FrontKolumnenDie Scheinheiligkeit, die ich meine

Die Scheinheiligkeit, die ich meine

Die Verunsicherung ist gross: Soll die Totalverschleierung moslemischer Frauen geduldet oder verboten werden? Wo sind die Grenzen der Toleranz? Sachlichkeit ist gefordert. 

Ferien im Ausland haben den Vorteil, das Vorzeigeland Schweiz bei der Rückkehr wieder so richtig zu geniessen. Handkehrum ist man immer wieder erstaunt, wie kleinkariert sich aus räumlicher Distanz die Debatten hierzulande ausnehmen, wie eher unscheinbare Probleme propagandistisch ausgeschlachtet werden und die Toleranz zwar ständig beim Andersdenkenden eingefordert, bei sich selbst aber keineswegs auf den Prüfstand kommt. Nur, gibt es auch Grenzen der Toleranz?

Das Tessin kennt seit dem 1. Juli ein Verhüllungsverbot, derweil sich die Hotellerie und die Geschäftswelt in Interlaken die Hände reiben, weil es als Eldorado der Grosszügigkeit alle Gäste willkommen heisst – solange die Kasse stimmt.

In Frankreich gilt  das Burka-Verbot seit 2011, und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat dieses Gesetz ausdrücklich gebilligt, sodass sich auch der Bundesrat nicht veranlasst sah, die Tessiner in die Schranken zu weisen. In Deutschland soll die Vollverschleierung künftig nur in Teilen des öffentlichen Lebens, in Schulen und in der Verwaltung untersagt werden. Einer solchen Kompromisslösung könnte auch die Schweiz zugetan sein, hat sie doch zu den arabischen Ländern generell einen guten Draht und weiss ihre guten Dienste auch international geschickt in Szene zu setzen.

Da das Egerkinger Komitee seit Frühjahr eine nationale Volksinitiative für ein Verhüllungsverbot lanciert hat, kochen viele Kontrahenten halt wieder ihr abgestandenes Süppchen und wittern propagandistischen Aufwind. Sogar der Zürcher SP-Regierungsrat Mario Fehr rang sich im Sommerloch zu einem Bekenntnis für ein Verschleierungsverbot durch und provozierte damit natürlich insbesondere die Jusos, die sich mittlerweile fragen, was Mario Fehr eigentlich noch in der SP mache. „Wir werden ihn bei den nächsten Wahlen sicher nicht mehr unterstützen“, so Lewin Lempert, Juso-Co-Präsident. Nun, auf diese Unterstützung ist Fehr ohnehin nicht angewiesen, schnitt er doch bei den Regierungsratswahlen mit einem Glanzresultat ab, weil er eigenständig politisiert und sich nicht an die Partei-Kandarre binden lässt. Wir erinnern uns an die Vollblutpolitikerin Emilie Lieberherr und an den früheren Zürcher Stadtrat Jürg Kaufmann, die sich einzig ihrem Gewissen verpflichtet fühlten und die Konflikte mit ihrer Mutterpartei gelassen hinnahmen.

«In einer liberalen Gesellschaft zeigt jeder sein Gesicht – Burkas gehören nicht hierher»,

liess sich Mario Fehr in der NZZ zitieren. Warum also die ganze Aufregung? Verhüllungsverbot bedeutet natürlich auch Vermummungverbot. Und weil sich die linken Aktivisten keinen Deut darum kümmern und jede Gelegenheit dazu nutzen, sich bei Demos, Fussball- und Eishockeyspielen der Verantwortung zu entziehen, solidarisieren sie sich nun – verlogener geht gar nicht – mit Burka-Trägerinnen, die nicht aus religiöser Überzeugung handeln, sondern sich der patriarchalen Unterdrückung nicht entziehen können. Sogar die Islam-Theologen der Al-Azhar-Universität in Kairo vertraten bereits 2009 eine klare Meinung: „Die Verschleierung schadet dem Ansehen des Islam.“

Verwunderlich ist für den Betrachter auch das beharrliche Schweigen von emanzipierter Seite. Wenn sich Frauenorganisationen zu Recht für absolute Gleichberechtigung und gegen jede Form von Geringschätzung zur Wehr setzen, erstaunt es, wie schmallippig sie sich in dieser Frage verhalten. Wer Gast ist, soll sich entsprechend anpassen und die kulturelle und ethnische Identität eines Gastlandes akzeptieren – oder es sein lassen und die Konsequenzen ziehen. Auch wenn ich in ein arabisches Land gehe, sollten die gleichen Obliegenheiten gelten, auch wenn das viele westliche Touristen leider auch nicht wahrhaben wollen. Es geht hier weder um Links noch um Rechts, es geht nur um Ehrlichkeit und die geforderte gegenseitige Rücksichtnahme.

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