FrontKolumnenZuhören statt reden

Zuhören statt reden

Oder wenn sich alle hinter die nationalen Grenzen zurückziehen.

Noch nie waren wir so nahe dran am Weltgeschehen: Paris, Nizza, München, Würzburg, ganz aktuell Bangkok, Terroranschlag an Terroranschlag, beim Putsch in der Türkei, beim beinahe vergessenen Krieg in der Ostukraine, beim Wahlkampf in den USA. Selbst das Flüchtlingsdrama in Como, bislang kaum beachtet, taucht immer stärker in den Medien auf, obwohl es zuerst ein italienisches Problem war und nun auch die Schweiz zu bedrängen beginnt.

Per Internet wird uns unmittelbar frei Haus geliefert, was fern und nah so Schreckliches passiert. Sei es, wie die islamische Terrormiliz IS tausende Menschen entführt, sie auf ihrem Rückzug als lebende Schutzschilder benutzt. Sei es, wenn Donald Trump ein weinendes Baby aus dem Saal heraus zu komplimentieren befiehlt, wo er Hillary Clinton vor seinen Anhängern als „Verbrecherin“ bezeichnet, die ins Gefängnis gehört.

Aber sind wir dadurch informierter oder nur erschreckt? Steigert die Unmittelbarkeit der schrecklichen Ereignisse lediglich unsere bereits vorhandene Angst? Die Angst, auch mit den Schrecken dieser unruhigen, aufgeschreckten Welt konfrontiert zu werden. Suchen wir dadurch Schutz, igeln wir uns weiter ein, hinter unsere nationalen Grenzen, gar in den Schutzraum, wo es kein Tageslicht, gleichsam keine Hoffnung auf einen strahlenden neuen Tag gibt? Nur: Die Zukunft kommt so der so. Tag für Tag.

Viele kehren in diesen Tagen zurück in den Alltag, an die Werkbank, ins Büro, an den beruflichen PC, wo zuerst noch die Selfies von den Ferien verarbeitet, für die Zukunft dokumentiert und abgelegt werden. Dann gibt es aber kein Ausweichen mehr. Der Tag will bewältigt, die Arbeit erledigt, das Einkommen gesichert, die anstehenden Rechnungen beglichen werden. Letztlich müssen wir uns eben der Zukunft stellen, die unerbittlich eintrifft. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, raus aus dem Schutzraum.

Tausende Arbeitnehmende werden wieder in die Tasten greifen, werden e-Mails verfassen, Kunden in der ganzen Welt anrufen, zuerst Ferienerlebnisse austauschen, dann doch zum Geschäftlichen wechseln und wieder aufnehmen, was sie schon vor den Ferien taten: Geld verdienen, für sich und die Familie. Und das geht nur über die lokalen, die nationalen Grenzen hinaus.

Statt uns einzuigeln, müssen wir uns öffnen, müssen wir die Märkte in der Welt bearbeiten, müssen wir an einem interessiert sein: einem friedlichen Zusammenleben, weltweit. Die Schweiz hat immer wieder Zeichen gesetzt, als Sitz des Internationalen Roten Kreuzes, als europäischer Standort der UNO, als Ort grosser Konferenzen, als Treuhänderin geheimer Absprachen, als Vermittlerin zwischen verfeindeten Ländern, zwischen Regierenden und Rebellen.

Wenn sich nun viele Staaten, wie Grossbritannien, wie Polen, Ungarn auf sich selbst zurückzuziehen beginnen, sich der Teilhabe zu entziehen versuchen, wenn gar katholische Kirchenvertreter in Polen Menschen, die vor Krieg, Hunger und Tod fliehen, als Wegbereiter des Terrorismus bezeichnen, ist gesetzt, was uns nachdenklich stimmen muss: Egoismus.

Was können wir tun? Gegensteuern. Uns als Ort der Verständigung anbieten. Vorführen, dass nicht nur die eigene Position die einzig richtige ist, dass zur eigenen Wahrheit immer auch ein Fragezeichen gehört, dass zuhören meist wichtiger ist als reden. Der Appell sei nicht nur an die Mächtigen gerichtet. Wir können im Alltag damit beginnen. Am ersten Tag nach den Ferien.

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