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Philosophieren mit Malerei

Berühmter Avantgardekünstler, dann verfemt und heute fast vergessen: Karl Ballmer kann im Aargauer Kunsthaus wiederentdeckt werden

Der Aarauer Maler und Schriftsteller Karl Ballmer (1891-1958) zählt in den 1930er Jahren zu den führenden Avantgardekünstlern der Hamburgischen Sezession. Künstlerisch erfolgreich, wird er 1937 von den Nationalsozialisten als entarteter Künstler diffamiert und gezwungen, in die Schweiz zurückzukehren. Heute, ein Vierteljahrhundert nach der letzten Retrospektive, ruft das Aargauer Kunsthaus den Künstler ins Gedächtnis und widmet dem analytischen und zugleich empfindsamen Oeuvre eine umfassende Einzelausstellung.

Karl Ballmer, Durée (an Henri Bergson)1931. Aargauisches Kunsthaus Aarau,  Depositum der Karl-Ballmer Stiftung

Die Ausstellung Karl Ballmer. Kopf und Herz zeigt die verschiedenen Schaffensphasen vor dem Hintergrund kunsthistorischer Analysen und jüngster Forschungsergebnisse. Über hundert Gemälde und Papierarbeiten aus der Sammlung treten in Dialog mit vierzig Leihgaben aus Privatbesitz und aus deutschen wie Schweizer Museen: Nordische Stadt- und Landschaftsdarstellungen begegnen zergliederten Figurendarstellungen. Gemälde von pastellener Farbigkeit werden durch das dunkeltonige Spätoeuvre  abgelöst. Mannigfaltig wird das Thema des Kopfes in Druckgrafik, Bleistiftzeichnung und Ölgemälde durchgespielt. Originaldokumente aus dem Staatsarchiv Aargau, welches den schriftlichen Nachlass Ballmers betreut, gewähren vertiefte Einblicke in das künstlerische und kunstpolitische Umfeld, in dem sich Karl Ballmer bewegte.Der Katalog setzt thematische Schwerpunkte und bildet den theoretischen Unterbau zur Ausstellung.

Karl Ballmer, Nordische Landschaft, 1931. Aargauer Kunsthaus Aarau

Karl Ballmers Werk ist innerhalb der Schweizer Kunstgeschichte nicht einfach einzuordnen. Fast wäre es in Vergessenheit geraten, hätte sich nicht das Aargauer Kunsthaus nach Ballmers Tod für sein Schaffen engagiert. Karl Ballmer wurde 1891 in Aarau geboren. Seine Schulzeit beschrieb er als „eher trostlos“, er verliess das Gymnasium vorzeitig, um eine Zeichnerlehre bei einem Architekten zu beginnen. Seine künstlerische Ausbildung setzte er in Aarau, Basel und an der Kunstakademie München fort und arbeitete als Grafiker. Während seines Aktivdienstes war er im Pressedienst des Armeestabs eingeteilt und ab 1916 verfasste er selbständig Zeitungsartikel. Zeitlebens übte er neben der künstlerischen immer auch eine philosophierende schriftstellerische Tätigkeit aus.

Karl Ballmer, Drei Figuren, um 1933/34. Privatbesitz. Foto Timo Ullmann

1917 wurde er auf Rudolf Steiner aufmerksam. Er begegnete ihm 1918 persönlich und übersiedelte mit seiner späteren Ehefrau Katharina van Cleef (1890-1970) nach Dornach, wo er von Steiner eingeladen wurde, am Goetheanum Vorträge über bildende Kunst zu halten. Dort galt er eher als Aussenseiter, weil er sich mit der Anthroposophie sehr eigenständig auseinandersetzte. Ihm gab das Geistige Halt im Leben, an dem er oft verzweifelte. In seinem schriftlichen Werk begleitete ihn Rudolf Steiner immer wieder und auch in seinen Bildern taucht das Porträt seines grossen Vorbilds immer wieder auf.

