus der Mitte des 17. Jahrhunderts kennt man gedruckte Spielregeln. Die heute bekannten Motive der Jasskarten, Schilten, Rosen, Schellen und Eicheln, treten seit dem 16. Jahrhundert auf. Älter sind die sogenannten französischen Karten mit Herz (coeur), Schaufel (pique), Ecke (carreau) und Kreuz (trèfle). Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Karten in der Schweiz am meisten benutzt werden, nicht nur im Tessin und der Romandie, auch in Graubünden und den westlichen Teilen der deutschen Schweiz spielt man seit jeher mit den französischen Karten. – Die Ironie der Geschichte liegt aber in folgender Tatsache: Die Darstellung der «französischen» Jasskarten stammt seit dem 19. Jahrhundert aus dem deutschen Altenburg, das bis heute eine Metropole der Herstellung von Spielkarten ist, und gelangte über Österreich in die Schweiz. Jassen zählt seit 2012 zum immateriellen Kulturerbe der Schweiz.

Ausser Jass gibt es noch viele andere Kartenspiele: Tarock in Österreich, Bridge, früher das Spiel der englischen Gesellschaft, Rommé oder das prickelnde Glücksspiel Poker, das in der Literatur und besonders auch im Film zur Spannung beiträgt.

Schon früh erkannte man, dass sich Spielen und Lernen kombinieren lassen: die Quartette wurden erfunden. Als Erfinder dieser «Lehrkarten» gilt der Franziskaner und Humanist Thomas Murner (1474-1537), der sogar Logik und Rechtswissenschaften auf diese Weise vermittelte. Ludwig der XIV. erhielt als Kind Lehrkarten, um sich für sein späteres Königsamt notwendiges Wissen anzueignen, z.B. über die Könige Frankreichs, über Geographie, über Fabelwesen. Wer erinnert sich nicht an Quartette aus seiner Jugend, seien es Tiere Afrikas oder erste Automobile, Blumen etc.

Tarockkarte «Die Liebenden» aus einem sogenannten «Besançoner Tarock» von Bernhard I. Schär (1743-1800), Mümliswil, 1784. Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Depositum Sturzengger-Stiftung.

«Lust auf ein Spiel» zeigt eine Vielzahl von Spielkarten, erotisch gestaltete z.B., die damals wohl nur im verräucherten Hinterstübli oder unter dem Tisch zirkulierten, auch moderne aus den 1980er Jahren, die von der Schweizer Jassgemeinde rundweg abgelehnt wurden, künstlerische von Niki de St. Phalle oder politisch-satirische Karten. Auch über die Entstehung der geheimnisvollen Tarotkarten erfahren wir einiges.

Es darf gespielt werden!
Am 21. August findet von 11 – 17 Uhr ein Generationen-Spieltag statt.

Weitere Vorträge und Führungen.
Die Ausstellung dauert bis 30. Oktober 2016

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museums zu Allerheiligen.

 

 

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