1922 liess er sich mit seiner Partnerin in Hamburg nieder und wandte sich dem künstlerischen Schaffen zu. Die Hamburger Avantgarde nahm in auf und förderte ihn. Seine Bilder wurden in Ausstellungen zusammen mit Werken von Paul Klee und Wassily Kandinsky gezeigt. Die jungen Maler, denen sich Karl Ballmer anschloss, beschäftigten sich mit der Suche nach einer Möglichkeit, die Hierarchie bildnerischer Gestaltungsmittel aufzuheben. Sie strebten eine gleichwertige Bildwirkung von Linie, Fläche und Farbe an. 1932 trat Ballmer in die neu formierte Hamburgische Sezession ein. In empfindsamen Bildnissen wie auch komplexen Landschafts- und Figurenbildern strebte er nach einer Malerei, die ihren hinter der äusseren Erscheinung verborgenen Wesenskern zum Ausdruck bringt.

Karl Ballmer, Kopf in Rot. um 1930/31. Aargauer Kunsthaus Aarau

Der junge Samuel Beckett hatte Ballmer auf seiner Kunstreise 1936-37 durch Deutschland besucht und fand in ihm einen Wahlverwandten. So schrieb Beckett in seinem Tagebuch: „Das Objekt, das er malt, ist der konkrete wirkliche Geist des konkreten wirklichen Ballmers, die Natur bei sich selbst, das Wesen der Erscheinung.“ Besonders Ballmers Kopf in Rot von 1930/31, in dem Beckett einen Frauenkopf zu erkennen glaubte – es handelt sich eher um ein Selbstbildnis Ballmers – berührte ihn: „Ein wundervoller roter Frauenkopf, Schädel Erde Meer und Himmel…“. Thomas Hunkeler widmet dieser Begegnung ein ausführliches Kapitel im Katalog.

Kopf und Herz – ein Blick in die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus. Foto: Timo Ullmann

Als nach 1935 der Druck der Nationalsozialisten auf Ballmer, einen entarteten Maler und Mitglied der verbotenen Anthroposophischen Gesellschaft, und auf seine jüdische Frau immer stärker wurde, kehrte er im Herbst 1938 in die Schweiz zurück. Nur dank seiner Beziehung zum Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, der durch das Legat seines Sohnes Cornelius unlängst in die Schlagzeilen geraten ist, verdankte er den Rücktransport seiner Werke in die Schweiz. Über diese Beziehung verfasste Carolin Lange einen aufschlussreichen Text.

Karl Ballmer, Halbfigur (Selbstbildnis) 1932. Aargauer Kunsthaus Aarau, Depositum der Karl-Ballmer Stiftung

Ballmers liessen sich 1941 in Lamone bei Lugano nieder. In relativer Abgeschiedenheit, ohne Anschluss an die Schweizer Kunstszene malte Karl Ballmer weiter. 1947 lud ihn die wiedergegründete Hamburgische Sezession ein, was ihn sehr freute, doch es entstand keine dauerhafte Zusammenarbeit, auch gelang der Anschluss an die internationale Kunstszene nicht mehr.

1960, zwei Jahre nach seinem Tod, widmete das Aargauer Kunsthaus Karl Ballmer eine umfassende Retrospektive. 1990 folgte eine monografische Ausstellung. Damals wurde die Karl Ballmer-Stiftung gegründet, die sich der Verwaltung von Ballmers künstlerischem Nachlass annahm. Sie gab die fast 200 Gemälde und Papierarbeiten als Dauerleihgabe in die Sammlung des Aargauer Kunsthauses. Die aktuelle Ausstellung stellt den Künstler unter dem Titel Karl Ballmer. Kopf und Herz einer neuen Publikumsgeneration vor. Im März 2017 wird die Ausstellung in gestraffter Form im Ernst Barlach Haus in Hamburg gezeigt.

bis 13. November 2016

http://www.aargauerkunsthaus.ch/
Der Ausstellungskatalog kostet 49 Franken

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